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Aus: Ausgabe vom 07.05.2022, Seite 6 / Ausland
Völkermord an Jesiden

»Wir glauben nicht mehr, dass andere Kräfte uns verteidigen«

Parallel zu türkischer Offensive im Nordirak greift irakische Armee jesidische Selbstverteidigungskräfte an. Ein Gespräch mit Azad Hisên
Interview: Annuschka Eckhardt
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Jesidische Selbstverteidigungskräfte in Sengal (5.5.2022)

Vergangenen Sonntag begannen im Siedlungsgebiet der Jesiden in Sengal, arabisch: Sindschar, im Nordirak Angriffe der irakischen Armee auf Stellungen der Sicherheitskräfte der Selbstverwaltung und der Verteidigungseinheiten des Sengal, YBS. Was genau ist passiert?

Bereits am 18. April gab es erste Angriffe der irakischen Armee auf einen Kontrollpunkt der Sicherheitskräfte. In den letzten Tagen kam es dann erneut zu Gefechten, obwohl es zuvor eine Einigung zwischen Vertretern der Autonomen Verwaltung Sengals und der irakischen Armee gegeben hatte. Denn die irakische Armee hat sich leider nicht an diese Absprachen gehalten, mit denen Ruhe und Stabilität gewährleistet werden sollte. Als Autonome Verwaltung Sengals unternehmen wir alles dafür, dass es nicht wieder zu einem Krieg kommt, wie wir als Jesiden ihn bereits während des Genozids vom 3. August 2014 durch den »Islamischen Staat«, IS, erleben mussten. Der IS wurde nach 2014 aus Sengal vertrieben, viele der Bewohner sind mittlerweile in ihre Häuser zurückgekehrt, Sengal wurde zu einem bedeutenden Teil wieder aufgebaut und ist heute in der Lage, sich selbst zu verteidigen. Doch der türkische Staat, die in der Autonomieregion Kurdistan-Irak regierende Demokratische Partei Kurdistans, KDP, und die irakische Regierung verfolgen gemeinsam den Plan, die Autonome Verwaltung Sengals, unsere Sicherheitskräfte Asajisch, genauso wie unsere Selbstverteidigungskräfte YBS/YJS aufzulösen.

Warum geht die irakische Armee gerade jetzt so stark gegen die YBS vor?

Das hat historische Gründe. Wir Jesiden haben insgesamt 74 Genozide erlitten. Nicht ein einziges Mal hat die irakische Regierung unsere jesidische Bevölkerung beschützt. Heute benutzen einige die Arbeiterpartei Kurdistan, PKK, als Vorwand für die Angriffe auf uns. Ich persönlich bin 26 Jahre alt und bin bereits zweimal Zeuge eines Genozides gegen unsere Bevölkerung geworden, der vom Irak und der KDP zugelassen wurde. Im Irak haben alle Gemeinschaften das Recht, sich selbst zu verteidigen. Das gilt auch für uns Jesiden. Obwohl alle wissen, dass Al-Haschd Al-Schaabi (vor allem aus schiitischen Milizen bestehende Volksmobilisierungseinheiten, jW) vom Iran ausgebildet und finanziert werden, sind diese Kräfte im Irak aktiv. Genauso werden sunnitische Kräfte unter dem Namen Al-Haschd Al-Watani hier im Irak von der Türkei ausgebildet und finanziert. Auch die Christen im Land verfügen über ihre eigenen Selbstverteidigungskräfte. Wir treten für das legitime Recht ein, dass alle Gemeinschaften des Irak ihre eigenen Selbstverwaltungsinstitutionen und Selbstverteidigungskräfte aufbauen, denn wir wollen nicht noch einmal Opfer eines Genozides werden.

Auch das türkische Militär greift immer wieder Ziele in der Region Sengal an. Welche Verbindungen bestehen zwischen Ankara, der KDP und dem irakischen Militär?

Der türkische Staat und die KDP verfolgen einen gemeinsamen Plan gegen Sengal. Unmittelbar nach Gesprächen des kurdischen Premierministers Masrur Barsani mit Erdogan in Ankara begannen die Angriffe auf Sengal und die südkurdischen Regionen Zap und Awaschin. Seit dem 17. April wird die Guerilla dort angegriffen. Dabei war es die Guerilla, die uns Jesiden 2014 vor einem noch umfassenderen Genozid beschützt hat. Nur einen Tag später kam es zu den ersten Angriffen in Sengal. Der türkische Staat hält Teile Südkurdistans besetzt und hat die Bevölkerung Hunderter Dörfer vertrieben. Die kurdische Regierung muss umgehend Stellung dagegen beziehen und die Bevölkerung beschützen. Es ist mir an dieser Stelle sehr wichtig zu betonen, dass der Vorwand der KDP und des türkischen Staates, die PKK befinde sich in Sengal, falsch ist. Das Ziel dieser drei Kräfte, die im Hintergrund von weiteren Kräften unterstützt werden, ist die Vertreibung der Jesiden aus Sengal, damit sie problemlos ihre Pläne hier in der Region umsetzen können. Als Autonome Verwaltung Sengals wollen wir selbstbestimmt unsere eigene Politik, Diplomatie und Verteidigung gestalten. Denn wir glauben nicht mehr daran, dass andere Kräfte uns verteidigen oder in unserem Namen Politik machen.

Azad Hisên ist Mitglied der Exekutivkommission der Autonomen Verwaltung von Sengal (Sindschar) im Nordirak

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