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Aus: Ausgabe vom 05.05.2022, Seite 7 / Ausland
»Rohstoff der Zukunft«

Auf dem Weg zum Lithiumkartell

Mexikos Präsident plant Allianz mit Chile, Bolivien und Argentinien
Von Frederic Schnatterer
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Nach der Verstaatlichung der Lithiumvorkommen plant Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador den nächsten Coup: Bei seiner täglichen Pressekonferenz am Dienstag (Ortszeit) erklärte er, seine Regierung spreche mit jenen aus Bolivien, Argentinien und Chile über die Gründung einer Lithiumvereinigung. Deren Ziel werde es sein, Wissen, Erfahrungen und Technologien zu teilen, mit denen die Erschließung des Leichtmetalls verbessert werden könne, so López Obrador weiter.

Erst am 19. April hatte der mexikanische Senat einer Änderung des Bergbaugesetzes zugestimmt, die unter anderem die Erkundung der Lithiumvorkommen, deren Ausbeutung sowie die Vermarktung des Leichtmetalls verstaatlicht. Wie viel des »Rohstoffs der Zukunft« in Mexiko liegt, ist nicht genau beziffert, Schätzungen gehen allerdings davon aus, dass die Vorkommen zu den zehn größten der Welt gehören. Zudem deutet vieles darauf hin, dass sich die weltweite Nachfrage nach Lithium in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vervielfachen könnte. Der Rohstoff wird besonders für den Bau von Akkus und Batterien, beispielsweise für Elektroautos, gebraucht. Laut Zahlen des US Geological Survey hat sich die weltweite Lithiumproduktion bereits im Zeitraum 2016 bis 2021 verdreifacht, von 35.000 auf 100.000 Tonnen.

Problematisch könnte indes sein, dass sich das Mineral in Mexiko zu großen Teilen in Ton- und Gesteinsschichten eingebunden befindet, was einen Abbau erschwert, berichtete Reuters am Dienstag. Das ist bei den Vorkommen in Chile, Argentinien und Bolivien – die drei Länder bilden das sogenannte Lithiumdreieck – anders. Das Leichtmetall kommt hier oftmals in Salzseen vor und lässt sich mit relativ einfachen Mitteln abbauen. Die im Lithiumdreieck liegenden Reserven gehören zu den größten der Welt. Während der Rohstoff im Falle Argentiniens (14,8 Millionen Tonnen) und Chiles (8,3 Millionen Tonnen) von privaten Unternehmen abgebaut wird, befinden sich die Vorkommen in Bolivien (21 Millionen Tonnen) seit 14 Jahren im Besitz des Staates.

Mit Boliviens Präsidenten Luis Arce habe es bereits Gespräche gegeben, erklärte López Obrador am Dienstag. Dieser sei wiederum »in Kontakt« mit dem argentinischen Staatschef Alberto Fernández und seinem chilenischen Amtskollegen Gabriel Boric. Gegenüber Reuters erklärte die chilenische Bergbauministerin Marcela Hernando, dass ihr Land dazu bereit sei, sich an Initiativen »zum Austausch von Wissen, Erfahrungen, Wissenschaft und Technik« zu beteiligen.

Mehrere Medien sprechen bereits von einer »lateinamerikanischen OPEC«, nur eben für Länder mit großen Lithiumvorkommen. Mit Hilfe einer solchen Vereinigung könnte der Weltmarktpreis des Minerals kontrolliert werden, meldete beispielsweise das argentinische Portal La Política Online. Bolivien und Argentinien hatten bereits vor einem Monat vereinbart, in der Entwicklung der Lithiumwirtschaft enger zusammenarbeiten zu wollen – trotz der unterschiedlichen Besitzverhältnisse.

Tatsächlich ist der Moment für eine engere Kooperation zwischen Mexiko, Bolivien, Argentinien und Chile derzeit gut. Die vier Ländern verfügen über eher linke Regierungen, seit März sitzt mit Boric auch in Chile ein Sozialdemokrat im Präsidentenpalast. Wenn auch in unterschiedlichem Maße, setzen sie alle auf eine eigenständigere Entwicklung unabhängig von den USA. Stattdessen wird versucht, regionale Formate des wirtschaftlichen und politischen Austauschs zu fördern. Ein nächster wichtiger Schritt auf dem Weg könnte ein »Lithiumgipfel« der vier Staaten sein, der noch in diesem Jahr stattfinden soll.

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