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Aus: Ausgabe vom 05.05.2022, Seite 16 / Sport
Tennis

Standards des Krieges

Politik des Ausschlusses: Der russische Tennisspieler Andrej Rubljow darf nicht in Wimbledon spielen
Von Gabriel Kuhn
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Ausschlussgrund Geburtsort: Andrej Rubljow haftet für seinen Präsidenten (3.5.2022)

Andrej Rubljow war offensichtlich mitgenommen. Während des ATP-Turniers in Belgrad nahm er am 21. April Stellung zum Ausschluss russischer und belarussischer Tennisspieler von den Championships in Wimbledon, dem prestigeträchtigsten aller Tennisturniere. Rubljow entschuldigte sich für sein Englisch und erklärte, dass er nichts mit Politik am Hut habe. Er wolle jedoch klarstellen, dass er diese Maßnahme als »diskriminierend« erachte.

Die Geste des Sportlers, der nichts mit Politik am Hut hat, hätte sich Rubljow vielleicht sparen können. Auch wer nur auf einen Tennisball schlägt, darf sich Gedanken zum menschlichen Miteinander machen. Rubljows Enttäuschung darüber, für etwas zur Verantwortung gezogen zu werden, für das er sich nicht verantwortlich fühlt, ist freilich zu verstehen. Immerhin hatte er am Vorabend des russischen Einmarsches in die Ukraine beim ATP-Turnier in Dubai »No War Please« auf eine Fernsehkamera geschrieben.

Rubljow und seine Kollegen erhielten nach ihrem Auftritt zum Wimbledon-Ausschluss viel Unterstützung. Mit der Spielervereinigung ATP (Herren) und der der WTA (Damen) kritisierten beide internationalen Tennisverbände die Entscheidung. WTA-Gründerin Billie Jean King meinte in einem Statement: »Ich kann den Ausschluss von Einzelsportlern von Wettbewerben nicht unterstützen, wenn der einzige Grund ihre Nationalität ist.« Die Wimbledon-Veranstalter wiederum gaben der britischen Regierung die Schuld. Deren Vorgaben hätten ihnen keine andere Wahl gelassen.

Das sah schon einmal anders aus. Während weltweit zahlreiche Sanktionen gegen das südafrikanische Apartheidregime in Kraft waren, erreichte der Südafrikaner Kevin Curren 1983 in Wimbledon das Semifinale. Die ATP hielt sich auch damals an das Prinzip, dass Tennisprofis Einzelsportler seien, die ihr Herkunftsland nicht offiziell repräsentierten. Auch die britische Regierung schien keine Einwände zu haben. Im Gegenteil. Anfang der 1970er Jahre bedurfte es der breiten Basisbewegung »Stop the Seventy Tour«, um Testspiele des südafrikanischen Cricketteams in Großbritannien zu verhindern. Von den Olympischen Spielen war Südafrika schon 1964 ausgeschlossen worden.

Nicht nur im Tennis sehen wir neue Standards. Der russische Formel-1-Pilot Nikita Mazepin verlor aufgrund des Kriegs in der Ukraine seinen Vertrag für die laufende Saison noch vor dem ersten Rennen. 1979 wurde hingegen der Südafrikaner Jody Scheckter Formel-1-Weltmeister. Der letzte für Ferrari, bevor Michael Schumacher in der Saison 2000 eine lange Durststrecke für den traditionsreichen italienischen Rennstall beendete. Bis 1985 hielt die Formel 1 in Kyalami, nördlich von Johannesburg, sogar einen jährlichen Grand Prix in Südafrika ab. Der im September 2022 geplante Grand Prix im russischen Sotschi ist längst abgesagt.

Die Verschiebung der Standards hat natürlich mit geopolitischen Voraussetzungen zu tun. Wer die Frage aufwirft, warum keine US-Sportler nach der Invasion in den Irak 2003 von internationalen Sportwettbewerben ausgeschlossen wurden, zumal sich die dort angeblich versteckten Massenvernichtungswaffen nie finden ließen, wird in der Regel nur verständnisloses Kopfschütteln ernten. Und sollte sich jemand zu einer Antwort bequemen, wird diese darin bestehen, dass das doch wirklich nicht zu vergleichen wäre. Aber ist es das nicht?

Rubljow hat in jedem Fall recht, wenn er – Sprachschwierigkeiten hin oder her – der Entscheidung der Wimbledon-Veranstalter »jede Logik« abspricht. Wenn sich die internationale Gemeinschaft auf einen Boykott bestimmter Länder einigt (egal, ob gerechtfertigt oder nicht), dann hat es eine gewisse Logik, Nationalteams von Wettbewerben auszuschließen. Aber Einzelsportler?

In einem Onlineforum rechtfertigte ein User den Wimbledon-Ausschluss der Tennisspieler damit, dass Rubljow schließlich für Russland eine olympische Goldmedaille gewonnen habe. Das ist nicht ganz richtig, denn er trat mit seiner Mixed-Doppelpartnerin Anastassija Pawljutschenkowa bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 für das Russische Olympische Komitee an, nachdem das Land Russland aufgrund der Staatsdoping-Affäre bei den Spielen nicht vertreten sein durfte. Vor allem aber stellt sich die Frage: Für welches Land hätte der in Russland als Sohn russischer Eltern geborene Rubljow sonst olympisches Gold gewinnen sollen? Sportler für die Aufteilung der Welt in Nationalstaaten verantwortlich zu machen, das geht dann doch etwas weit.

Unterstützung für die russischen und belarussischen Tennisspieler kam übrigens auch von der Nummer eins im Herrentennis, dem Serben Novak Djokovic. Obwohl er davon profitiert, dass Daniil Medwedew, Nummer zwei der Weltrangliste, in Wimbledon keine Weltranglistenpunkte sammeln kann, nannte er den Ausschluss »verrückt«. Djokovic ist freilich ein gebranntes Kind. Er versäumte das letzte Grand-Slam-Turnier in Australien aufgrund eines Ausschlusses. Allerdings nicht wegen seiner Nationalität, sondern einer fehlenden Covidimpfung.

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  • Leserbrief von Ole Rolfs aus Heidelberg ( 5. Mai 2022 um 12:58 Uhr)
    Liebe Redaktion, lieber Autor, die Punkte, die in den Artikeln aufgeführt werden, finde ich zum großen Teil richtig und relevant. Ich wollte nur auf die Formel-1-Affäre um Nikita Mazepin hinweisen, der sein Cockpit nicht rein aus dem Grund verloren hat, dass er russischer Staatsbürger ist, sondern weil sein Team einen Sponsoringvertrag mit der Firma seines Vater (Uralkali) hatte, ein regierungsnahes Rohstoffunternehmen, welches mit seinem Geld erst dafür gesorgt hatte, dass Mazepin seinen Platz bekommt. Da der Sponsoringvertrag aber aufgelöst werden musste, aufgrund der im Artikel erwähnten Sanktionen, wurde auch Mazepins Vertrag aufgelöst, da es ohne das Geld seines Vaters keine Gründe gibt, ihn zu behalten. Seine Leistungen waren ja eher hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Dennoch wird ein US-amerikanischer Rennstall wie Haas mit Sicherheit nicht unglücklich gewesen sein über die Möglichkeit, den russischen Fahrer loszuwerden, um nach westlichen Standards ein politisch und moralisch einwandfreies Bild abzugeben.

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