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Aus: Ausgabe vom 04.05.2022, Seite 8 / Ausland
Kolumbiens Linke

»Es ist ein Gefüge entstanden in der Nachbarschaft«

Kolumbien: Ein Jahr nach Massenprotesten hat Linkskandidat Aussichten auf Präsidentschaft. Ein Gespräch mit Juan Guerrero
Interview: Elias Korte, Bogotá
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Massenprotest gegen Armut und Polizeigewalt (Bogota/Kolumbien, 28.5.2021)

Ab dem 28. April letzten Jahres brachen in ganz Kolumbien enorme Proteste aus, die sich als Volksaufstand bezeichnen lassen. Wie kam es dazu?

Wir haben vor einem Jahr in der Pandemie einen verstärkten Klassenwiderspruch erlebt. Wir mussten feststellen, dass der Staat nicht in der Lage war, die am stärksten marginalisierten Teile der Gesellschaft durch die Quarantäne zu bringen. Wenn es keine Produktion gibt, steht das Land still. Die Regierung konnte das Grundrecht auf Nahrung nicht garantieren. In dieser Situation wollte sie auch noch eine Steuerreform gegen die Mehrheit durchsetzen. Und das hat dazu geführt, dass die Menschen auf die Straße gegangen sind, um ihre Rechte einzufordern. Menschen, die es nie gewohnt waren zu protestieren, sahen sich plötzlich mit staatlicher Repression konfrontiert. Das führte zu recht gewaltsamen Protesten über drei Monate hinweg, wobei Cali das Zen­trum der Erhebungen war, gefolgt von Bogotá. Über die Häfen kamen keine Waren mehr herein, alles war blockiert. So waren die Menschen gezwungen, sich durch Gemeinschaftsküchen in den Vierteln zu ernähren.

Hat die Regierung seitdem etwas getan, um die Probleme anzugehen, die die Demonstranten kritisiert haben?

Das Einzige, was die Regierung getan hat, war, große Unternehmen zu subventionieren, damit sie nicht bankrott gehen. Das Problem ist nicht gelöst, nur weil der Alltag im System zurück ist. Es sterben immer noch Kinder an Hunger. Vielleicht nicht in Bogotá, aber in Regionen wie der Guajira ganz im Norden Kolumbiens. Viele Menschen sind von der Armut in die extreme Armut gerutscht.

Wie hat dieser »nationale Streik« Kolumbien verändert?

Das wird sich hoffentlich in den Präsidentschaftswahlen (29.5./19.6.2022, jW) zeigen … Der Streik hat geholfen, Menschen zusammenzubringen. Es ist ein Gefüge in der Nachbarschaft entstanden, es ist eine Brüderlichkeit entstanden, und ich glaube, dass es die parlamentarische Landschaft verändern wird. Im Kongress ist das bereits passiert. Die Menschen werden für einen Wechsel stimmen und es wird eine Verschiebung hin zur Sozialdemokratie geben.

Würden Sie sagen, dass das gute Ergebnis des Linksbündnisses »Historischer Pakt« bei den Parlamentswahlen am 13. März und die guten Aussichten des Exguerilleros Gustavo Petro auf die Präsidentschaft vor allem auf die Ereignisse von vor einem Jahr zurückzuführen sind?

Ja. In Gustavo Petro kommt der Wunsch der Bevölkerung nach Veränderung zum Ausdruck. Sein vorgeschlagenes Regierungsprogramm ist sozialdemokratisch. Es würde die Garantie von Grundrechten bedeuten, die Abkehr vom Feudalismus, die Entwicklung des ländlichen Raums.

Halten Sie in den nächsten Tagen ähnliche Ereignisse wie vor einem Jahr möglich?

Ich glaube nicht, dass es einen so massiven Protest geben wird. Es sei denn, die Regierung trifft erneut die schlechte Entscheidung, gegen Proteste so massiv Gewalt anzuwenden. Ich glaube, dass die meisten Menschen der widerständigen Teile der Gesellschaft gerade auf einen Protest an der Wahlurne aus sind.

Könnte eine Regierung Petro die nach dem Friedensabkommen mit der Guerilla FARC 2016 angewachsenen Sozialproteste und sozialen Bewegungen besänftigen?

Diejenigen von uns, die sich als Kommunisten bezeichnen, verstehen Petro zwar als ein Projekt des Fortschritts, aber wir machen uns seine Politik nicht zu eigen. Es ist ein Projekt, das zumindest eine Öffnung in Richtung einer Demokratie ermöglicht, in der man öffentlich über linke Forderungen debattieren kann, denn nicht einmal das ist hier momentan möglich. Manche Teile der Bewegungen werden sich vielleicht beruhigen lassen durch eine Einbindung in ein Regierungsprojekt. Egal, wer der Präsident ist: Wenn er mit seiner Politik die Interessen des Volkes verletzt, müssen wir eine starke Opposition sein. Denn wir sind dafür da, die Interessen der Schwächsten zu verteidigen und nicht das Beifallskomitee für irgendeine Regierung zu sein.

Juan Guerrero ist Aktivist der Kommunistischen Jugend in Bogotá

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