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Aus: Ausgabe vom 03.05.2022, Seite 8 / Inland
Befreiung vom Faschismus

»Sie werden eine zentrale Rolle spielen«

Hamburg: Gedenkfeier zu KZ-Befreiung vor 77 Jahren mit Überlebenden und Stimmen gegen Krieg. Gespräch mit Detlef Garbe
Interview: Kristian Stemmler
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Gedenksteine in der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hamburg, 22.4.2022)

In der Hamburger Morgenpost hat die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka Ihre Stiftung attackiert. Sie hätten weder Taktgefühl noch Einfühlungsvermögen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg gezeigt. Worum geht es?

Es geht um die Gedenkfeier anlässlich des 77. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager. An diesem Dienstag um 17 Uhr erinnern die KZ-Gedenkstätte Neuengamme und die Amicale Internationale KZ Neuengamme, AIN, an den Jahrestag der Befreiung. In diesem Jahr werden Hunderte internationale Gäste erwartet, darunter einige ehemalige KZ-Häftlinge aus Israel, den USA und Deutschland und viele Familienangehörige aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Dänemark, Spanien, Polen und anderen Ländern, auch aus der Ukraine. Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt spricht ein Grußwort. Reden werden auch die Überlebenden Helga Melmed sowie Jean-Michel Clère, der Präsident der französischen Amicale.

Und was schreibt die Generalkonsulin in ihrem offenen Brief?

Sie hat begrüßt, dass wir wegen des Kriegs in der Ukraine keine offiziellen Vertreter aus Russland und Belarus eingeladen haben, kritisiert aber, dass das Programm der Gedenkfeier auch einen Beitrag mit »Stimmen aus der ukrainischen/russischen Zivilgesellschaft« vorgesehen hat.

Ihre Stiftung hat erklärt, im Morgenpost-Beitrag seien Umstände nicht korrekt darstellt worden.

Ja. Es heißt da etwa, das Programm der Gedenkfeier sei wegen des Protestes der Konsulin geändert worden. Das ist unzutreffend. Das geplante Programm entspricht dem bereits seit Wochen im Internet, in den verschickten Einladungskarten und im Programmheft angekündigten Ablauf. Unzutreffend ist auch, dass die Ausladungen der konsularischen Vertretungen eine Reaktion auf den Protest seien: Die Stiftung hatte bereits in einem am 5. April gemeinsam mit der AIN abgefassten Schreiben den Botschaften der Russischen Föderation und von Belarus sowie den entsprechenden konsularischen Vertretungen mitgeteilt, dass Repräsentanten aus diesen beiden Staaten aufgrund der Führung respektive Billigung eines Angriffskriegs und weiterer Verletzungen des Völkerrechts bei den Gedenkveranstaltungen nicht willkommen sind. Einladungen waren nicht verschickt worden, insofern erfolgte also auch keine Ausladung. Das Schreiben des ukrainischen Generalkonsulats, das zeitgleich als offener Brief veröffentlicht wurde, datiert vom 19. April, es kann also kein Auslöser für unser Schreiben an die Botschaften der Russischen Föderation und von Belarus gewesen sein.

Wer sind denn die Stimmen aus der »russischen Zivilgesellschaft«, die die Generalkonsulin stören?

Es werden bei der Feier Stimmen aus der Ukraine, aber auch den Krieg ablehnende Voten aus Russland und Belarus verlesen. Nach dem Schreiben des ukrainischen Generalkonsulats haben wir die zu diesem Programmpunkt missverständliche Formulierung verändert und im Kontakt zum Konsulat weitere über Planung und Ablauf der Veranstaltung bestehende Unklarheiten ausgeräumt.

Tybinka fragte rhetorisch, ob es sich bei der russischen Zivilgesellschaft um jene handele, die in einer Umfrage »zu 81 Prozent Freude, Stolz und Zufriedenheit über Putins Politik gegenüber der Ukraine empfand«. Um die, »deren Vertreter ukrainische Kinder und Frauen mit besonderem Vergnügen vergewaltigen, foltern und töten«. Was sagen Sie dazu?

Diese Äußerung möchte ich nicht kommentieren. Nur soviel: Wir sind genauso fassungslos über den Angriffskrieg und die an der ukrainischen Bevölkerung verübten Verbrechen. Wenn offizielle Regierungsvertreter aus Russland und Belarus bei den Gedenkveranstaltungen nicht willkommen sind, heißt dies nicht, dass KZ-Opfer aus diesen Ländern nicht geehrt würden, ganz im Gegenteil: Sie werden eine zentrale Rolle spielen. Zudem werden wir explizit daran erinnern, dass die ehemalige Sowjetunion neben Polen die Hauptlast des deutschen Raub- und Vernichtungskrieges getragen hat und dass es maßgeblich auch der Roten Armee zu verdanken ist, dass Deutschland und Europa von der nationalsozialistischen Herrschaft befreit wurden.

Detlef Garbe leitet die »Stiftung ­Hamburger Gedenkstätten und ­Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen«

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