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So läuft das in »Philly«

Von Mumia Abu-Jamal
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Willie Stokes war in Pennsylvania 37 Jahre lang ein »Lifer«, also ein Mann, der eine lebenslange Haftstrafe zu verbüßen hatte, die erst mit seinem Tod enden sollte. Während dieser endlos bitteren Jahre legte Willie zahlreiche Berufungen gegen sein Urteil ein, aber sie verliefen alle im Sand. Bis er von einem anderen Gefangenen erfuhr, dass ein Mann, der vor über 30 Jahren gegen ihn ausgesagt hatte, später wegen seiner unter Eid geleisteten Falschaussage verurteilt worden war. Doch Willie Stokes brauchte Jahre, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Der Belastungszeuge, Mr. Franklin Lee, hatte sowohl bei der gerichtlichen Voruntersuchung als auch im Strafprozess gegen ihn ausgesagt. In der Voruntersuchung hatte er mitgeteilt, Willie Stokes habe ihm gegenüber damit geprahlt, eine Frau erschossen zu haben. Im Prozess hingegen widerrief Lee seine frühere Aussage und erklärte, er sei von den Cops und Staatsanwälten zu der Aussage gezwungen worden. Staatsanwalt John DiDonato drängte die Geschworenen jedoch, nicht den Widerruf vor Gericht, sondern lediglich seine Aussage in der Voruntersuchung zu berücksichtigen. Willie wurde schuldig gesprochen und zu lebenslänglich ohne Bewährung verurteilt. Nach Willies Verurteilung wurde Lee, der wegen Vergewaltigung saß, angeklagt, bei der gerichtlichen Voruntersuchung gelogen zu haben. Das heißt: Die Ankläger wussten von Anfang an, dass Willie Stokes unschuldig war, hielten den Beweis für seine Unschuld aber jahrzehntelang zurück.

Mit den neuen Erkenntnissen reichte Willie eine Habeas-Corpus-Klage zur Überprüfung der Rechtmäßigkeit seiner Inhaftierung ein und setzte die Aufhebung des rechtswidrigen Urteils und seine Freilassung durch. Danach klagte er wegen der Verletzung seiner Bürgerrechte gegen die Erben der verstorbenen Kommissare Lawrence Gerrard und Ernest Gilbert vom Morddezernat, gegen die damals zuständigen Staatsanwälte DiDonato und Robert J. Marano sowie gegen die Stadt Philadelphia. Auf erschreckende Weise belegen diese Prozesse, wie sich Polizisten und Staatsanwälte gemeinsam dazu verschworen haben, die grundlegendsten Rechte eines unschuldigen Menschen bewusst zu verletzen.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Mr. Lee nicht nur mit der Peitsche der Androhung erheblicher Nachteile für ihn selbst zur Falschaussage gezwungen wurde. Lee wurde auch durch »Zuckerbrot« dazu verführt: Ihm war erlaubt worden, in einem Verhörraum des Morddezernats »Damenbesuch« zu empfangen. Dort ließen ihn die Cops mit seinen Besucherinnen allein. So läuft das in »Philly«.

Übersetzung: Jürgen Heiser

»Wer einen von uns angreift, greift uns alle an«: Auch an diesem 1. Mai galt in den USA auf den Kundgebungen wie bereits in den Jahren zuvor die besondere Solidarität Mumia Abu-Jamal, Leonard Peltier, Julian Assange und weiteren politischen Gefangenen. Da im Bundesstaat Pennsylvania viele »Lifer« wie Willie Stokes bis an ihr Lebensende weggesperrt werden, lag in diesem Bundesstaat ein Schwerpunkt der Mobilisierung darauf, möglichst viele Menschen für den 25. Mai zu organisieren. Die »Coalition to Abolish Death by Incarceration« ruft für den Tag zur landesweiten Demo »Families for Justice Reform« in Pennsylvanias Hauptstadt Harrisburg auf. Ziel ist die Abschaffung lebenslanger Haftstrafen ohne Bewährung, um jedem Gefangenen »eine zweite Chance« einzuräumen. (jh)

Info: https://famm.org/

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