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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Reportage

Trübe Stimmung am Basar

Syrien: Zehn Jahre Krieg hatten auch negative Auswirkungen auf die Händler des Damaszener Marktes
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Obststand am Souk von Damaskus (18.3.2022)

Die Geschichte des Marktes von Damaskus, des »Souk«, ist gleichzeitig die Geschichte seiner Händlerfamilien. Die meisten Geschäfte gibt es seit Generationen. Väter hatten sie ihren Söhnen vermacht, die sie erneut an ihre Söhne weitergaben. Auch deswegen konnten die meisten Betriebe zehn Jahre Krieg überstehen und die Beziehungen zu den Zulieferbetrieben außerhalb von Damaskus aufrechterhalten.

Gemeinsam mit seinem Cousin führt Bassam Hawary auf dem Markt ein Geschäft für Leder und Seile. Der Laden liegt versteckt in einer überdachten Seitengasse unweit des imposanten Denkmals des ehemaligen Sultans Saladin an der Thawra-Straße, der Straße der Revolution. Die meisten Händler auf dem Markt für Leder und Seile beliefern andere Geschäfte, die bei ihnen zum Einkaufspreis Taschen, Gürtel, Transportriemen und Säcke oder auch Netze für Fußballtore einkaufen. Auch Hawary stammt aus einer Händlerfamilie, sein Vater verkaufte Reifen für Autos und Zweiräder. Ende der 1990er Jahre öffnete er dann seinen eigenen Laden.

Die Baumwolle für die Seile, aus denen grobmaschige Netze hergestellt werden, kam früher aus Syrien und wurde aus Aleppo geliefert. Da die größten syrischen Baumwollanbaugebiete unter kurdischer Kontrolle stehen, erhalten die Firmen in Aleppo heute nur noch Baumwolle aus Al-Ghab, einem fruchtbaren Tal entlang des Orontesflusses, das jahrelang mit türkischer Unterstützung von Dschihadisten besetzt war. Der Großteil stamme jedoch, ebenso wie die Nylonseile, aus China. Die Preise seien enorm gestiegen, sagt Hawary. Nicht allein, weil es schwierig geworden sei, die syrische Baumwolle zu bekommen, sondern auch, weil der Transport wegen der Benzin- und Dieselknappheit inzwischen sehr teuer sei. »Dabei haben wir genug Öl, um das ganze Land zu versorgen. Wir haben Öl, Baumwolle und Weizen, und alles ist in unserem Land.«

Vor dem Krieg seien die Geschäfte sehr gut gelaufen, berichtet er. Auch während des Krieges habe er den Verkauf nicht eingestellt. Nun aber sei die Situation so schlecht wie nie, er finde keine ruhige Minute mehr vor lauter Sorgen: »Früher habe ich mein Geschäft nie abgeschlossen. Aber jetzt haben wir Angst, dass etwas gestohlen werden könnte. Ich habe sogar zwei Türen und zwei Schlösser angebracht.« Die Menschen suchten nach Geld. Das habe es vor dem Krieg nicht gegeben. Für alle sei genug dagewesen, für manche auch mehr.

Auf die Frage, wen er für die schlechte wirtschaftliche Lage verantwortlich mache, denkt Hawary lange nach. »Ich bin kein Politiker«, sagt er, aber er habe den Eindruck, dass alle – »im Land und außerhalb« – die Verhältnisse in Syrien ändern wollten. Vor dem Krieg sei es dem Land so gut wie nie gegangen, doch es komme ihm so vor, als sollten »alle Länder hier in der Region, die im Tourismussektor erfolgreich waren, zerstört werden«. Dabei gehe es nicht nur um Syrien, auch der Libanon, Libyen, Ägypten, der Irak, Jemen und der Iran – ein Land nach dem anderen, das wirtschaftlich erfolgreich war oder ist, solle zerstört werden. »In den 1970er Jahren galt Beirut als das zweite Paris. Jedes zweite Wochenende bin ich mit meiner Familie dorthin gefahren, heute liegt Beirut am Boden.«

Er habe sich niemals vorstellen können, dass es so einen Krieg in Syrien geben könnte. »Selbst wenn Israel uns angegriffen hätte, wäre es nicht so schlimm geworden, wie es heute ist«, ist der Händler überzeugt. Er habe sein Geschäft aufgebaut, damit seine Söhne es einmal übernehmen könnten, aber die lebten heute in Abu Dhabi, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. »Hier finden sie keine ordentliche Arbeit mehr.«

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