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Aus: Ausgabe vom 28.04.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Bauboom

Zuwenig Sand am Meer

Es wird mehr verbaut als entsteht: UN-Umweltprogramm warnt vor Öko- und Versorgungskrise
Von Alexander Reich
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Systemwechsel drängt: Selbst der Sand zum Bauen wird weltweit knapp, wie die UNO warnt

Weil im Kapitalismus tatsächlich die Springquellen allen Reichtums untergraben werden, wird mittelfristig auch Sand knapp, jedenfalls der zum Bauen geeignete. Der Verbrauch dieser Ressource habe sich innerhalb von zwei Jahrzehnten verdreifacht, heißt es im Bericht »Sand und Nachhaltigkeit: Zehn strategische Empfehlungen zur Abwendung einer Krise«, den das UN-Umweltprogramm (UNEP) am Dienstag veröffentlichte. »Sand ist der wichtigste Rohstoff für Beton, Asphalt und Glas, die unsere Infrastruktur bilden«, wird da vorangestellt. Im Zuge des global anhaltenden Baubooms würden mittlerweile 40 bis 50 Milliarden Tonnen Sand im Jahr verarbeitet. Das seien etwa 18 Kilo pro Erdenbürger und Tag – unter dem Strich wohl jetzt schon mehr, als auf natürlichem Wege durch die Verwitterung von Gestein durch Hitze, Kälte, Wind und Wetter entstehe. Über Jahrmillionen, versteht sich.

Unter dem Oberbegriff Sand sind im Bericht auch Kies, Splitt und Schotter subsummiert, die sich von Sand in punkto Größe und Geometrie der Körner unterscheiden. Wüstensand dagegen ist für die Verwendung am Bau kaum geeignet. Die vom Wind geschliffenen Körner seien zu rund und gäben nicht genügend Halt, erklärte die Geographin Kiran Pereira, Koautorin der Studie.

Nach Einschätzung der UNEP geht mit der explodierenden Nachfrage die Zerstörung von Ökosystemen einher. Besonders problematisch sei der Abbau von Sand an Flussmündungen und -deltas, Stränden und Küsten. Zu den Folgen gehörten Erosion, die Versalzung von Grundwasser, ein Verlust an biologischer Vielfalt. Als eines von mehreren Beispielen nannte Pascal Peduzzi, Hauptautor und Direktor des UNEP-Zentrums für Umweltinformation in Genf, GRID-Geneva, das Mekongdelta in Vietnam. Dort sei das Land wegen des Abbaus von Sand so weit abgesunken, dass früher fruchtbare Felder nun versalzten. In Sri Lanka wiederum sei durch Baggerarbeiten die Fließrichtung eines Flusses umgekehrt worden, so dass sich Salzwasserkrokodile landeinwärts verbreiteten.

»Wir befinden uns nun in einer Situation, in der die Bedürfnisse und Erwartungen unserer Gesellschaften nicht mehr ohne eine bessere Steuerung der Sandressourcen erfüllt werden können«, konstatierte Sheila Aggarwal-Khan, Leiterin der UNEP-Wirtschaftsabteilung. Noch sei es wohl möglich, eine Sandkrise zu vermeiden. Dafür müsse aber jetzt gehandelt werden. Sand müsse als strategischer Rohstoff einen Preis bekommen, der seine Wichtigkeit für die Umwelt widerspiegele, etwa bei der Vermeidung von Sturm- und Überschwemmungsschäden, die mit der Erderwärmung jedenfalls nicht seltener würden. An Küsten sollte der Abbau gänzlich verboten, an Flüssen weitgehend vermieden werden. Für den Abbau auf hoher See sei die Entwicklung internationaler Standards unerlässlich.

Mehr als die Hälfte des weltweit verbrauchten Sandes (52 bis 56 Prozent) wird derzeit nach Angaben von Peduzzi in China verarbeitet. Während die Prunkbauten in der Volksrepublik immer schwereloser, die Zweckbauten zahlloser werden, explodiert die Nachfrage laut UNEP auch in Afrika. In vielen Ländern des Kontinents würde Sand von den Stränden für den Städtebau verwendet. Weltweit müssten Bestandsaufnahmen der Vorräte gemacht und die Kreislaufwirtschaft gefördert werden. So eigneten sich etwa Abbruchmaterial (Bauschutt) oder Erzsand aus Bergwerksabfällen zur Wiederverwendung. Jährlich blieben 30 bis 60 Milliarden Tonnen ungenutzt. Auch Asche eigne sich wenigstens teilweise als Sandersatz, so Peduzzi. Darüber hinaus müsse der Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Baugewerbe forciert werden. Erste Erfahrungen mit Hanf seien da vielversprechend.

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