Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 23.04.2022, Seite 11 / Feuilleton
Tagebuch – In dieser großen Zeit

Weiß jemand, wo vorne ist?

Von Pierre Deason-Tomory
Bundesparteitag_Die_69866272 Kopie.jpg
Die rechte Heulboje Xavier Naidoo ist zurückgetreten, und die Linke-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow hat sich entschuldigt für den ganzen Scheiß, den sie jahrelang geredet hat. Oder war es andersherum?

Freitag, 15. April

Sittenverfall in der katholischen Kirche. Das Erzbistum Köln hat die Spielschulden eines Pfarrers beglichen, 500.000 Euro. So etwas hätte es früher nicht gegeben, da haben Priester nicht um Geld gespielt, sondern Strip-Poker mit den Messdienern. Außer an Karfreitag natürlich, weil allgemeines Tanzverbot, auch damit die keuschen Christen nicht durchdrehen. In den guten alten Zeiten gingen diese ja gerne von Kreuzigungsfeierlichkeiten und Messwein erregt direkt zur Pfählung von Ketzern, Juden und Dorfdeppen über.

Karfreitag bis Ostermontag

Krankenbesuche auf der Coronastation. Ich werde jedes Mal in einen Raumfahrtanzug gesteckt, Kittel, Mütze, Gummihandschuhe. »Du siehst total bescheuert aus.« Der Patientin geht es offenbar schon besser.

Dienstag, 19. April

War vorhin bei Rewe, nur die Hälfte der Kunden trägt noch Maske. Der Lauterbach hat vor Killerviren im Herbst gewarnt und damit eine sagenhafte Welle der Empörung ausgelöst. Die Demoskopen der Bild am Sonntag haben ausgewürfelt, dass 55 Prozent der Bundesbürger mit der Arbeit des Gesundheitsministers unzufrieden sind. Ich weiß nicht, warum, ich kann seine Arbeit schlecht einschätzen, weil ich nie Fernsehtalkshows anschaue. Droht ihm jetzt der Abschied bei »Anne Will«?

Mittwoch, 20. April

Die Türkei hat mit heftigen Angriffen auf die Kurden im Nordirak begonnen. Warum? Weil sie es darf. War die irakische Regierung mit der Bombardierung ihrer Staatsbürger einverstanden? Nein, wozu auch, Souveränität und Lufthoheit im Land werden seit Jahrzehnten vom Pentagon verwaltet. Demokratisch. Im Jemen ist der von niemandem gewählte »Präsidialrat« als neue Regierung vereidigt worden. Diese Regierung wird »international anerkannt«, meldet der Deutschlandfunk, präziser: von den Ländern, die den Jemen seit sieben Jahren in Schutt und Asche legen.

Die rechte Heulboje Xavier Naidoo ist zurückgetreten, und die Linke-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow hat sich entschuldigt für den ganzen Scheiß, den sie jahrelang geredet hat. Oder war es andersherum? Egal, bei Hennig-Wellsow stimmt beides.

Donnerstag, 21. April

Ich werde aus der Rücktrittserklärung der schnellsten Linksparteichefin der Geschichte nicht schlau, die Gründe, die sie genannt hat, klingen nicht plausibel. Aber mit ihrem Hinweis auf die sexuellen Übergriffe im hessischen Landesverband hat Hennig-Wellsow ihrer bisherigen Kovorsitzenden Janine Wissler noch einen mitgegeben. Ein Parteitag soll eine neue Führung wählen und wird die letzten system­oppositionellen Positionen schleifen und den Laden im Karl-Liebknecht-Haus endgültig zur rot-rot-grünen Resterampe zurechtreformieren. Häme ist nicht angebracht. Der Untergang der letzten mobilisierungsfähigen und wirkmächtigen Nachfolgerin der KPD, ausgerechnet in dieser Zeit, ist eine Katastrophe. Alles steht auf dem Spiel, und die deutsche Linke muss zum zweiten Mal nach 1917 völlig von vorn anfangen.

324 Coronatote gestern. Wenn das so weitergeht und die Seuche wie seit Wochen täglich 300 Menschenleben kostet, dann sind die 80 Millionen Deutschen in 730 Jahren ausgestorben. Scherz beiseite, so schlimm wird es nicht kommen. Wir haben ja vorher noch oft Gelegenheit, die Erde unbewohnbar zu machen oder in die Luft zu sprengen. Vielleicht schon morgen.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Mehr aus: Feuilleton

Startseite Probeabo