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Aus: Ausgabe vom 23.04.2022, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Tarot und Technik

Halb Löwe, halb Skorpion: Das neue Album von Shovels & Rope
Von Hannes Klug
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Gutgelauntes Ehepaar: Shovels & Rope

Zum ersten Mal sah ich ­Shovels & Rope, ohne je von der Band gehört zu haben. Damals – es ist wohl zehn Jahre her – tourte das Duo als Vorband von Hayes Carll, dem vor Wortwitz und Sarkasmus sprühenden Roots- und Alternative-Country-Singer/Songwriter aus Texas, den zu sehen ich eigentlich gekommen war. Shovels & Rope firmierten damals noch unter ihren bürgerlichen Namen Cary Ann Hearst und Michael Trent, und dass es ein denkwürdiger Abend wurde, lag dann vor allem an ihrem unvergesslichen Auftritt.

Der einprägsame Sound der Band aus Charleston, South Carolina verbindet Folk, Country und Rockabilly zu einer Mischung, die man vielleicht unter dem ausladenden Oberbegriff Americana fassen könnte und die live durch eine unmittelbare Energie, aber auch durch die unverstellte Natürlichkeit der beiden Musiker zündet. Der zweistimmige Gesang des Duos, das dabei – wie auch an Keyboard, Gitarre und Schlagzeug – ständig die Rollen tauscht, gibt dem Ganzen obendrein eine zutiefst schmerzerfüllte Note mit. Wobei Trent, der männliche Teil des Duos, gern die Rolle des schweigsamen Melancholikers einnimmt, der nicht selten atypisch die höheren Tonlagen ansteuert, während ­Hearsts Stimme tief unten durch den beschwerlichen Morast des irdischen Daseins pflügt.

Die Devise für »Manticore«, das neue Album von Shovels & Rope, sollte ursprünglich eine der Innenansicht werden, was selbstverständlich mit dem durch die Pandemie verordneten Rückzug in die innere Emigration zu tun hatte. Entsprechend zeichnete die Kompositionen ein abgespecktes, aufs Wesentliche konzentriertes Songwriting und eine sparsame Instrumentierung aus. Doch wie das Paar in einem Interview mit dem Rolling Stone erklärte, führte der Überfluss an Studiozeit im zweiten Schritt dazu, viel mit den Möglichkeiten der Studiotechnik zu experimentieren und den zunächst akustisch angelegten Songs entgegen der ersten Absicht zu üppigen Arrangements zu verhelfen – eher in Kontinuität als im Gegensatz zum vorhergehenden Album »By Blood« und musikalisch unverändert ambitioniert für eine frei flottierende Zweipersonenband, die sich auch bei ihren Aufnahmen keine zusätzliche instrumentale Unterstützung holt.

Das Mantikor, das vor grellrotem Hintergrund auch das Cover des Albums ziert, ist ein mythisches Fabelwesen mit dem Körper eines Löwen, dem Schwanz eines Skorpions und dem Gesicht eines Menschen – hier reichen sich Astrologie (Löwe und Skorpion sind die Sternzeichen der beiden), Tarotkarten und Harry Potter die Hände. Vielleicht lässt sich Mantikor aber auch musikalisch verstehen, als Begriff, mit dem man den aus verschiedenen Stilelementen zusammengesetzten Genremix der Gruppe beschreiben könnte.

Nach dem treibenden Auftaktstück »Domino«, das in der ersten Person den Tod der Schauspielerlegende James Dean Revue passieren lässt, fährt »Manticore« das Tempo deutlich zurück. Das gilt für beinahe epische Balladen wie »Bleed Me«, »Anchor« oder »Crown Victoria«, insbesondere für das sowohl emotional wie musikalisch bezwingende vorletzte Stück »Divide and Conquer«: Der sechseinhalbminütige Song, der doch irgendwie auch ein Liebeslied ist, kommt an der Oberfläche freilich vor allem als wehmütige Generalabrechnung daher. Erzählt wird von einer zerbrechenden Ehe, wobei das in Auflösung befindliche Paar auf die jeweiligen Enttäuschungen und den dadurch entstandenen gemeinsamen Scherbenhaufen zurückblickt. »All that time we spent together / What once could fly now just a fallen feather / Then the sickness came, then came the weather / Tossed and torn till we came untethered«, singen die beiden, die selbst verheiratet und seit über 20 Jahren ein Paar sind, in tieftrauriger Harmonie. Angeblich gibt es aber keinen Grund, sich um ihre Ehe Sorgen zu machen. Das hier durchdeklinierte Scheidungsszenario verbleibt damit im Reich der Fiktion. Glück gehabt.

Shovels & Rope: »Manticore« (­Dualtone/H’Art)

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