Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 28. Juni 2022, Nr. 147
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 23.04.2022, Seite 5 / Inland
Energieversorgung

»Klimaschutz wird ausgehebelt«

Politik nimmt Krieg als Anlass, um LNG-Terminals zu bauen. Umweltbewegung organisiert Widerstand
Von Kristian Stemmler
Hafen_Brunsbuettel_72906941.jpg
Noch eine Baustelle: Das Flüssiggasterminal in Brunsbüttel soll Ende 2024 in Betrieb gehen

Mit Beginn des Ukraine-Kriegs hat Flüssiggas eine steile Karriere gemacht. Der zuvor eher stiefmütterlich behandelte Energieträger – allgemein unter dem Kürzel LNG für Liquefied Natural Gas bekannt – gilt plötzlich als das Mittel der Wahl, um die Abhängigkeit von russischem Erdgas zu beenden. An norddeutschen Küsten sollen dafür sieben Terminals – drei feste und vier schwimmende – gebaut werden. Doch gegen die Planungen formiert sich Widerstand. Am Freitag demonstrierten Klimaaktivisten von Fridays for Future (FFF) und anderen Gruppen im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel, wo ebenfalls ein Terminal entstehen soll. »Wir sind hier, um deutlich zu machen, dass wir gegen diese Terminals sind und gegen die weitere Nutzung von Erdgas«, sagte Norbert Pralow, Energieexperte der Organisation BUND Schleswig-Holstein, am Freitag im Gespräch mit jW.

Anfang 2022 seien die LNG-Terminals »politisch tot« gewesen, so Pralow: »Kein Mensch hat mehr davon gesprochen, die privaten Investoren sind ausgestiegen.« Das habe sich mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs schlagartig geändert. Der Bund sei etwa in Brunsbüttel mit 500 Millionen Euro eingestiegen. »So schrecklich der Krieg ist, er wird genutzt, um alle klimaschutzrelevanten Aktivitäten auszuhebeln«, kritisierte der BUND-Experte. Die Gasindustrie habe »ihren Hype, reibt sich die Hände und freut sich darüber, wie sie die Bundesregierung melken kann«. Sollten die Terminals wirklich gebaut werden, so Pralow weiter, könne man davon ausgehen, dass es sich – anders, als von der Politik behauptet – keineswegs um eine Übergangstechnologie handele. Vielmehr lege man sich für die nächsten 20 bis 30 Jahre auf diesen fossilen und umweltschädlichen Energieträger fest. Auch ein weiteres Problem sprach der Experte an. Niemand könne garantieren, dass überhaupt ausreichend LNG auf dem Weltmarkt zu bekommen sei. Pralow kritisierte, dass das Gas nur für die Industrie gebraucht werde und man dort »weitermacht wie bisher«. Über Einsparungen werde dort »nicht einmal nachgedacht«.

Wie der NDR am Mittwoch berichtet hatte, macht die schleswig-holsteinische Landesregierung Tempo in Sachen LNG-Terminal. Der Sender zitierte Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) mit der Ankündigung, das Terminal könne in zweieinhalb Jahren, Ende 2024, in Betrieb gehen. Dazu seien Bund, Land und Genehmigungsbehörden, Investoren und Antragsteller gleichermaßen gefordert, sagte Buchholz zum NDR. Auch der Umweltstaatssekretär Tobias Goldschmidt (Bündnis 90/Die Grünen) stellte sich hinter die Planung.

Die Demonstration in Brunsbüttel war eine von vielen, die FFF am Freitag in Städten in ganz Europa organisierte. Kernforderung war hier ein sofortiges Ende der Gaslieferungen aus Russland. Vor allem Deutschland sorge dafür, »dass täglich weiter Zahlungen in Millionenhöhe den russischen Krieg finanzieren«, sagte FFF-Sprecherin Carla Reemtsma am Freitag gegenüber dpa. Sie forderte die Bundesregierung auf, »endlich zu einem Gasembargo zu stehen«. Damit schloss sie sich einer Forderung an, deren Umsetzung laut Prognosen von Wirtschaftsforschern eine Rezession in der BRD zu Folge hätte und ökologisch schwer begründbar ist, weil das russische Gas nicht von heute auf morgen durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden kann.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche: