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Aus: Ausgabe vom 22.04.2022, Seite 8 / Ansichten

Buhlen um Einfluss

Britischer Premier besucht Indien
Von Jörg Kronauer
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Für Großbritannien hat sie einiges Gewicht, die Indien-Reise, die Premierminister Boris Johnson am Freitag in die Hauptstadt Neu-Delhi führt. Der Ausbau der Kooperation mit dem Land ist ein tragendes Element des »Schwenks zum Indopazifik« (»tilt to the Indo-Pacific«), den London im vergangenen Jahr in einem zentralen Strategiepapier angekündigt hat. Nicht das alte Europa, nein: Die Asien-Pazifik-Region ist das Gebiet, in dem die globale Wirtschaft wirklich boomt und in dem die Profite der Zukunft erzielt werden. Wer dort Fuß fassen kann, ist beim großen Geschäft der nächsten Jahrzehnte dabei. Indien, Asiens dritt- und in absehbarer Zeit wohl gar zweitgrößte Volkswirtschaft hinter ­China, kann dabei eine zentrale Rolle spielen. Für Großbritannien ist das günstig, denn es unterhält enge Beziehungen zu seiner Exkolonie – nicht nur ökonomisch, sondern auch über seine weit mehr als eine Million Einwohner, die einen indischen Hintergrund haben. Nicht wenige sind in Führungspositionen etwa in der Finanz- oder in der IT-Branche aufgestiegen. Drei von ihnen gehören der aktuellen Regierung an.

Geht es für Großbritannien in Indien vor allem darum, sich für das kommende pazifische Jahrhundert günstig zu positionieren – dies übrigens auch militärisch: Indien ist ein erbitterter Rivale Chinas –, so überschatten aktuell heftige Differenzen in den Beziehungen zu Russland Johnsons Besuch. Neu-Delhi hält an seiner traditionellen Kooperation mit Moskau fest und hat bisher alle Forderungen des Westens, die Zusammenarbeit zu stoppen, abgeschmettert. London ist inzwischen dazu übergegangen, Verständnis zu heucheln: Stimmt es denn nicht, dass Indien mit seinem riesigen Bestand russischer bzw. sowjetischer Waffen nicht ohne weiteres aus der Rüstungskooperation mit Russland aussteigen kann? Kann man nicht einsehen, dass Neu-Delhi, unter dem hohen Ölpreis ächzend, bei vergünstigtem russischen Öl gierig zuschlägt? Muss man Indien da nicht einfach bei der Umstellung auf erneuerbare Energieträger und mit der Lieferung britischer Rüstungsgüter unterstützen, um es Schritt für Schritt von Russland zu lösen?

Nun, mit derlei Überlegungen, die auch andernorts angestellt werden, belügt das britische Establishment sich selbst. Bei der Weigerung, Russland zu isolieren, geht es für Indien – und für andere Staaten – längst um mehr: nämlich um die Frage, ob man sich wie bisher vom Westen herumkommandieren lassen muss oder ob man sich eine eigenständige Außenpolitik leisten kann. Indien, so hat es der indisch-US-amerikanische Publizist Fareed Zakaria vor kurzem formuliert, ist inzwischen stark genug, um gute Beziehungen nicht nur zum Westen, sondern auch zu Russland unterhalten und sie gegen Druck verteidigen zu können. Damit wäre ein gewichtiger Schritt von der uni- zur multipolaren Welt getan. Hat Zakaria recht? Das ist die Frage, die zur Zeit ausgefochten wird – nicht theoretisch, sondern in der brutalen Praxis der Weltpolitik und, im Kleinen, bei Johnsons aktuellem Besuch in Neu-Delhi.

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