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Aus: Ausgabe vom 22.04.2022, Seite 8 / Inland
Klassenbewusstsein

»Faschismus ist immer auch Angriff auf Lohnabhängige«

Regionaler Zusammenschluss »Antifa Süd« begreift Antifaschismus als Klassenpolitik. Ein Gespräch mit Mika Beckes
Interview: Fabian Linder
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Für diesen Staat zu extrem: Nazigegner demonstrieren in München gegen die AfD ( 5.3.2022)

Die Antifa Süd hat sich vor kurzem als Zusammenschluss mehrerer lokaler und regionaler antifaschistischer Gruppen gebildet. Wie kam es zu diesem Schritt?

Die Vernetzung mehrerer Antifagruppen im Südwesten begann bereits vor mehr als zehn Jahren. Im Vordergrund stand die praktische Zusammenarbeit. Eine gemeinsame Organisierungsperspektive war aber immer Thema. Im Zuge der gesellschaftlichen Rechtsentwicklung und konfrontiert mit zunehmend überregional agierenden Faschisten, sahen wir deren Umsetzung als immer zentraler an. Der Gründung der Antifaschistischen Aktion Süd gingen deshalb eine bewusste Entscheidung und anschließend ein längerer Prozess des Zusammenwachsens in Theorie und Praxis voraus.

Ihr Selbstverständnis ist sehr stark geprägt von Erfahrungen der vergangenen beiden Jahrzehnte. Rechte Mobilisierungen, Aufstieg der AfD, NSU. Wie schlägt sich das nieder?

Wir haben unser Handwerkszeug in der Antifabewegung gelernt, wie sie sich vor allem seit Mitte der 80er Jahre entwickelt hat. Unser Schwerpunkt lag deshalb schon immer in der konkreten Praxis: Recherche, Blockaden gegen Naziaufmärsche, Faschisten handlungsunfähig machen, Organisieren von antifaschistischen Bündnissen und Versuchen, Jugendkultur antifaschistisch zu prägen.

Seitdem die Faschisten sich fest in der bürgerlichen Gesellschaft verankert haben und zunehmend Massenproteste und Betriebsarbeit für sich entdecken, werden aber andere Herausforderungen immer wichtiger: Kontakte zu organisierten Belegschaften knüpfen, in Betriebskämpfen antifaschistisch intervenieren, Rechte aus sozialen Protestbewegungen herausdrängen und ein antifaschistisches Selbstverständnis in unserer Klasse verankern.

Eines Ihrer Ziele ist, der Zersplitterung entgegenzuwirken. Wie soll das gelingen angesichts der fundamentalen Debatten, die zu ihr erst beigetragen haben?

Indem wir auf Augenhöhe gemeinsame Praxis organisieren und gemeinsame Erfolge haben, anstatt uns in Szenepolitik zu verlieren. Wir machen uns keine Illusionen: Ohne Überwindung des Kapitalismus wird es kein Ende der faschistischen Gefahr geben. Deswegen verstehen wir uns auch als Teil der antikapitalistischen Linken – ohne dass wir uns über die richtige Revolutionsstrategie streiten. Das muss an anderer Stelle passieren. Entsprechend sind wir mit allen Teilen der Linken, die ein ernsthaftes Interesse am antifaschistischen Kampf haben, solidarisch und bieten, wo immer sich Themen überschneiden, praktische Unterstützung an: So arbeiten wir mit Gewerkschaften gegen rechte Betriebsarbeit, mit Klimaaktivisten gegen rechte Antiklimakongresse und mit der feministischen Bewegung gegen reaktionäre Abtreibungsgegner.

Sie sehen Antifaschismus als Bündniskampf. Wie kann das aussehen, etwa mit einer in Bayern vom Verfassungsschutz bis vor kurzem noch verfolgten VVN-BdA?

Faschismus – ob an der Macht oder als Bewegung – ist immer auch ein Angriff auf die von Lohnarbeit abhängigen Menschen weltweit. Antifaschismus ist deshalb Klassenpolitik und betrifft damit alle politischen Kräfte und Organisationen unserer Klasse. Bei unserer Bündnisarbeit lassen wir uns aber sicherlich nicht von Spaltungsversuchen des Inlandsgeheimdienstes aus der Ruhe bringen. Gerade mit der VVN-BdA arbeiten wir lokal an mehreren Stellen eng zusammen.

Wo sehen Sie Ihre Aufgabe bei Coronaprotesten? Gerade im Südwesten sind diese besonders stark verankert.

Wir sprechen hier von einer reaktionären und sehr diffusen Bewegung mit vielen regionalen Unterschieden. Für eine antikapitalistische Agitation waren die Proteste schon von Beginn an zu rückschrittlich, und für einen wirkungsvollen sowie kontinuierlichen Gegenprotest fehlen uns die notwendigen Kräfte. Daher konzentrieren wir uns darauf, es den organisierten Rechten so schwer wie möglich zu machen, auf »Querdenken« Einfluss zu nehmen und entsprechende Proteste als Bühne zu nutzen. Gezielte Recherche und Interventionen sind hier zielführender, als sich an der ganzen Bewegung abzuarbeiten.

Mika Beckes ist aktiv in der »­Antifaschistischen Aktion Süd«

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