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Aus: Ausgabe vom 19.04.2022, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Flaschengeist im Hochhaus

Zwischen Traumlogik und Orientalismus: Christian Josts Kammeroper »Die arabische Nacht« auf der Probebühne der Staatsoper Berlin
Von Kai Köhler
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Alles auf der Welt existiert, um in ein Buch einzugehen

Die Gattung der Kammeroper hat ihre eigenen Qualitäten. Man sieht und hört ja nicht großes Musiktheater, das lediglich aus Budgetgründen für die kleine Bühne geschrumpft wurde. Vielmehr erlaubt es das Genre, Gesang aus der Nähe zu hören und aus dem kleinen Ensemble die Klangfarben einzelner Instrumente wahrzunehmen. Das erfordert allerdings einen geeigneten Stoff. Die Kammeroper taugt nicht für den großen öffentlichen Auftritt, sondern verlangt die private Geschichte.

Christian Jost hat 2007 »Die arabische Nacht« nach dem 2001 uraufgeführten gleichnamigen Theaterstück von Roland Schimmelpfennig komponiert. Die Handlung vollzieht sich in einem Hochhausblock, vor allem in der siebten Etage, in der sich Franziska Dehnke und Fatima Mansur eine Wohnung teilen. Franziska vergisst alles fast sofort, ist abends schläfrig und träumt dann von einem Dasein in einem orientalischen Harem, während Fatima sich von ihrem Geliebten Kalil besuchen lässt. In Stück wie Oper gerät aber dieser wohlgeordnete Ablauf in der Hitze einer Sommernacht durcheinander. Kalils Ankunft verzögert sich, weil der Aufzug kaputt ist. Fatima irrt auf der Suche nach ihm durch die Stockwerke. Der Hausmeister will ein Leck in der Wasserleitung ausfindig machen, der Voyeur aus dem Nachbarhaus wagt es, sich Franziska zu nähern. Aber nur manchmal treffen sich die Leute, die sich suchen, und häufiger kommt es zu Irrwegen.

Falls wirklich passiert, was man sieht. Bald wirkt das ganze Geschehen wie ein Traum. Scheinbar Unmögliches geschieht. Der Spanner etwa findet sich in der Cognacflasche gefangen, aus der er doch nur einen Schluck probieren wollte – wie ein Flaschengeist in einem orientalischen Märchen.

Aber darf man das denn noch? Oder ist es bloßer Exotismus, schlimmer noch: kulturelle Aneignung von seiten weißer Männer, wie heutzutage der Vorwurf aus dem postkolonialistischen Lager lauten könnte? Jost deutet zuweilen orientalische Musik an, besonders wenn Franziska ihre Träume schildert. Aber das ist nur eine Nachahmung unter vielen. Nirgendwo zitiert Josts Musik direkt. Wo man zum Beispiel Jazz erahnt, erahnt man ihn eben nur. Die Muster sind angedeutet, aber nicht erfüllt. Dies folgt zum einen der Traumlogik, die keinem Realen direkt entspricht. Zum anderen legt es eine kritische Haltung gegenüber dem Vorbild nahe. Franziska träumt sich als Lieblingsfrau im Harem, die am Tag vor ihrer Entjungferung von einer eifersüchtigen Konkurrentin verflucht wird – und der Sultan lässt die andere Frau nicht nur köpfen, sondern sogar das abgeschlagene Haupt noch zerspalten.

Dieser Orientalismus zielt auf keine bloße Sinnlichkeit, sondern ist eine sadomasochistische Phantasie. Einerseits ist es eine Stärke von Josts Kammeroper, dass in ihr Traum und Erotik im nächtlichen Hochhaus nicht als das ganz Andere erscheinen, sondern als deformierte Ausbruchsversuche. Andererseits besteht die Gefahr, zu scharfsinnig sein zu wollen. Wenn auf der Bühne verschiedene Träume gleichzeitig ablaufen, die Figuren zudem ihr eigenes Tun kommentieren und die Musik – wie immer einprägsam sie im Detail ist – stets auch eine Kritik ihrer selbst vermittelt, dann kann das Ergebnis diffus sein.

Die Inszenierung tut ihr Bestes, um diesen Eindruck zu vermeiden. Leonie Wolfs Bühnenbild verzichtet auf Naturalismus und besteht aus wenigen, verschiebbaren Rahmenelementen. Die Figurenführung des Regisseurs Marcin Lakomicki verdeutlicht die Vorgänge. Die Solisten – fast alle Stipendiaten des Internationalen Opernstudios der Staatsoper – bewältigen ihre keineswegs einfachen Partien außerordentlich textverständlich. Das Kammerorchester unter der Leitung von Philipp Armbruster, das auf der Probebühne der Berliner Staatsoper hinter dem Geschehen plaziert ist, tritt freilich ein wenig in den Hintergrund – es kostet zuviel Aufmerksamkeit, überhaupt das Geschehen zu erfassen.

Immerhin klingt alles Einzelne gut. Die Ereignisse auf kleinem Raum bedeuten mehr, als sie unmittelbar zeigen, und sind doch nicht überfrachtet. Die sinnliche Qualität des scheinbar Exotischen ist ebenso stark wie die Erkenntnis, wie fragwürdig diese Konstruktion ist.

Nächste Vorstellungen: 19.4., 21.4.

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