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Aus: Ausgabe vom 13.04.2022, Seite 8 / Ansichten

Greuel und Propaganda

Kiew wirft Moskau Kriegsverbrechen vor
Von Reinhard Lauterbach
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Wahrheit egal: Die Toten von Butscha wurden begraben, bevor die Umstände ihres Todes unabhängig ermittelt werden konnten (6.4.2022)

Natürlich sind Kriegsverbrechen im Krieg nie ausgeschlossen. Wobei schon dieser Begriff irreführend ist, denn die Grenze von Krieg und Verbrechen ist überaus fließend. Im Krieg befehlen Staaten Dinge, mit denen sich ansonsten ganze Abschnitte des Strafgesetzbuches befassen. Die Vorstellung vom »sauberen« Krieg entspringt der Phantasie von Leuten, die ihrem mörderischen Handwerk guten Gewissens nachgehen wollen. Sie ist apologetisch und ist es immer gewesen. Was nicht heißt, dass sie nicht als Folie immer wieder gern bemüht wird.

Freilich fällt schon auf, dass die Schwelle zum Greuelvorwurf im gegenwärtigen russisch-ukrainischen Krieg immer niedriger wird. Vor allem macht sich namentlich die ukrainische Seite nicht mehr die Mühe, über die Anklage hinaus die Möglichkeit zu wahren, die unterstellten Verbrechen unabhängig zu untersuchen. Kaum sind ein paar Videos mit Leichen auf der Straße ins Netz gestellt, da werden schon die Spuren beseitigt, um eine Aufklärung, getrennt von dem Narrativ, dem die Belege dienen sollen, unmöglich zu machen. Ein scheußliches Bild soll mehr sagen als tausend Worte irgendwelcher Ermittler. Und schon geht es weiter zum nächsten mutmaßlichen Verbrechen: hier ein angeblich für Massenvergewaltigungen ukrainischer Frauen genutzter Keller, dort ein Bericht über das »Versprühen einer unbekannten Substanz« aus einer Quelle, so sprichwörtlich glaubwürdig wie das Neonaziregiment »Asow«, dessen am Vorabend angeblich vergifteten Angehörigen es am nächsten Tag schon wieder »relativ gut« gegangen sein soll. Nachfragen sind unerwünscht, das nächste Greuel kommt bestimmt.

Die Ukraine führt ihren »Informationskrieg« nicht nur gegen Russland; sie führt ihn teilweise auch gegen ihre Alliierten im kollektiven Westen. Von denen will sie immer mehr und noch mehr Waffen und immer weitere Sanktionen. Es ist eine Tour permanenter moralischer Erpressung, die hier stattfindet. Der derzeitige Präsidentenberater Oleksij Arestowitsch hat es schon 2019 gegenüber der proukrainischen Webseite ­Apostrophe. ua auf den Punkt gebracht: Eine Neu­tralität, wie von Russland gefordert, könne sich das Land nicht leisten, weil es nicht die wohlhabende Schweiz sei und keine Alpenpässe kontrolliere. Wenn die Ukraine als antirussisch definierter Staat weiterbestehen wolle – und das ist Arestowitschs unausgesprochene Voraussetzung –, dann müsse sie die NATO für sich interessieren. Das ist ihr weitestgehend gelungen, freilich etwas anders als erhofft: Die NATO nimmt die Gelegenheit gern wahr, den ohnehin irgendwann fälligen Krieg gegen den potentiellen Rivalen Russland mit ukrainischem Gut und Blut zu führen. Wie der Bundeskanzler gesagt hat: Es dürfe nicht zugelassen werden, dass Russland diesen Krieg ganz oder auch nur teilweise gewinne. Dafür ist, sagt Annalena Baerbock, »Kreativität« gefragt. Notfalls auch im Erfinden von Eskalationsgründen.

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  • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude Russland (13. April 2022 um 04:16 Uhr)
    Die Wahrheit wird in den meisten dieser Fälle irgendwann an den Tag kommen. Die Straße in Butscha hat viele Häuser und viele Fenster, damit auch viele Zeugen, die verständlicher Weise jetzt noch schweigen. Um die Massaker von Kramatorsk und Butscha ist es verdächtig schnell still geworden. Alle drei Tage wird eine neue »Sau« durchs Dorf getrieben. Dennoch sollte man nicht aufhören zu fragen, was dieser Kommentar von Reinhard Lauterbach ja tut. Fragen wie:
    1. Warum wurden die Toten so eilig in einem Massengrab bestattet? Sollten das teilweise zufällige Passanten auf der Straße gewesen sein (z.B. der Mann mit dem Fahrrad), müssten sie ja in der Gegend gewohnt und Verwandte und Nachbarn gehabt haben. Warum keine normale familiäre Beerdigung auf einem städtischen Friedhof? So etwas könnte schnell in eine nicht zu kontrollierende Anklage gegen die wahren Mörder ausufern. Es ist eine klare Vernichtung von Beweisen.
    2. Warum lagen die Toten nur auf dieser einen Straße, wie für Filmaufnahmen aufgereiht? Der Bürgermeister will bei der Übernahme der Stadt nichts bemerkt haben. Videoaufnahmen der Ukrainer nach der Übernahme zeigten auch nichts Vergleichbares. Um einen gewissen Effekt zu haben, brauchte es offenbar diese Ansammlung.
    3. Warum hatten viele Tote weiße Armbinden und hielten teilweise Versorgungspakete der russischen Armee? Sollen die Russen gerade die Menschen exekutiert haben, die sich ihnen gegenüber friedlich verhielten?
    4. Warum fehlten überall die Blutlachen, die es immer zwingend geben müsste, falls der erschossene Tote nicht von einer anderen Stelle dahin transportiert wurde?
    5. Auch der sonstige Zustand der Toten entsprach nicht der behaupteten zeitlichen Abfolge.
    6. Wie logisch ist es, dass die russische Seite, nachdem sie wochenlang relativ ruhig das tägliche Leben dort organisierte, einen Tag vor ihrem Abzug gefesselte Menschen auf einer öffentlichen Straße erschießt und anschließend für die Kameras des Westens dort liegen lässt?
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (13. April 2022 um 13:48 Uhr)
      Bezüglich des Fahrradfahrers. Das Drohnenvideo konnte man zunächst übrigens nicht so ohne weiteres selbst anschauen, weil die New York Times es hinter ihrer Paywall verborgen hat. Später ist es dann auch andernorts unzensiert aufgetaucht. Aber schon lustig, ist ja auch eine Form von Zensur, wenn man der Öffentlichkeit bedeutende Informationen nur gegen Entgelt zur Verfügung stellen will. Auf dem Video ist aus der Entfernung nicht hundertprozentig zu erkennen, ob das überhaupt ein Fahrrad ist, was der Mann da mit sich führt. Dann zeigt es eine russische Panzerkolonne in einem Dorf, still stehend, die Straßen sind menschenleer. Haufenweise Informationen um die Situation adäquat bewerten zu können sind entweder nicht verfügbar oder werden verschwiegen. Ist z.B. nicht davon auszugehen, dass die Einwohner per Lautsprecher gewarnt wurden, in ihren Häusern zu bleiben, da man sonst davon ausgehen müsste, dass es sich um Kombattanten handelt? Dann kommt der Radfahrer ums Eck, und wird dabei auch langsamer und wirkt zögerlich. Da russische Panzer wohl nicht selten aus dem Hinterhalt mit tragbaren (vom Westen gelieferten) Panzerabwehrwaffen angegriffen werden, kann man sich schon vorstellen, dass das verdächtig wirkte und die Soldaten nervös waren. Nicht, dass es rechtfertigen würde, einen Zivilisten zu töten, aber es war sicher nicht aus Mordlust und mit dem Ziel wahllos Zivilisten zu töten. Im Irakkrieg wurden auch Autofahrer erschossen, weil sie sich »verdächtig« verhielten und die US-Soldaten oder Söldner aus berechtigter Furcht vor Autobomben und Selbstmordattentätern, präventiv das Feuer eröffnet haben. Und bedeutet das, dass es sich gar nicht so abgespielt haben kann und dass die russischen Soldaten nicht wirklich auch Kriegsverbrechen begangen haben (wie auch die Ukrainer, nebenbei gesagt)? Nein, keineswegs, aber so eindeutig, wie es versucht wird dem Massenpublikum zu verkaufen – mittlerweile ja auch schon als »Genozid« – ist es alles garantiert nicht. Wie meistens.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin (13. April 2022 um 11:52 Uhr)
      Eine für mich sehr klare Zusammenfassung der Fragen, die sich stellen. Danke dafür. Diese Wirkung der Bilder hat Herr Lauterbach schon bei seinem ersten Artikel zu diesem Thema vorausgeahnt: Waffenstillstand ist erst mal erledigt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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