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Aus: Ausgabe vom 11.04.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Sozialistischer Intellektueller

Vielleicht ein Symptom

Von der Exil-Weltbühne zur Journalistenausbildung in der DDR: Daniel Siemens erzählt das Leben von Hermann Budzislawski
Von Leo Schwarz
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In den letzten Jahren seines Lebens noch einmal Chefredakteur der Weltbühne: Hermann Budzislawski (Aufnahme um 1970)

Heute fällt nur noch wenigen Menschen etwas zu Hermann Budzislawski ein. Das liegt, wie der Historiker Daniel Siemens in seiner eben erschienenen Biographie betont, auch daran, dass sich nach 1990 »kaum noch jemand für das Leben und die journalistische Arbeit des 1978 verstorbenen und zuvor in der DDR vielfach ausgezeichneten politischen Professors und Publizisten interessierte«. Bei Budzislawski kommt hinzu: In der Bundesrepublik war er früh als »ulbrichthörig« und als derjenige verfemt, der die »alte« Weltbühne nach 1933 im Exil als Chefredakteur ins Fahrwasser der KPD gelenkt haben soll.

Die Bände der 1978 im Athenäum-Verlag nachgedruckten Jahrgänge der Weltbühne gehörten in den 1980er Jahren in vielen Bildungsbürgerhaushalten der Bundesrepublik zur Standardausstattung. Dass die Zeitschrift im Exil unter dem Titel Die Neue Weltbühne weiterhin erschienen war und ab 1946 in der sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR fortgeführt wurde, war und ist vielen, die die ziegelschweren Bände im Regal stehen haben, gänzlich unbekannt – im Reprint erschienen, keineswegs zufällig, nur die Jahrgänge bis 1933.

Zwischen 1934 und 1939 war Hermann Budzislawski, 1901 in Berlin geboren als Sohn eines jüdischen Fleischermeisters mit festem Verkaufsstand in der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz, »Chefredakteur, Leitartikler, Verhandlungspartner gegenüber den Autoren und Vertreter der Neuen Weltbühne im Ausland« (Siemens). Sein Vorgänger, der Österreicher Willi Schlamm, der aus der kommunistischen »Rechts«-Opposition kam, im US-Exil später zu einem halbfaschistischen Antikommunisten wurde und am Ende seiner Laufbahn hasserfüllte Kommentare gegen Linke und Liberale für Springers Welt schrieb, war der erste, der die Übernahme des Blattes durch Budzislawski als »Coup der Kommunisten« deutete.

Siemens dagegen weist den Vorwurf, die Neue Weltbühne sei ein getarntes KPD-Blatt gewesen und Budzislawski ein »Agent« der Partei, recht nachdrücklich zurück. Er nimmt Budzislawski, der bald auch Eigentümer der Zeitschrift und ökonomisch an deren Erfolg interessiert war, in diesem Fall als Person und politischen Kopf ernst. Ihm sei es vor allen anderen Dingen um die Herbeiführung des Endes der Naziherrschaft gegangen; ein Bündnis insbesondere Frankreichs mit der UdSSR und die Volksfrontpolitik schienen ihm unter diesem Gesichtspunkt erstrebenswert. Dass er damit nicht allein war, beweist der Erfolg der Neuen Weltbühne, die zu einer der wichtigsten antifaschistischen Exilzeitschriften wurde – bis zum abrupten Ende im Gefolge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages im August 1939.

Handwerklich solide, aber bei einigen Interpretationen weniger überzeugend, wirken die Kapitel, die sich mit Budzislawskis Zeit in der DDR, wo der ehemalige Sozialdemokrat als Dekan der Fakultät für Journalistik in Leipzig zu einer prägenden Figur der Journalistenausbildung wurde und von 1967 bis 1971 noch einmal als Chefredakteur die Weltbühne leitete, beschäftigen. Seine »Anpassung an die SED-Parteilinie« wird für Siemens nur durch den Verweis »verständlich«, dass Budzislawski »der Arbeit am eigenen Platz in der Geschichte der deutschen Politik und Publizistik (…) letzten Endes fast alles« untergeordnet habe. Er sei ein »Gefangener seines eigenen Geltungsdrangs« gewesen.

Plausibel ist das im Licht insbesondere auch der privaten politischen Stellungnahmen Budzislawskis, die Siemens zitiert, nicht. Warum muss man jemandem, der nach dem 17. Juni 1953 an die eigene Tochter schrieb, für eine »gute Genossin« gebe es »nur Tapferkeit«, und jetzt zeige sich, »wer Charakterstärke hat«, mit der Unterstellung kommen, er habe sich an die Linie der SED angestrengt »anpassen« müssen? Schlüssig wirkt die Konstruktion eines »bürgerlichen Sozialismus«, in den Siemens Budzislawski einsortiert, nicht.

Siemens, der seit 2017 eine Professur an der britischen Universität Newcastle innehat, war dem Fachpublikum bislang vor allem durch eine Horst-Wessel-Biographie und eine Geschichte der SA bekannt. Der wissenschaftliche Schwenk zu Budzislawski lag da nicht unbedingt nahe. Vielleicht ist das lesenswerte Buch mit seinem insgesamt sachlichen Ton und dem durchaus ernsthaften Umgang mit den Quellen ja vor allem ein Symptom für ein beim Mainstream der Geschichtswissenschaft neu erwachtes Interesse an der Geschichte der DDR bzw. derjenigen sozialistischer Intellektueller, dem es trotz der vom Komment erwarteten und auch gelieferten Distanzierungen nicht mehr in letzter Instanz um politische Denunziation geht. Wenn das so ist, dann bleibt es knapp 30 Jahre, nachdem auch die Weltbühne im Sog des Untergangs der DDR verschwunden ist (in einem Epilog geht Siemens auch darauf ein), vorläufig ein zartes Pflänzchen.

Daniel Siemens: Hinter der Weltbühne. Hermann Budzislawski und das 20. Jahrhundert. Aufbau, Berlin 2022, 413 Seiten, 28 Euro

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