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Aus: Ausgabe vom 08.04.2022, Seite 7 / Ausland
Neokolonialismus

Symbolisches Urteil

Fall der Ermordung Sankaras: Gerichtsentscheidung in Burkina Faso lässt Hintermänner unbehelligt. Rolle Frankreichs nicht aufgeklärt
Von Christian Selz, Kapstadt
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Schritt in Richtung Gerechtigkeit: Freude bei Anhängern des früheren Staatschefs von Burkina Faso, Thomas Sankara, nach dem Urteil (Ouagadougou, 6.4.2022)

Ein Militärgericht in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou hat den ehemaligen Staatschef Blaise Compaoré zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Gericht hielt es für erwiesen, dass der Expräsident, der das Land von 1987 bis 2014 regierte, seinen Vorgänger Thomas Sankara ermorden ließ. Zusammen mit Compaoré hatten 13 weitere Angeklagte vor Gericht gestanden, von denen zehn zu Haft verurteilt und drei freigesprochen wurden. Ebenfalls lebenslange Freiheitsstrafen erhielten Hyacinthe Kafando, damals Kommandeur von Compaorés Leibgarde und Anführer der Mordtruppe, sowie der General Gilbert Diendéré, einer der Anführer des Putsches.

Tatsächliche Auswirkungen hat der Richterspruch allerdings wohl nur für die Verurteilten aus der zweiten Reihe, die zwischen drei und 20 Jahren hinter Gitter müssen. Diendéré sitzt wegen eines weiteren Putschversuchs 2015 bereits eine zwanzigjährige Haftstrafe ab, Kafando ist seit 2016 untergetaucht, und Compaoré floh bereits 2014, kurz nachdem er infolge eines Volksaufstands gestürzt worden war, in die benachbarte Republik Côte d’Ivoire. Dort freundlich aufgenommen wurde der Autokrat und langjährige wichtige Partner der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich von Präsident Alassane Ouattara, dem die Franzosen 2010 mit Waffengewalt zur Durchsetzung seines Wahlsiegs gegen den in Paris in Ungnade gefallenen Laurent Gbagbo verholfen hatten. Eine Auslieferung Compaorés, der inzwischen die ivorische Staatsbürgerschaft angenommen hat, lehnt die Republik Côte d’Ivoire ab.

Ein Schritt in Richtung Gerechtigkeit ist das Urteil dennoch, weil es einen Fall abschließt, der unter der Herrschaft Compaorés 27 Jahre lang vertuscht worden war. Letzterer hatte 1987 umgehend die Macht übernommen, auf dem Totenschein Sankaras vermerkten zwei Militärärzte damals eine »natürliche Todesursache«. Erst 2015, nach dem Sturz Compaorés, wurde der Leichnam Sankaras exhumiert. Er wies Spuren von über einem Dutzend Einschüssen auf. Im vergangenen Oktober begann schließlich der Prozess gegen die Verantwortlichen. Das Verfahren sei notwendig, um der »Kultur der Straflosigkeit und der Gewalt« Einhalt zu gebieten, erklärte Mariam Sankara, die Witwe des Revolutionsführers, damals. Letztlich gelang aber auch dies bestenfalls auf lokaler Ebene.

Die Rolle Frankreichs, wo in den Augen vieler in Burkina Faso die Hintermänner für den Mord an Sankara zu suchen wären, wurde in dem Prozess nicht erörtert. Für die Öffentlichkeit sind bis heute nicht einmal die von Paris geheimgehaltenen Dokumente mit Bezug zu dem Mord einsehbar, deren Herausgabe der französische Präsident Emmanuel Macron 2017 bei einem Staatsbesuch in Ouagadougou angekündigt hatte.

Als Compaorés Mordtrupp am 15. Oktober 1987 in die Sitzung des Nationalen Revolutionsrats stürmte und neben Sankara noch zwölf weitere Menschen tötete, wurde damit auch der Versuch einer Revolution beendet, die dem Westen und insbesondere der bis heute enorm einflussreichen Exkolonialmacht Frankreich nicht gefallen konnte. Inspiriert von der Kubanischen Revolution hatte Sankara in nur vier Regierungsjahren eine enorm erfolgreiche Alphabetisierungskampagne vorangetrieben, das öffentliche Gesundheitswesen ausgebaut, Kinderschutzimpfungen zugänglich gemacht und eine Agrarreform mit deutlicher Produktionssteigerung durchgesetzt. Doch nicht die Programme an sich, sondern deren Basis machten ihn gefährlich. Sankara lehnte nicht nur Entwicklungshilfe ab, weil seiner erklärten Meinung nach »derjenige, der dich füttert, dich kontrolliert«, sondern er stellte sich auch gegen das Schuldendiktat von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. Vor der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), dem Vorläufer der heutigen Afrikanischen Union, rief er offen dazu auf, Außenstände im Ausland nicht mehr zu begleichen.

»Wenn Burkina Faso sich alleine weigert, die Schulden zu bezahlen, bin ich auf der nächsten Konferenz nicht mehr da«, erklärte er bereits im Juli 1987 vor der OAU. Die düstere Vorhersage trat ein, Compaoré verkehrte nach Mord und Putsch jegliche fortschrittliche Politik Sankaras wieder ins Gegenteil. Bis heute ist Burkina Faso – zu deutsch das Land der aufrechten Menschen, immerhin diese Umbenennung Sankaras blieb bestehen – eines der ärmsten Länder der Welt.

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