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Aus: Ausgabe vom 08.04.2022, Seite 5 / Inland
Entlastung in der Schule

Streik gegen Normalzustand

Berliner Lehrkräfte fordern kleinere Klassen. Ausstand in der Kritik. Gegenseite führt fehlende Zuständigkeit und Flüchtlingskinder an
Von Susanne Knütter
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Auch die Schüler würden von kleineren Klassen profitieren (Berlin, 7.4.2022)

Im Vorfeld des Streiks am Donnerstag kam Kritik von Schülern, Eltern und Schulleitungen. Die Leiterin der Schulleitervereinigung der GEW legte erst ihr Amt nieder und gab dann auch ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft auf. Für die Schüler sei es unzumutbar, an einem Tag, an dem Abiturprüfungen stattfinden, die Arbeit niederzulegen.

Nach Angaben der GEW hingegen sei es schwer, zwischen April und Juni einen Termin zu finden, an dem keine Abiturprüfungen stattfinden. Und im übrigen sei das Abitur nicht wegen eines Streiktages gefährdet, »sondern jeden Tag wegen der miesen Lernbedingungen«, twitterte die Bildungsgewerkschaft am Donnerstag mittag. Nach ihren Angaben haben sich Lehrkräfte aus allen Schulen an dem Warnstreik beteiligt. Knapp 3.000 Streikende seien auf der Straße gewesen. Ob Abiturprüfungen ausgefallen sind, konnte Donnerstag nachmittag noch nicht gesagt werden. Da die GEW den Termin aber frühzeitig angekündigt hatte, seien die »allermeisten Prüfungen« verschoben worden, erklärte GEW-Pressesprecher Markus Hanisch gegenüber jW.

Auch die von verschiedenen Berliner Initiativen getragene Kampagne »Schule muss anders« erinnerte auf Twitter daran, dass der Normalzustand das Problem sei, nicht der Streik. Aus diesem Grund beteiligten sich auch Schüler an der Demonstration. Denn eines ist nicht von der Hand zu weisen: Die Lernbedingungen der Schüler hängen mit den Arbeitsbedingungen der Lehrer zusammen. Der Vorsitzende der GEW Berlin, Tom Erdmann, machte in seiner Rede vor dem Berliner Abgeordnetenhaus deutlich: Die meiste Belastung im Lehrerberuf ist Folge der Klassengröße. Um »Rückmeldungen zu geben« und »Lernangebote zu machen, braucht es Zeit«. Auch »mulitprofessionelle Teams« bräuchten Zeit.

Die GEW fordert daher kleinere Klassen im Rahmen eines Tarifvertrags Gesundheitsschutz. An Grundschulen soll die Klassengröße auf 19 Schüler begrenzt werden. Bisher sind bis zu 26 Kinder erlaubt. Außerdem soll ab einer Schulgröße von 2.000 Schülern ein Schulpsychologe angestellt werden und pro 150 Schüler ein Sozialpädagoge. Die Aufnahme von Tarifverhandlungen ist bislang nicht in Sicht, obwohl alle drei Regierungsparteien vor der Wahl kleinere Klassen gefordert hatten. Der Finanzsenat verstecke sich hinter der Tarifgemeinschaft der Länder, kritisierte Erdmann. Diese verhandelt für die Schulen die Gehälter. Werden außerhalb der regulären Tarifrunden Forderungen aufgestellt – und dann auch noch qualitative, wie die nach Entlastung –, beruft sich die Kapitalseite gern auf die fehlende Zuständigkeit. Am Ende entscheidet die Streikbereitschaft. Die Arbeitskämpfe an den Unikliniken Charité und Vivantes im letzten Jahr sind dafür Beispiel.

Berlins Regierende Bürgermeisterin, Franziska Giffey (SPD), berief sich im Vorfeld auf 2.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine, die die Berliner Schulen bereits zusätzlich aufgenommen haben. Im Moment sei die »Zeit des Zusammenrückens« und des »Mehr-Kapazitäten-Schaffens«, sagte Giffey laut Bericht der Berliner Morgenpost vom Dienstag. In einer Situation des Lehrermangels über verkleinerte Klassen zu sprechen, das sehe sie nicht.

Aus Sicht der GEW könnte ein Tarifvertrag Gesundheitsschutz mehr Kapazitäten schaffen. Er würde weniger Krankheitsausfälle bedeuten und könnte ein Argument für Teilzeitkollegen sein, ihre Stunden aufzustocken, sagte Erdmann am Donnerstag. Nach Informationen der GEW arbeiten gegenwärtig 30 Prozent der Berliner Lehrkräfte in Teilzeit.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Maximilian T. aus Berlin ( 8. April 2022 um 12:38 Uhr)
    Das Argument der Abiturprüfungen ist total fingiert und allgemeiner Ausdruck der Hetze der bürgerlichen Presse gegen Arbeitskämpfe. Die fünfte Prüfungskomponente kann ab (!) dem 06. April bis in den Juni hinein stattfinden. Nur weil viele Schulen sie traditionell vor den Osterferien durchführen, heißt das nicht, dass die Prüfungen nicht verschoben werden können. Außerdem besteht das Schulwesen in Berlin nicht nur aus Oberstufen, die größte Entlastung wird der Tarifvertrag für Grundschulen bringen, die von den Prüfungen gar nicht betroffen sind. Der Tarifvertrag liefert eine rechtliche Grundlage für bessere Bildung, die Berlin dringend nötig hat!

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