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Aus: Ausgabe vom 07.04.2022, Seite 8 / Inland
Tod von Arkan Hussein Khalaf

»Gewalt ist keine Ausnahme, sondern Alltag«

Kampf gegen Rassismus: Initiative gedenkt des vor zwei Jahren erstochenen 15jährigen Jesiden in Celle. Gespräch mit Matthias Gerhard
Interview: Kristian Stemmler
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Hinter rechtsterroristischer Kontinuität steckt auch struktureller Rassismus in der BRD (Berlin, 1.2.2021)

Der 15jährige Jeside Arkan Hussein Khalaf wurde vor zwei Jahren, am 7. April 2020, in Celle erstochen. Ihre Initiative ruft zur Beteiligung am Gedenken in der Stadt zu seinem zweiten Todestag auf. Was ist konkret geplant?

Zuerst werden wir uns im nahegelegenen Park treffen, um von dort gemeinsam zum Gedenkort in der Bahnhofstraße in Celle zu gehen. Begleitet von kurdischer Musik sollen dort Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet werden. Uns ist es wichtig, mit der Familie zu trauern und zu verhindern, dass der Tod von Arkan in Vergessenheit gerät.

Die Tat sorgte bundesweit für Entsetzen, auch weil Arkan vom damals 29 Jahre alten Daniel P. scheinbar grundlos mit dem Messer attackiert worden war. Zunächst wollte die Polizei nichts von einer rassistischen Motivation wissen, aber Zeit online recherchierte, dass P. sich im Internet mit faschistischen Ideologien befasst hatte. Wie bewerten Sie die Motive des Täters im Rückblick?

Was genau den Täter zu diesem Mord angetrieben hat, wissen wir nicht. Klar ist, dass er sich im Internet mit rassistischen und antisemitischen Gedanken sowie Neonazis umgeben hat. Wichtig ist ebenso, dass wir in einem rassistischen System leben, in dem Gewalt und Tötungen keine Ausnahmen, sondern Alltag sind. Diese Realität wird von vielen weißen Deutschen nicht beachtet oder kleingeredet. Deshalb wundern uns die polizeilichen Äußerungen nicht, insbesondere nach all den Berichten über rassistisches Verhalten von Polizei und Behörden. Dennoch bleibt es ein Skandal, wenn nach dem Mord an einem Geflüchteten vorschnell Rassismus als Motiv ausgeschlossen wird.

Die Behörden tendieren dahin, solche Taten schnell auf eine vermeintliche oder tatsächliche psychische Erkrankung des Täters zu schieben und den Hintergrund dann für irrelevant zu erklären. Wie sehen Sie diese Problematik?

Wenn psychische Erkrankungen festgestellt werden, soll das offenbar bedeuten, die öffentliche, tiefgreifende Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen und ihren Folgen sei nicht mehr nötig. Allerdings: Wir erwarten in diese Richtung ohnehin wenig von den Institutionen dieses Staates, der diskriminiert, abschiebt und Menschen vor den Toren Europas sterben lässt. Deswegen ist es um so wichtiger, dass die Gesellschaft die Aufgabe übernimmt, die rassistischen Verhältnisse zu benennen und zu verändern.

Daniel P. wurde im Oktober 2020 vom Landgericht Lüneburg auf unbestimmte Dauer in der ­Psychiatrie untergebracht. Er habe sich zum Tatzeitpunkt im Verfolgungswahn befunden. Ein rassistisches Motiv sah auch das Gericht nicht.

Statt sich mit dem Täter zu beschäftigen, möchten wir als Initiative an der Seite der betroffenen Familie stehen und das gesellschaftliche Klima thematisieren, das solche Taten möglich macht. Wir hoffen, dass die grausamen Morde der letzten Jahre wachrütteln und zu gesellschaftlichen Veränderungen führen. Dabei spüren wir die Entschlossenheit vieler Menschen, Rassismus nicht mehr still hinzunehmen.

Arkan war 2014 mit seiner Familie aus der Heimat, dem Sengal im Nordirak, geflüchtet, um nach dem Völkermord an den Jesiden durch die Dschihadistenmiliz IS Schutz in der BRD zu finden. Was können Sie über ihn berichten?

Arkan war ein Junge, der sein Leben noch vor sich hatte. Er ging zur Schule, hatte Freunde und Familie. Sie beschreiben ihn als gutmütigen und respektvollen Menschen, der sehr geschätzt wurde und Pläne für die Zukunft hatte. In der BRD konnte er kein sicheres neues Zuhause finden, was uns sehr traurig macht und beschämt.

Wie versucht die Familie, das Geschehene zu verarbeiten?

Sie versucht, mit der Situation umzugehen und ist gleichzeitig sehr enttäuscht vom Gerichtsurteil und öffentlichen Umgang damit. Die Ermordung von Arkan wird für immer tiefe Spuren in der Familie hinterlassen. Arkans Tod berührt auch weitere Menschen aus Celle, darum werden wir an diesem 7. April gemeinsam gedenken.

Matthias Gerhard ist aktiv bei der ­»Initiative in Gedenken an Arkan«

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