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Aus: Ausgabe vom 05.04.2022, Seite 8 / Feuilleton
Zerfall von Jugoslawien

»In dieser Zeit wollten viele ihren Lebenshunger stillen«

Belgrad im Jahr 1993: Spielfilm »Celts« zeigt durch Krieg geprägte private Beziehungen. Ein Gespräch mit Milica Tomovic
Interview: Gitta Düperthal
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Glückliche Zeiten: Straßenszene in Belgrad, als es Jugoslawien noch gab (23.4.1990)

Ihr Film »Celts« lief im Debütspielfilmwettbewerb des »Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund/Köln«, das am Sonntag endete. Darin zu sehen ist eine Party in Belgrad im Jahr 1993. Alles dreht sich um Liebesgeschichten, revolutionäre Theorien und Freiheitsideale einer Gesellschaft im Umbruch. Wie ist diese Geschichte mit der besonderen Zeit in Serbien verbunden, in der sie spielt?

Der Film knüpft an die Geschichte meines eigenen Geburtstags an, den einer Siebenjährigen. Der Krieg ist nah, Belgrad aber noch nicht involviert. Zu sehen ist die Geschichte von Erwachsenen, die gern noch einmal Teenager sein wollen. Sie geben sich cool, rauchen, trinken und politisieren; etwa darüber, wie es Anfang der 90er Jahre zum Zerfall des sozialistischen Staates Jugoslawien kommen konnte. Das Chaos des Partygeschehens ist wie ein Mikrokosmos. Letztlich bleibt all das aber der Interpretation der Zuschauer überlassen. Ist es die politisch angespannte Lage, die die Gäste so heftig debattieren lässt, dass sie darüber das Kind vergessen, das an diesem Tag Geburtstag hat? Oder sind es familiäre Beziehungen und Konflikte, die alles überlagern?

Was hat es mit dem Filmtitel auf sich, der im Original »Kelti« lautet?

Im Filmplot dreht sich alles um verlorene Identität. Vor den 90er Jahren waren wir alle einfach Jugoslawen – und plötzlich mussten wir uns als Serben, Kroaten, Bosnier oder Muslime definieren. Viele wollten sich nicht aufspalten lassen und wollten dabei nicht mitmachen. Sie reagierten mit schwarzem Humor. Mein Onkel sagte bei jeder Gelegenheit, er sei Kelte. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass er sich als eine Art Alien empfand.

Ging es darum, dass er sich nicht einer der Bürgerkriegsparteien in Jugoslawien zuordnen lassen wollte?

Ja. Schließlich gab es damals auch gemischte Ehen, Freundschaften und Nachbarschaften. Warum also hätte man diese Feindbilder annehmen sollen? Mich interessieren die politischen sowie die sexuellen Identitäten, die Beziehungen sehr komplex machen.

In einer Szene philosophiert ein Punk über seine revolutionären Träume: Alle müssten die gleichen Rechte haben, egal ob aus der Arbeiterklasse, Studierende oder Pensionäre, gleichgültig ob Serben, Kroaten oder Muslime. Ihr Film spielt sechs Jahre vor dem Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs der NATO.

Alle kämpften zu der Zeit im intellektuellen Austausch darum, ihre Identität zu finden. Sie zeigten sich am gesellschaftlichen Diskurs interessiert, jeder auf seine Weise. Aber es war eben nur ein Mikrokosmos.

In Ihrem Film gibt es Menschen mit unterschiedlichen geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen. Herrschte zu dieser Zeit in Belgrad ein freier Lebensstil?

Zwei lesbische Frauen haben bei der Party Sex, es kommt zur Eifersuchtsszene mit einer dritten. Jeder weiß, was los ist. All das wird gelebt. Offen geredet wird zwar über Partnertausch, aber nicht über lesbische Liebe. Die Kinder bekommen es mit, sind in diesen politisch unruhigen Zeiten aber einsam. Auch das ist eine Perspektive im Film.

Wie kamen Sie auf die Idee, diesen Film zu machen?

Die Party zu thematisieren war eine Möglichkeit, zu einer Zeit und an einem Ort alle Dreharbeiten zu machen. Es war ein Low-Budget-Film, wir hatten wenig Geld. Oft kommt man über ein winziges Detail zur Idee eines Films, der sich dann einer großen Frage widmet. Es war eine Zeit, in der die Erwachsenen komplett mit sich beschäftigt waren. Die Sorgen vor Krieg, Sanktionen und Inflation waren allgegenwärtig. Während des Bürgerkriegs Anfang der 90er Jahre zwischen Kroaten, Serben und Muslimen wurde auch in Belgrad, das zu der Zeit nicht direkt ins Kriegsgeschehen involviert war, spürbar, wie schnell Menschen verarmten. Viele verloren ihre Jobs, Regale in den Geschäften blieben leer. In diesen ungewissen Zeiten war es ein Bedürfnis für viele, ihren Lebenshunger zu stillen.

Milica Tomovic, geboren 1986 in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, ist Regisseurin des Films »Celts«

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