Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 02.04.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Deutsche Härte

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal 1100 x 526.png

Die Parole »Kauft nicht beim Russen«, vor allem kein Gas und Öl, hat der grüne Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck zum zentralen Programmpunkt seiner Partei und der Bundesregierung gemacht. Und meldet bei »Markus Lanz« im ZDF am Donnerstag Erfolg: »Niemand würde russische Wertpapiere kaufen, der noch bei Sinnen ist.« Russland ist – der Traum Annalena Baerbocks – bankrott. Es treibt, räumt Habeck später ein, noch Handel mit China, Indien, Asien und Afrika – aber was zählen die schon.

Es liegt auf der Hand: Solche Krämerphilosophie – nicht mehr Wandel durch Handel, sondern Vernichtung ohne den – reicht nicht. Es muss etwas passieren, was die Sache final löst. Die Krone im bundesdeutschen Wettbewerb um Vorschläge fürs Nichts gebührt in dieser Woche Mariana Sadovska, einer in Köln lebenden Sängerin aus der Ukraine. Die ebenfalls grüne Kulturstaatsministerin Claudia Roth hatte Sadovska am Sonntag ins Bundeskanzleramt eingeladen, um aus einem heimatlichen Gedicht zu rezitieren. Statt wie vereinbart etwas zu den Versen zu sagen, widmete sich Sadovska – berichtete die FAZ am Mittwoch – am Rednerpult, an dem kurz zuvor Olaf Scholz gesprochen hatte, dem Krieg in der Ukraine und warf der NATO vor, »sich allein von der Furcht vor atomarer Vergeltung davon abhalten zu lassen, eine Flugverbotszone einzurichten«. Sie räumte ein: »Natürlich haben wir große Angst, dass dadurch alles eskaliert und es zu einem Atomkrieg kommt und die ganze Welt untergeht.« Erwog jedoch: »Aber wir können doch nicht so einen Verbrecher wie Putin davonkommen lassen, nur weil er mit der Atombombe droht.« Also lautete ihr Schluss: »Wenn die Welt untergeht, weil wir der Ukraine helfen, dann soll es halt so sein!«

Grüne Kulturpolitik und ukrainischer Ethnowahn, lässt sich sagen, sind dort angekommen, wohin sie mindestens seit 2014 gemeinsam wollten: Russen raus – und zwar aus dem Kosmos, zusammen mit allen anderen, die keinen Atomkrieg wollen.

Angesichts der Einfachheit von Sadovskas Endlösung der Putin-, Russen- und Menschheitsfrage hat es selbst Berthold Kohler schwer mitzuhalten. Der Mitherausgeber der FAZ, sonst immer gut für Berichte aus dem Oberkommando, war in den vergangenen Wochen etwas ruhig. Nur von Zeit zu Zeit pflegte er seine Altersmeise und vermisste mal wieder die deutsche Atombombe. Vielleicht rappelte ihn Sadovska wieder hoch. Am Donnerstag ging er jedenfalls den deutschen Zuständen auf den Grund und verbiss sich in Regierung und Parteien: Die Aussicht auf eine ausgewachsene Rezession sei der Grund dafür, warum Scholz und Co. sich bisher weigerten, ein sofortiges Energieembargo gegen Russland zu beschließen – sozusagen die ökonomische Atombombe. Die Koalition befürchte dabei aber »nicht nur eine Pleitewelle, das Zerreißen von Lieferketten, Arbeitslosigkeit und eine noch höhere Geldentwertung als bisher schon. Die Regierenden, nicht allein die in Berlin, sind auch besorgt wegen der Schockwellen, die ein solcher Einbruch durch die deutsche Gesellschaft jagen könnte.« Und das ist nach Meinung Kohlers der größte anzunehmende nationale Unfall: Die Bundesgermanen sind dekadent und verkommen. Denn wenn sie tatsächlich so wenig krisenfest seien, wie manche Politiker meinten, »müsste die deutsche Politik sich parteiübergreifend den Vorwurf gefallen lassen, seit Jahrzehnten der Verweichlichung Vorschub geleistet zu haben.«

Daher: Weg mit russischem Gas und Öl, damit »zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl« endlich durch Schlottern und Hungern wirklich wird. Das mit der Atombombe erledigt sich dann fast von selbst. Sadovska und Kohler – das Traumpaar der Stunde.

Weg mit russischem Gas und Öl, damit »zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl« endlich durch Schlottern und Hungern wirklich wird

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

  • Leserbrief von Henning Gans aus Leipzig ( 7. April 2022 um 16:58 Uhr)
    Sehr schnell mussten die Häuptlinge von SPD und Grünen erkennen, dass ihre Ziele (Wahlkampfversprechen) nicht finanzier- und damit durchsetzbar sind. Um sie aus der Erinnerung ihrer Wähler zu löschen, konzentrieren sie sich auf eine mehr als 1.000 Kilometer entfernte Angelegenheit Russlands, die sie in Talkshows fern von jeglicher Realität diskutieren, denn jeder befriedigt mit dem Ausspeien akkumulierter rhetorischer Versatzstücke im Grunde genommen nur seinen Narzissmus auf jenen Bühnen viertelgebildeter Wohlstandsverwöhnter. Im Ukraine-Krieg finden sie die Grundlage für einen »Neuanfang in Deutschland« (Wahlkampfphrase Baerbocks). Mit den Raketen und Panzern, die die Grünen dorthin versenden, wird nicht nur der »Stillstand in Deutschland« überwunden, sondern auch Punkt eins ihrer Agenda, der Klimaschutz, realisiert.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Hartmut B. aus Göllheim ( 6. April 2022 um 23:15 Uhr)
    Antisemitismus, Antikommunismus und Russenhass waren nie weg in der Bonner Republik und der Berliner Republik, weil es nie eine wirkliche Entnazifizierung gegeben hat. Man hat nach der Zerschlagung des Faschismus über 13.000 Nazibeamte in ihre alten Wirkungsstätten zurückgeholt. Nazirichter, Wehrmachtsoffiziere, Geheimdienstler, Wehrwirtschaftführer konnten wieder ihrer alten Tätigkeiten, natürlich unter US-amerikanischer Hege und Pflege, nachgehen. Denn es galt den »wirklichen Feind« im Osten zu bekämpfen und dafür brauchte man »Fachpersonal«. Wenn wir uns die Karte der NATO Osterweiterung ansehen, die faschistisch verseuchte Ukraine rechne ich dazu, dann fehlen nur noch wenige Gebiete bis zur Wolga und Belarus. Die Frontlinie der faschistischen Wehrmacht ist mit der der NATO identisch. »Wenn das der Führer wüsste!« 27 Millionen Sowjetbürger haben einen hohen Preis bezahlt, um ihr Land und Europa vom Faschismus zu befreien. Sicher, die Alliierten haben ihren Anteil geleistet, die Briten, um ihr Empire zu retten, die USA, um ihr Empire auszudehnen, und beide, um die SU in Schach zu halten. Nixon hat den US-amerikanischen Politikansatz mal folgendermaßen zusammengefasst: »Also, also, also, fickt die Wichser!« Truman war und Biden ist ja ebenfalls aus diesem einfachen Holz geschnitzt.

Ähnliche:

  • Übung zur Umsetzung von NATO-Standards in der ukrainischen Armee...
    30.03.2022

    Auf dem Rücken der Ukraine

    Mit dem Angriff Russlands hat der Neue Kalte Krieg seinen ersten Höhepunkt erreicht. Die von der NATO provozierte Eskalation wird weitreichende Konsequenzen haben
  • Aufmarsch zum Staatsstreich. Die Maidan-Proteste in Kiew, 14. Fe...
    19.03.2022

    Nicht dialog-, nicht friedenswillig

    Staatsstreich mit Washingtons Segen, Krieg im Donbass, Säbelrasseln in Kiew. Zur Vorgeschichte des Krieges in der Ukraine

Mehr aus: Wochenendbeilage

Startseite Probeabo