Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Juni 2022, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 30.03.2022, Seite 2 / Inland
Agrarministerkonferenz

»Umbau der Landwirtschaft vorantreiben«

Agrarministerkonferenz tagt. Bäuerinnen und Bauern fordern Ökologisierung der Landwirtschaft. Gespräch mit Elisabeth Fresen
Interview: David Maiwald
Beginn_der_Weidesais_69078239.jpg
Weidebetriebe erhalten regionale Nährstoffkreisläufe, sorgen für artgerechte Tierhaltung, Klima- und Insektenschutz – und werden nicht durch die GAP unterstützt

An diesem Mittwoch tagt die Agrarministerkonferenz. Agrarverbände forderten zuletzt, Folgen des Kriegs in der Ukraine und der Sanktionen gegen Russland abzumildern, ökologische Auflagen abzuschwächen oder auszusetzen. Was erwarten Sie von der Konferenz?

Es ist wichtig, dass es diese Bund-Länder-Konferenz gibt. Das wohl wichtigste agrarpolitische Instrument ist die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, kurz GAP. Der GAP-Strategieplan der Bundesrepublik liegt allerdings weit hinter dem Anspruch, den bäuerliche, gesellschaftliche und Umweltorganisationen an die Politik haben. Der Bund muss den Plan anpassen, um den Umbau der Landwirtschaft mit konkreten Maßnahmen voranzutreiben. Die Länder sind gefordert, in ihrem Rahmen attraktive Förderungen im Sinne von Bäuerinnen und Bauern, Tieren, Umwelt und Gesellschaft anzubieten. Im jetzigen Plan klafft eine Lücke: Weidebetriebe, die ihre Milchkühe auf die Weide schicken, werden nicht durch die GAP unterstützt, leisten aber einen wichtigen Beitrag für regionale Nährstoffkreisläufe, artgerechte Tierhaltung, Klima- und Insektenschutz. Mit Subventionen allein werden wir den Umbau der Landwirtschaft nicht schaffen. Um Qualitätsproduktion bezahlt zu bekommen, brauchen wir eine verpflichtende Haltungskennzeichnung tierischer Produkte. Klimaschutz, der Erhalt von Höfen und Artenvielfalt sind wichtige Beiträge zur Ernährungssouveränität und -sicherheit, und auch zum Frieden weltweit.

Hierzulande wird über Versorgungssicherheit diskutiert, weltweit steigt die Sorge vor Hungerkrisen. Eine Forderung ist, die Nutzung von Agrarflächen zu intensivieren. Was bedeutet das für die bäuerliche Landwirtschaft?

Das ist das falsche Signal. Trotz intensivster Produktion besteht bereits Hunger auf der Welt. Es ist ein strukturelles Problem und lässt sich durch intensivere Produktion in der Bundesrepublik nicht lösen. Es darf keinen Rollback in der Landwirtschaft geben. Wir erhalten Ernährungssouveränität mit regionalen resilienten Ernährungssystemen, nicht mit einer intensiven Massenproduktion. Es braucht eine Ökologisierung der Landwirtschaft, Klimaschutz und Schutz der Artenvielfalt, um den Hunger zu bekämpfen. Das erreichen wir, indem wir vor Ort mit regionalen Nährstoffkreisläufen arbeiten, unsere Böden schonen, Arten und Klima schützen und dadurch auch Bauernhöfe erhalten. Auf Selbstversorgung mit guten, regionalen Lebensmitteln zu fokussieren, wäre richtig.

Die EU hat jetzt sogenannte ökologische Vorrangflächen für den Anbau von Tierfutter freigegeben, Agrarminister Cem Özdemir sprach sich vergangene Woche dafür aus. Ist das für ökologisch produzierende Höfe eine Lösung?

Es sind nicht viele solcher Flächen vorhanden. Anzunehmen, man könne unsere hohen Tierbestände mit dem Futter von ökologischen Vorrangflächen versorgen ist unrealistisch. Das könnte, wenn überhaupt, für einige Betriebe nur eine kleine Erleichterung sein.

Bedeutet das, es müsste eigentlich eine Reduzierung der Tierbestände geben?

Genau. Wir müssen davon abkommen, Futter zu importieren und auf wertvollen Ackerböden Futter anzubauen – das können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. Herrscht Vielfalt auf dem Acker, wird es in einer weiten Fruchtfolge auch Futterpflanzen geben, die nicht so hohe Ansprüche an den Boden stellen. Setzen wir auf diese regionalen Futtermittel und stoppen den Futterimport aus Übersee, müssen wir allerdings deutlich weniger tierische Produkte konsumieren. Betriebe müssen dabei weiterhin bestehen können, der einzelne Betrieb aber wesentlich weniger Tiere halten und flächengebunden füttern. Werden Tiere von der Weide und vom regionalen Acker gefüttert, der Mist wieder auf die Flächen ausgebracht, entsteht ein regionaler Nährstoffkreislauf.

Es bestehen Engpässe bei Futterlieferungen aus der Ukraine und Russland. Besteht auch eine Chance darin, dass Futter vermehrt aus eigener Produktion gewonnen werden muss?

Sind Betriebe abhängig vom Kauf von Futtermitteln, und der Markt ist leer, können sie dadurch in ihrer Existenz bedroht sein. Einige Firmen haben das Futter mittlerweile einfach nicht. Für Betriebe, die vor enorm gestiegenen Futtermittelpreisen stehen oder gar kein Futter bekommen, braucht es nun kurzfristige Lösungen und Hilfe. Es ist einmal mehr deutlicher geworden, dass wir mittel- und langfristig eine ganz andere Landwirtschaft brauchen, um wesentlich resilienter zu werden.

Elisabeth Fresen ist Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Dünger, Futter, Vorrangflächen: Agrarverbände fordern, ökologisc...
    28.03.2022

    Ran an die Auflagen

    Agrarverbände wollen wegen hoher Preise an Beschränkungen rütteln
  • Volle Teller: Grundsätzlich ist eine ausreichende Ernährung der ...
    22.01.2022

    Genug für alle

    Was landet unter welchen Bedingungen 2050 auf dem Teller? Klimafreundliche Welternährung mit den Methoden der Agroökologie
  • Die von der EU geförderte intensive und auf Pestizide setzende L...
    24.11.2021

    EU befeuert Klimakrise

    »Reform« der Agrarpolitik beschlossen. Brüssel stellt profitorientierte Billigproduktion von Großbetrieben vor nachhaltige Landwirtschaft
Startseite Probeabo