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Aus: Ausgabe vom 25.03.2022, Seite 6 / Ausland
Kampf für Gerechtigkeit

Soldat F bleibt angeklagt

»Blutsonntag« im nordirischen Derry: Hoffnung auf Verurteilung von britischem Fallschirmjäger
Von Dieter Reinisch, Galway
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Der »Blutsonntag« in Derry am 30. Januar 1972: 14 Personen wurden von britischen Soldaten getötet

Soldat F, ein britischer Armeeangehöriger, der am sogenannten Blutsonntag im nordirischen Derry vor 50 Jahren zwei friedliche Demonstranten erschossen hat, bleibt angeklagt. Zu diesem Urteil kam das Höchstgericht in Belfast am Mittwoch. Im Juli des vergangenen Jahres hatte die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt. Richterin Siobhan Keegan betonte in der Begründung für die Wiederaufnahme des Prozesses, dass »dies einer der wenigen Momente ist, an denen wir der Meinung sind, die Entscheidung aufzuheben und neu zu überdenken«.

»Soldat F« war Teil des britischen Fallschirmjägerregiments, das zwischen dem 9. und 11. August 1971 in Ballymurphy, Belfast, elf Menschen und am 30. Januar 1972 in Derry 14 Menschen erschossen hatte. In Derry feuerten die britischen Soldaten auf fliehende Bürgerrechtsdemonstranten. Konkret ist er wegen der Erschießung von William McKinney und James Wray sowie wegen des versuchten Mordes an fünf weiteren Personen in Derry angeklagt worden.

Die Einstellung des Verfahrens im Juli 2021 geschah auf Grundlage eines anderen Gerichtsurteils. Einen Monat zuvor hatte Richter John O’Hara geurteilt, dass Aussagen von zwei Soldaten, die wegen des Mordes an Joe McCann im Jahr 1972 angeklagt gewesen waren, vor Gericht als unzulässig erachtet werden, was zum Scheitern des Verfahrens führte. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass die Aussagen auch im Prozess gegen »Soldat F« vor Gericht nicht standhalten würden, woraufhin das Verfahren eingestellt wurde. Michael McKinney, der Bruder eines der Ermordeten, focht die Entscheidung an und bekam nun vor Gericht recht.

Richterin Keegan erklärte die Entscheidung damit, dass man sich in einem »schwierigen und hochkomplexen Rechtsgebiet« befinde. Das Urteil im Fall McCann habe die Rechtsgrundlage im Fall von »Soldat F« jedoch nicht geändert. Der Hauptunterschied liege darin, dass es bei McCann um die Aussagen der angeklagten Soldaten gegangen sei, während im Fall gegen »Soldat F« die Aussagen anderer Zeugen relevant seien: »Grundsätzlich befasste sich der Fall McCann nicht mit den Aussagen Dritter (…), die nicht den gleichen Schutz vor Selbstbelastung genießen.«

Der Anwalt der Hinterbliebenen, Ciaran Shields, forderte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch dazu auf, den Prozess unverzüglich fortzusetzen. Erst vor wenigen Tagen war der sogenannte Soldat R eines natürlichen Todes gestorben, ohne jemals angeklagt geworden zu sein. Er soll am »Blutsonntag« 1972 den Jugendlichen Jackie Duddy erschossen haben.

Die linksrepublikanische Partei Sinn Féin begrüßte das Gerichtsurteil. Der Parlamentsabgeordnete für Belfast, John Finucane, schrieb auf Facebook, es handle sich um eine »sehr bedeutende und zu begrüßende Entscheidung des Höchstgerichts«. Die Hinterbliebenen der Opfer regierten verhaltener auf den Entscheid. McKinney erklärte gegenüber der Irish News: »Wir warten seit 50 Jahren auf Gerechtigkeit für meinen Bruder. Es wird Zeit, dass Soldat F vor Gericht kommt.« John Kelly, dessen Bruder Michael am Blutsonntag erschossen worden war, meinte: »Wir haben immer gesagt, dass es wichtig ist, zumindest einen Soldaten vor Gericht zu sehen. Aber wir sind enttäuscht, dass die anderen zwölf Schützen nicht vor Gericht stehen.«

Aus rechtlichen Gründen darf der Name von »Soldat F« nicht genannt werden. In Derry tauchen jedoch regelmäßig Aufkleber und Wandmalereien mit den Namen der für die Massaker verantwortlichen Soldaten auf. Auch der irische Abgeordnete Peadar Tóibín und der nordirische Parteichef der sozialdemokratischen SDLP, Colum Eastwood, nutzten ihre parlamentarische Immunität, um den wahren Namen von »Soldat F« zu nennen.

In einer Rede hatte Eastwood im vergangenen Juli erklärt: »50 Jahre lang versuchte die britische Regierung den Namen von Soldat F zu verheimlichen, und nun wollen sie ihm auch noch eine Amnestie ausstellen.« Die neue Entscheidung begrüßte der Politiker in einer Pressemitteilung. Gleichzeitig betonte er: »Ich bin mir völlig im klaren, dass es heute auch viele Familien gibt, die enttäuscht wurden. Sie werden weiter für die Würde und die Erinnerung an ihre Angehörigen kämpfen.«

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