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Aus: Ausgabe vom 17.03.2022, Seite 8 / Ansichten

Botschafter des Tages: Andrij Melnyk

Von Nico Popp
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Auf dem roten Teppich: Andrij Melnyk im Berliner Abgeordnetenhaus (10.3.2022)

Vor allem im Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 ist geregelt, was sich diplomatische Vertreter eines Staates erlauben dürfen – und was nicht. Insbesondere sollen sie sich »nicht in die inneren Angelegenheiten des Empfangsstaates einmischen«, heißt es auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes.

Dass der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk, der vor dem Hintergrund des russischen Einmarsches in die Ukraine beinahe täglich neue, auf Eskalation und eine deutsche Verwicklung in den Krieg berechnete Forderungen an die Bundesregierung richtet, diese Benimmregel nicht eben eng interpretiert, entgeht neuerdings auch Vertretern der Regierungskoalition nicht mehr. Am Mittwoch kam Sören Bartol (SPD), dem parlamentarischen Staatssekretär im Bauministerium, der Kaffee hoch. Nachdem Melnyk beim Bundeskanzler, der die Ukraine großzügig mit Schießbedarf beliefern lässt, eine weitere Regierungserklärung bestellt hatte, bekannte Bartol bei Twitter: »Ich finde diesen ›Botschafter‹ mittlerweile unerträglich.« Danach muss jemand bei ihm angerufen haben, denn kurze Zeit später löschte Bartol den Tweet und entschuldigte sich »insbesondere« für »die Anführungszeichen«.

Melnyk machte unterdessen weiter. Er monierte via Twitter einen Beitrag der Zeit, dessen Autor sich nicht so vorbehaltlos für die Asow-Faschos begeistert hatte, wie Melnyk (»mutige Kämpfer«) sich das gewünscht hätte – »bitte hören Sie auf, das Asow-Regiment zu dämonisieren«. Die Aufforderung an das liberale Blatt, nach all dem anderen Zeug nun gefälligst auch die besonders unappetitlichen Hervorbringungen des ukrainischen Nationalismus zu schlucken und dabei freundlich zu lächeln, zeigt: Der Mann, der 2015 in München Blumen am Grab des Nazikollaborateurs Stepan Bandera niederlegte (»unser Held«), weiß, dass er in Berlin einflussreiche Verbündete hat, die ihn decken. Noch einen Nachschlag für Sören Bartol bitte, Herr Ober!

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (17. März 2022 um 11:07 Uhr)
    Der Krieg in der Ukraine ist auch eine Propagandaschlacht, die in den Medien stattfindet. Dabei spielt Andrij Melnyk, der als Diplomat getarnte rechte Scharfmacher, eine besondere Rolle. Er twitterte einen Artikel von »Zeit online« so: »Bitte hören Sie auf, das Asow-Regiment zu dämonisieren und russischer Propaganda in die Hände zu spielen.« Das Asow-Regiment ist ein offiziell legales Sammelbecken aus Neonazis, Ultranationalisten. Sein Abzeichen ist eine stilisierte Wolfsangel, ein Erkennungsmerkmal unter Neonazis! Darüber hinaus kritisiert er öffentlich ständig die deutsche Hilfeleistungen, statt dafür zu danken, obwohl ihm klar sein müsste, dass Deutschland die größte Finanzierungshilfe an die Ukraine leistet.
  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren (17. März 2022 um 10:05 Uhr)
    Das Auftreten von Botschafter Andrij Melnyk ist gelinde gesagt nicht nur unverschämt, sondern regelrecht aggressiv. Er stellt nicht nur Forderungen und mischt sich rücksichtslos in innere Angelegenheiten anderer Länder, sondern beleidigt auch noch seine Geldgeber. Das alles ist eine Folge, wenn man Länder und Leute hofiert, die größer sein wollen, als sie tatsächlich sind. In Fachkreisen spricht man von Größenwahn, und dieser trifft eindeutig auf die Ukraine zu. Mit den USA im Rücken sieht sie sich bereits als europäische Supermacht. Sollte es gelingen, Russland eine Niederlage beizubringen, wird die EU mit der Ukraine noch viel Freude haben. Denn all diese Marionettenregierungen des US-Kapitals, wie Estland, Lettland, Litauen und Polen, haben ein ähnliches Auftreten. Sie fordern immer mehr und schielen immer auf den Geldbeutel anderer, sind finanziell ein Fass ohne Boden. Mehr als vier Milliarden US-Dollar haben die USA offiziell für Waffen und Munition an die Ukraine geliefert. Nur damit sie als NATO-Speerspitze gegen Russland fungiert. Der Blutzoll, den das Volk hierfür zahlen wird, dürfte nicht gering ausfallen. Allein der Irak-Krieg der NATO hat 100.000 Menschenleben gekostet. Heute interessiert dies niemanden mehr. Sterben für den Größenwahn ist schon wirklich was Tolles. Was den fanatischen Nationalismus in der Ukraine betrifft, so hat dieser Tradition. Am 22.06.2001 veröffentlichte die Berliner Zeitung Nr. 43 auf S. 13 einen streng vertraulichen Aktenvermerk vom 18.01.1943 über eine Reise in die Ukraine. Im Vortrag des Reichslandwirtschaftsrat Detjen vor einem kleineren Kreis des Deutschen Clubs vom 15.01.1943 heißt es unter Punkt 1: »Die von den Ukrainern erhoffte Autonomie ist vom Führer endgültig abgelehnt. Die Ukraine ist nicht befreit, sondern erobert worden.« Schon damals wollte die Ukraine mit Hitler gemeinsame Sache machen. Die 14. Waffen-SS-Division »Galizien«, bestehend aus ukrainischen Freiwilligen, ist später durch ihre besondere Brutalität bekannt geworden.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Thomas K. (17. März 2022 um 12:53 Uhr)
      Sie meinen, seit 1943 hat sich in der Ukraine nichts verändert? Man muss sich mit den militanten Rechten in der Ukraine beschäftigen, das ist klar. Aber ob sie Grund für einen Angriffskrieg sind? Von den ehemaligen Befreiern der Roten Armee auf dem Brandenburger Tor zu den heutigen Invasoren, die nicht wissen, warum sie losziehen und Zivilisten unter Beschuss nehmen, scheint sich auch einiges verändert zu haben.
      • Leserbrief von Joán Ujházy (17. März 2022 um 13:36 Uhr)
        Dass auch (leider) Zivilisten in einem Krieg sterben, ist eine traurige Sache. Aber Sie sollten nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Seit 2014 wird die Zivilbevölkerung des Donbass beschossen. Das juckt den Westen nicht die Bohne. Und wer hält denn derzeit Zivilisten in Geiselhaft? Die russische Armee oder eher die ukrainische Armee, insbesondere die Neonaziverbände, die auf Flüchtende schießt?!

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