Gegründet 1947 Mittwoch, 25. Mai 2022, Nr. 120
Die junge Welt wird von 2636 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.03.2022, Seite 16 / Sport
Paralympics

Im Schatten des Krieges

Winterparalympics in Beijing – ein Resümee
Von Gabriel Kuhn
imago1010518159h.jpg
Slalom sitzend: Anna-Lena Forster holt ihr zweites Gold (Yanqing, 12.3.2022)

Am Sonntag gingen in Beijing die 13. Winterparalympics zu Ende. Ein Abkommen zwischen dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPK) und dem Internationalen Olympischen Komitee regelt seit 1991, dass die Paralympics jeweils nach Olympischen Spielen am selben Ort abgehalten werden, im Sommer wie im Winter. Das hat logistische Vorteile und bringt den Paralympics mehr Aufmerksamkeit. Im Schatten der Olympischen Spiele stehen sie trotzdem. In diesem Jahr standen sie auch im Schatten des Krieges in der Ukraine.

Die Teams aus Russland und Belarus waren bereits vor Ort, als sie einen Tag vor Beginn der Spiele vom IPK ausgeschlossen wurden. Dabei hatte das IPK erst am Tag zuvor ihre Teilnahme unter neutraler Flagge bestätigt. Erst die Drohung anderer Nationen, ihre Teams zurückzuziehen, führte zur Kehrtwendung. So starteten 564 Athletinnen und Athleten bei den Spielen. 83 mussten vorzeitig die Heimreise antreten.

Auch nach den Paralympics in Beijing hält Deutschland die meisten Medaillen in der Geschichte der Winterparalympics insgesamt. Erstmals wurden diese 1976 im schwedischen Örnsköldsvik ausgetragen. In Beijing dominierte das Gastgeberland China. 61 Medaillen standen schlussendlich für die heimischen Athleten zu Buche. Das ist um so bemerkenswerter, als China bei allen bisherigen Winterparalympics zusammengenommen genau eine Medaille geholt hatte – Gold im Rollstuhlcurling in Pyeongchang 2018.

Für viele Beobachter reichte die Erklärung, dass China viel in das Training seiner Athleten investierte hatte, nicht aus. Dopingvorwürfe machten die Runde, dieses Mal jedoch in besonderer Form. Im Zentrum der Kritik stand das Klassifizierungssystem, das Athleten mit verschiedenen Behinderungen in Klassen zusammenfasst, die in den Wettkämpfen relative Chancengleichheit garantieren sollen. So kann es zu unterschiedlichen Formen von Zeit- oder Punktegutschriften kommen. Im alpinen Skilauf, dem Biathlon und dem Langlauf werden die Wettkämpfe in drei Kategorien unterteilt: sitzend, stehend und sehbehindert. In den Snowboardwettbewerben gibt es eigene Kategorien, und im Rollstuhlcurling und Paraeishockey wird ein einheitliches Turnier ausgespielt.

Das Klassifizierungssystem ist hochkomplex und beruht auf ärztlichen Gutachten, Untersuchungen durch Sportverbände und Beobachtungen in Training und Wettkampf. Vor allem der letzte Aspekt fiel bei der Klassifizierung der chinesischen Athleten vor den Spielen in Beijing fast zur Gänze weg, nicht zuletzt aufgrund der Coronapandemie. Kaum einer der Athleten, die nun für China Medaillen holten, war je zuvor bei einem internationalen Wettkampf angetreten. Die Klassifizierung der chinesischen Parasportler wurde entsprechend in Frage gestellt. Matthias Berg, vielfacher Paralympics-Medaillengewinner und heute Experte beim ZDF, führte gar den Begriff des »Klassifizierungsdopings« ein. Die US-Amerikanerin Oksana Masters, die bei drei Wettbewerben im Skilanglauf hinter ihrer chinesischen Konkurrentin Yang Hongqiong landete, beschimpfte diese im Zielraum als »Betrügerin«. Es mag Masters ein Trost sein, dass sie mit insgesamt sieben Medaillen im Skilanglauf und Biathlon die erfolgreichste Athletin der Spiele war.

Masters wurde mit schweren Fehlbildungen an ihren Beinen in der Ukraine geboren, möglicherweise verursacht durch den Nuklearunfall von Tschernobyl. Sie wuchs in einem Waisenhaus auf, bis sie im Alter von sieben Jahren von einem US-amerikanischen Paar adoptiert wurde. Biathlon ist in der Ukraine die Parasportdisziplin Nummer eins. 22 der 29 Medaillen, die die Ukraine in Beijing auf Platz zwei des Medaillenspiegels der Paralympics hievten, wurden von den Biathleten errungen.

Das deutsche Team kehrt mit 19 Medaillen aus Beijing zurück. Acht davon gab es im Biathlon, sechs bei den Alpinen und fünf im Langlauf. Jeweils vier Medaillen konnten Anna-Lena Forster (Ski alpin, BRSV Radolfzell) und Leonie Maria Walter (Biathlon und Langlauf, SC St. Peter) für sich verbuchen. Linn Kazmaier von der Skizunft Römerstein gewann im Biathlon und Langlauf gar fünfmal Edelmetall.

Für Anna-Lena Forster waren die Spiele in Beijing bereits die dritten Paralympics. In Sotschi 2014 holte sie drei Medaillen, in Pyeongchang 2018 zwei. Die 18jährige Walter und die erst 15jährige Kazmaier gingen zum ersten Mal bei Paralympics an den Start. Kazmaier war die jüngste deutsche Teilnehmerin und die zweitjüngste bei den Spielen überhaupt. Walter und Kazmaier beweisen, dass man sich um den Nachwuchs im deutschen Parasport doch keine allzu großen Sorgen machen muss. Viele Jahre wurde die mangelnde Jugendarbeit als Problem erachtet. Doch schon vor den Spielen erklärte Verena Bentele, Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes und 16fache Paralympics-Medaillengewinnerin, in einem Interview mit der Deutschen Sporthilfe: »Es ist sehr gut, dass jetzt junge Athleten nachkommen, wobei die älteren mit ihren Erfahrungen auch ungemein wertvoll sind. Wichtig ist, dass die Trainer ihre Arbeit in Zukunft weiter fortsetzen und viele junge Menschen für den paralympischen Sport begeistern.«

Die weiteren deutschen Medaillen in Beijing errangen Andrea Rothfuss (Ski alpin, VSG Mitteltal), Anna-Maria Rieder (Ski alpin, RSV Murnau), Martin Fleig (Biathlon, Ring der Körperbehinderten Freiburg), Anja Wicker (Biathlon, MTV Stuttgart) und Marco Maier (Biathlon und Langlauf, SV Kirchzarten).

Fast zu einer Familienangelegenheit wurden die Erfolge des österreichischen Teams. Neun der insgesamt 13 Medaillen für die Alpenrepublik gingen auf das Konto der Familie Aigner aus Gloggnitz in Niederösterreich. Drei der fünf Kinder der Familie sind, wie ihre Mutter Petra, sehbehindert. Sie treten in den alpinen Wettbewerben an, in denen sie einem Guide folgen, den sie, in den Worten des fünffachen Medaillengewinners Johannes Aigner, »als Fleck« wahrnehmen. Johannes’ Zwillingsschwester Barbara fügte ebenso wie die 19jährige Veronika Aigner zwei Medaillen zur Familiensammlung hinzu.

Die Aigners haben sich in Österreich einen gewissen Bekanntheitsgrad erworben. Es gibt andere Parasportler, denen aufgrund besonderer Lebensgeschichten oder Erfolge öffentliche Aufmerksamkeit zukommt. In Deutschland zählen der Kugelstoßer Niko Kappel oder der Weitspringer Markus Rehm dazu. Insgesamt mangelt es jedoch weiterhin an Anerkennung und Förderung für den Parasport. Das hat nicht nur mit mangelnder Berichterstattung und spärlichem Sponsoring zu tun. Es geht vor allem auch um eine Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Gesundheitswesen und gemeinnützigen Sportvereinen an der Basis. In Zeiten zunehmender Privatisierung nicht das einfachste.

Die junge Welt online lesen

Die Berichterstattung der Tageszeitung junge Welt ist in der Friedensfrage oder zu Sozialabbau anders. Sie liefert Fakten, Hintergrundinformationen und Analysen. Das Onlineabo ist ideal, zum recherchieren und informiert bleiben. Daher: Jetzt Onlineabo abschließen!