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Aus: Ausgabe vom 07.03.2022, Seite 8 / Ansichten

Ukrainisches Dilemma

Russland und der Westen
Von Reinhard Lauterbach
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Wladimir Putin zeigt der NATO Grenzen auf, verliert aber an Zuspruch in der ukrainischen Bevölkerung

Es klingt zynisch, aber es ist der Zynismus, der sich aus der Sache ergibt: Einen Erfolg hat Wladimir Putins Russland nach zehn Tagen Krieg in der Ukraine zu verzeichnen, wenn auch um einen enormen Preis menschlichen Leids und wirtschaftlichen Schadens. Der Erfolg besteht darin, dass die NATO die Lektion verstanden hat, die ihr Putin erteilen wollte. Am Freitag hat sie erklärt, sie werde nicht aktiv in den Krieg einsteigen, etwa durch die Ausrufung einer »Flugverbotszone« über der Ukraine. Die Ankündigung kam mit allen Anzeichen des Zähneknirschens, aber sie trägt dem Umstand Rechnung, dass keines der Mitgliedsländer – vom weltpolitischen Zwerg Luxemburg bis zur Weltmacht USA – wegen der Ukraine einen Krieg mit Russland riskieren will. Dass man das als Zeuge dreißigjähriger unentwegter Expansion der westlichen Militärallianz noch erleben darf, könnte man stoßseufzen.

Aber solche Erleichterung wäre verfrüht. Denn der Westen ist bemüht, sich für diese Niederlage maximal zu rächen. Der britische Premier Boris Johnson beteuert, die NATO sei kein Feind des russischen Volkes, und sie respektiere den russischen Großmachtstatus. Wer’s glaubt, wird selig. Aber gleichzeitig, so Johnson weiter, müsse sie erreichen, dass Russland in der Ukraine scheitere, und dass dies vor aller Welt sichtbar werde. Dazu werden sogar alte Frontstellungen verlassen, wie der Besuch einer hochrangigen US-Delegation in Venezuela an diesem Wochenende signalisiert. Ziel der Reise ist laut US-Medien, das strategische Bündnis zwischen Moskau und Caracas zu schwächen – und nach Möglichkeit den Import von venezolanischem Öl wiederaufzunehmen, um den von russischem einstellen zu können. Dazu müsste Washington freilich sein eigenes Sanktionsregime gegen Venezuela aufheben. Soll man es die List der Vernunft nennen?

Auf der anderen Seite hat der geopolitische Erfolg für Russland auch seine Grenzen. Militärisch ist aus dem erhofften schnellen Sieg nichts geworden. Die Falle nach afghanischem Szenario, die manche in den USA Russland in der Ukraine stellen wollten, kann immer noch zuschnappen. Zudem ist die zentrale politische Hypothese Putins hinfällig geworden: Ein eigentlich Russland gegenüber brüderlich eingestelltes ukrainisches Volk werde von einer »Bande von Drogensüchtigen und Neonazis« daran gehindert, dies zum Ausdruck zu bringen. Im Gegenteil haben die Angriffe auf das russischsprachige Charkiw dazu geführt, dass sich auch der traditionell Moskau verbundene Teil der ukrainischen Gesellschaft anders orientiert. Russland könnte ohne die Verbündeten in der Ukraine dastehen, die es braucht, um einen militärischen Erfolg politisch abzusichern. Desto wichtiger ist es, jetzt erst zu einer Waffenruhe und dann zu einem politischen Kompromiss zu kommen. Ob unter Vermittlung Israels, Chinas oder von wem auch immer.

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  • Leserbrief von R.Prang aus Berlin ( 7. März 2022 um 18:17 Uhr)
    Ich möchte gern dazu schreiben, aber 2.000 Zeichen werden kaum reichen. Menschen sterben in der Ukraine, warum? Ukrainer und Russen, warum? Putin ist schuld – einfache Antwort für einfache Menschen. Die Wahrheit ist komplizierter. Objektive Antworten sind kompliziert, und gibt es sie überhaupt? Es sind die Religionen, die Ideologien, die uns hindern, objektiv zu sein. Die Menschheit hat so viele Entschuldigungen für den individuellen Egoismus erfunden, um das Handeln eines Menschen zu rechtfertigen, Religionen, Nationen und Ideologien. Jeder Mensch, der mit der Waffe in der Hand seine Nation, seine Religion oder seine Ideologie gegen andere schützt oder verteidigt, glaubt subjektiv humanistisch zu handeln. Das ist das Dilemma der gesamten Menschheit. Ist der Bestand einer Nation mehr wert als das Leben eines Individuums? Wenn wir Egoismus und Gier, die Triebkräfte einer kapitalistischen Gesellschaft, nicht überwinden können, werden wir diese Frage auch nie beantworten. In jeder Religion gelten sie als »Todsünde«, trotzdem ist es in 10.000 Jahren nicht möglich gewesen, sie zu überwinden. Wir Linken sind da nicht besser als die Religiösen, sonst würde es bei uns nicht diese »ewigen Grabenkämpfe« geben. Wann erkennt der Mensch, das keiner besser und keiner schlechter ist? Wann handeln alle Menschen solidarisch? Wann ist jeder Mensch ein Humanist? Ich werde es wohl nicht mehr erleben. Jeder Tote ist einer zuviel. Demokratie und absolute Gleichwertigkeit aller Menschen sind wohl nur ein schöner Traum. Genauso wie die absolute Wahrheit, aber wir müssen sie weiter suchen und uns ihr immer weiter nähern.
  • Leserbrief von Bernd Kulawik aus Bern ( 6. März 2022 um 20:12 Uhr)
    In meiner Welt herrscht in der Ukraine nicht erst seit zehn Tagen, sondern seit acht Jahren Krieg. Selbst unsere »junge weltweite Führerin« Annalena sprach noch am 8. Februar 2022 davon, dass dort seit Jahren Krieg herrsche. Also, wenn selbst die das gemerkt hat … Selbst nicht gemerkt? Dann sollten Sie vielleicht die Auswahl Ihrer Nachrichtenquellen überdenken …

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