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Aus: Ausgabe vom 04.03.2022, Seite 6 / Ausland
Mediale Verantwortung

Tief verankerter Rassismus

Krieg in der Ukraine: Afrikanische und arabische Presseorganisationen kritisieren westliche Medien
Von Ina Sembdner
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In der von Israel besetzten Westbank gibt es keine »Freiheitskämpfer«: Ein Palästinenser protestiert mit Molotowcocktail gegen die Besatzung (Ramallah, 11.3.2016)

Medien spielen eine zentrale Rolle dafür, wie Menschen die Welt wahrnehmen. Mit diesem Grundsatz beginnt eine Mitteilung der »Foreign Press Association Africa«, einer Organisation, die sich dem Ziel einer objektiven, ausgewogenen und fairen Berichterstattung über den afrikanischen Kontinent verschrieben hat. Anlass des am Dienstag auf Twitter veröffentlichten Briefes ist die Berichterstattung westlicher Medien über den Krieg in der Ukraine, der sich am Wochenende in verstörender Weise Bahn brach: »Dies ist eine relativ zivilisierte und relativ europäische Stadt … wo man so etwas nicht erwarten würde« (USA/CBS). »Es ist sehr emotional für mich, weil ich sehe, wie europäische Menschen mit blauen Augen und blondem Haar getötet werden« (Großbritannien/BBC). »Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, wir befinden uns in einer europäischen Stadt, und wir werden von Marschflugkörpern beschossen, als ob wir im Irak oder in Afghanistan wären, können Sie sich das vorstellen?« (Frankreich/BFM TV). »Das Beeindruckende ist, dass sie, so wie sie gekleidet sind … Das sind wohlhabende – ich verwende nur ungern den Ausdruck – Leute aus der Mittelschicht« (Al-Dschasira English).

Die »Foreign Press Association« zeigt sich »beunruhigt über die bedauerlichen Äußerungen unserer westlichen Kollegen, die immer wieder öffentlich erklären, dass sie einen Unterschied zwischen dem Krieg und dem Leid in der Ukraine und dem in armen Ländern sehen«. Die Vorstellung, dass Krieg eine Sache sei, die in Ländern außerhalb des Westens stattfindet, »ist mehr als kurzsichtig«, geht die Kritik weiter. Und da dies offenbar notwendig ist, wird noch einmal klargestellt: »Menschen, die nicht weiß sind, sind nicht von Natur aus anfälliger für Gewalt und Leid und daran gewöhnt. Menschen, die nicht weiß sind, sind nicht weniger zivilisiert oder unfähig, Konflikte zu lösen.«

Und auch die »Arab and Middle Eastern Journalists Association« wandte sich am Montag mit einem Brief an die Öffentlichkeit, in dem die Organisation »orientalistische und rassistische Unterstellungen« kategorisch verurteilt und ablehnt, »wonach eine Bevölkerung oder ein Land ›unzivilisiert‹ sei oder wirtschaftliche Faktoren aufweise, die es würdig machen, verurteilt zu werden«. Diese Art von Kommentaren spiegelten »die im westlichen Journalismus weitverbreitete Mentalität wider, Tragödien in Teilen der Welt wie dem Nahen und Mittleren Osten, Afrika, Südasien und Lateinamerika zu normalisieren«. Sie trügen zur Entmenschlichung bei und würden die Kriegserfahrungen dieser Menschen »als etwas Normales und Erwartetes« darstellen. Chris Doyle vom »Council of Arab-British Understanding« erklärte am Mittwoch gegenüber The National, dass einige der Kommentare die Ignoranz und den beiläufigen Rassismus gegenüber der Region verdeutlichten. Und er wies auf eine weitere (langlebige) Form doppelter Standards hin: »In der Ukraine werden Menschen zum Kämpfen ermutigt oder für den Einsatz von Molotowcocktails gefeiert und als ›Freiheitskämpfer‹ bezeichnet, und in anderen Teilen der Welt, wie im Irak oder im Westjordanland, werden sie als ›Terroristen‹ bezeichnet.«

Neben der offiziell geäußerten Kritik sind viele Nutzer sozialer Netzwerke in den betroffenen Gegenden dazu übergegangen, sich selbst und ihre Geschichte als »unzivilisiert« zu bezeichnen und mit einem entsprechenden Hashtag zu versehen – »#unzivilisierter irakischer Maschinenbauingenieur, der für ein internationales Öl- und Gasunternehmen arbeitet, mit drei Sprachen und zehn internationalen Zertifikaten«, um nur ein Beispiel zu nennen. Der CBS-Reporter hat sich mittlerweile für seine Äußerungen entschuldigt – gehörte Rassismus nicht selbstverständlich zum westlichen Repertoire, wären sie erst gar nicht gefallen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg ( 6. März 2022 um 12:04 Uhr)
    Vielen Dank, Ina Sembdner. Das musste alles unbedingt einmal gesagt werden, nämlich wie befangen unsere Medien im tradierten Rassismus und Kolonialismus sind und wie ihre Berichterstattung über den »Krieg in Europa« von denjenigen wahrgenommen wird, die nicht nur abseits der aktuellen Kriegsparteien, sondern auch außerhalb des Bewusstseinsradius ihres »Wertesystems« leben. Immerhin: »Der CBS-Reporter hat sich mittlerweile für seine Äußerungen entschuldigt ...« Man kann nur hoffen, dass solche »unbedachten« diskriminierenden Äußerungen über »Nichtweiße« oder »Andersdenkende« mit der Zeit doch abnehmen, um des Friedens willen ... Josie Michel-Brüning, Wolfsburg
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 6. März 2022 um 10:06 Uhr)
    Zitat: »Afrikanische und arabische Presseorganisationen kritisieren westliche Medien.« Sind wir schon tatsächlich so tief gesunken?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Norbert S. aus München ( 4. März 2022 um 04:46 Uhr)
    Auch schon die vergleichsweise zu anderen Kriegen massive Anzahl an in die gleiche Richtung zielenden, höchst manipulativen Medienbeiträgen zeugt nicht nur von der interessensgeleiteten Kriegspropaganda, sondern entfaltet allein durch die krasse, quantitative Unausgewogenheit automatisch rassistische Wirkung. Diese Unausgewogenheit dürfte auch mindestens in Teilen rassistische Ursachen haben. Inhaltlich gibt es bzgl. der Meldungen zu den Flüchtenden und deren Aufnahme im Westen neben rassistischen auch (femi-)sexistische Ursachen zu beobachten. Seitens der Ukraine sind diese ja absolut manifest, wenn sie ihren männlichen Einwohnern ihr Recht auf Flucht aus der Todesfalle verweigern, um sie gegen ihren Willen in der Armee zu verheizen. (Davon ja kein Wort in den Medien, außer die bloße Nennung des Fakts, dass diesen die Ausreise verboten ist, um dann oftmals gleich noch eine:n Kriegspropagandist:in dran zu hängen, der:die erzählt, »wie jetzt alle Ukrainer zusammenstehen würden, um den Feind zu besiegen« ... Der Widerspruch zur Notwendigkeit des Ausreiseverbots fällt anscheinend nicht auf.)
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen ( 3. März 2022 um 20:22 Uhr)
    Und die NATO ist der militärische Arm dieser rassistischen, weißen »Herrenmenschen« des globalen Nordens, da kann einem angst und bange werden. Noch mehr als sonst.

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