75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 20. Januar 2022, Nr. 16
Die junge Welt wird von 2602 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 12 / Thema
Literatur der DDR

Ins Ich verbissen

Selbstbefragung als Grenze seiner Poetik. Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Franz Fühmann geboren
Von Kai Köhler
12-13.jpg
Die Gefährdung des Friedens sah er in einer »Ausschließlichkeitshaltung« der Blöcke in Ost und West begründet statt im Imperialismus. Franz Fühmann (geboren am 15. Januar 1922, gestorben am 8. Juli 1984) auf der »Berliner Begegnung zur Friedensförderung« von Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern vom 13. bis 14. Dezember 1981 in Berlin

Im Herbst 1971 wurde Franz Fühmann auf etwa drei Wochen nach Ungarn eingeladen. Das Arbeitsprogramm war denkbar locker: Eine einzige Lesung war angesetzt, ab und an befasste sich Fühmann mit seinen Nachdichtungen ungarischer Lyrik. So blieb viel Zeit für Gespräche mit Schriftstellerkollegen, für Erkundungsgänge durchs ihm keineswegs unbekannte Budapest und für Ausflüge in die Umgebung. Beste Bedingungen also – nicht fürs Faulenzen, sondern für die eigentliche Tätigkeit des Dichters, nämlich die Welt zu erkunden und sprachlich zu gestalten.

Ergebnis war ein Hauptwerk Fühmanns. »Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens« bringt auf einer ersten, oberflächlichen Ebene Reisenotizen, datiert von der Abfahrt vom Berliner Ostbahnhof bis zur Rückkehr ebendort. In oft kurzen Abschnitten skizziert Fühmann Menschen, Gebäude oder Landschaften. Wie bewegen sich die Budapester durch ihre Stadt, welche gesellschaftlichen Regeln gelten? Keineswegs nur nebensächlich ist, wie Fühmann seinen Lesern in der DDR den ungarischen Sozialismus als den freieren zeigt. Polizisten außerhalb Preußens ertragen es, wenn eine rote Ampel missachtet wird, und wichtiger: Die Diskussionen unter Schriftstellern nimmt er als offener wahr. Gegenseitige Kritik sei möglich, weil niemand fürchte, dass sie politisch instrumentalisiert werde.

Ein halbes Jahrhundert später, mit Kenntnis des heutigen Ungarn, fragt man sich natürlich, ob und was Fühmann idealisiert hat. Fühmann nahm den Einwand vorweg und wusste, dass er nur eine kleine Gruppe von Intellektuellen kennenlernte. Ein Leitmotiv seiner Notate sind die Bemühungen ums Ungarische. Was kann man über ein Land erfahren, dessen Sprache man kaum versteht?

Und was heißt dies für seine Übersetzungen von Gedichten? Dass ein Schriftsteller in skrupulöser Verständigung mit einem Muttersprachler ein besseres Ergebnis erreichen kann als ein ums Literarische unbekümmerter Dolmetscher, bezweifelt Fühmann nicht. Doch überlegt er grundsätzlich, welche Bereiche der Welt Sprache überhaupt erfasst und inwieweit die Sinneseindrücke, die auch in Alltagsäußerungen mitschwingen, zu vermitteln sind.

Es geht ihm im Poetischen um Genauigkeit, doch gerade das Material – die Sprache – wird problematisch. Fühmann macht es sich hier nicht einfach und auch sonst niemals. Auf einer letzten, grundsätzlichen Ebene wird das Reisetagebuch zu einer geradezu verbissenen Selbstbefragung, die mit dem Literarischen verbunden bleibt, sich darin aber nicht erschöpft. Der Titel deutet es an: Zur »Mitte des Lebens« gilt es, eine Bilanz zu ziehen und daraus Konsequenzen für dessen zweite Hälfte zu gewinnen.

Zum Ausgangspunkt wählt er seine »Funktion« als Schriftsteller: »Sie kann für den einzelnen Schreibenden nur heißen: jenes Stückchen Literatur, das nur er und kein anderer schreiben kann. In diesem Sinn ist er unersetzlich (vorausgesetzt immer, dass das, was er macht, Literatur ist), und von dieser Unersetzlichkeit sollte auch die Gesellschaft ausgehen.«

Es geht also Fühmann nicht um eine Verneinung des Gesellschaftlichen – zumindest bis kurz vor seinem Tod 1984 wird er seine Wortmeldungen als Beiträge zur Entwicklung des Sozialismus ansehen. Doch im Spannungsverhältnis dazu bestimmt er das, was ein Schriftsteller für die Gesellschaft tun kann, ganz durch dessen Individualität. Damit verbunden ist ein enger Literaturbegriff: Bücher für den bloß zeitgenössischen Gebrauch, zur Unterhaltung und Belehrung, routiniert verfertigt, fallen heraus. Das Handwerk ist zwar Voraussetzung – in seinen Essays zu Gedichten zeigt Fühmann seine Kenntnisse auf diesem Gebiet. Doch ebensowichtig ist die Selbsterforschung des Schriftstellers, dessen besonderer Zugang zur Welt erst die Unersetzlichkeit seiner Dichtung ausmacht.

Es ist daher konsequent, dass es im Reisebuch immer wieder um das Erinnern geht. Das Leben, worüber man verfüge, sei »die Summe der Erfahrungen«; und zur Erfahrung werde nur das Erinnerte. Fühmann kommt deshalb zu dem Paradox, dass erst das, was durch Erinnern Erfahrung geworden sei, vergessen werden dürfe.

Das bequeme Verdrängen unangenehmer Vorkommnisse, und sei es, um arbeits- und handlungsfähig zu bleiben, hat in dieser Denkweise keinen Raum. Immer und immer wieder kommt Fühmann auf das Motiv der Wandlung zurück, das für sein Leben und für sein Werk bestimmend sei. Als Jugendlicher und als Wehrmachtsoldat war er Faschist, das ist er zweifellos nicht mehr. Ist es ihm gelungen, die Wandlung zu beschreiben? Oder hat er nur einen Zustand davor und einen danach erfasst, Böse und Gut gegenübergestellt, aber den Prozess verfehlt? Fast noch beunruhigender: »Verändert sich etwas am Wesen des Menschen, wenn er eine Richtung seines Lebens ändert?«

Wandlungen?

Was hier im Zusammenhang dargestellt wurde, ist aus verstreuten Notaten des Tagebuchs geordnet. Das Tastende, von Beobachtung zu Abstraktion Wechselnde ist Kennzeichen der »22 Tage«. Schon die Zahl im Titel, die bei Fühmann immer wieder vorkommt, spielt auf Biographisches an. Er wurde 1922 im tschechoslowakischen Rochlitz (heute: Rokydnice nad Jizerou) als Sohn eines Apothekers geboren. Wie die meisten Angehörigen der deutschen Minderheit, zumal des Bürgertums, denkt die Familie nationalistisch – den Einmarsch der faschistischen Wehrmacht 1938 wird sie als Befreiung von tschechischer Fremdherrschaft empfinden. Für den Sohn scheinen diese Anschauungen zunächst selbstverständlich. Zum ersten Konflikt aber führt die Konfrontation mit Religion und Kirche.

1932 gibt der Vater den Zehnjährigen auf das Jesuitenkonvikt in Kalksburg bei Wien. Das Eliteinternat soll auf eine große Karriere vorbereiten und hätte vielleicht sogar zu einer solchen geführt – wären nicht die Alltagsregeln allzu streng gewesen, hätten nicht die jesuitischen Erzieher jede spontane Regung ihrer Zöglinge erstickt. Sie schaffen es, dem jungen Franz jede Neigung zum Glauben auszutreiben. Nach eigener, späterer Darstellung flieht er 1936 aus dem Internat; vielleicht aber, nicht immer sind Fühmanns Angaben zuverlässig, nimmt ihn der Vater von der Schule. Schließlich werden die Nazis immer mächtiger, und da wird der Nutzen einer allzu christlichen Erziehung fraglich.

Wie auch immer: Nach der Erfahrung des Eingesperrtseins, des Schweigegebots fast den ganzen Tag, wirkt die Hitlerjugend wie eine Befreiung. Der jugendliche Franz Fühmann erlebt Nazifeierlichkeiten. Die Familie besucht 1936 die Olympischen Spiele in Berlin, 1938 nimmt der Sechzehnjährige an einem faschistischen Sportfest in Breslau teil. Inzwischen lebt er als Gymnasiast in Reichenberg in einem eigenen Zimmer, von der Familie kaum mehr kontrolliert. Der Dienst in der HJ und bald auch der Reiter-SA schiebt sich vors Lernen. Abenteuerlust und völkischer Kampf vermischen sich trübe; aus der Distanz von 24 Jahren erzählt das Fühmann in »Die Verteidigung der Reichenberger Turnhalle«, dem dritten Teil aus dem autobiographischen Zyklus »Das Judenauto« (1962).

Mit dieser Angabe stellt sich freilich ein Problem. Immer wieder hat Fühmann seine Vergangenheit erzählt, und die vierzehn Stücke des »Judenauto« zeigen seinen Weg vom antisemitischen Schüler zum überzeugten Sozialisten. Sie enthalten wichtige Einzelheiten der Biographie, sind aber zugleich Fiktion. In den 1960er Jahren will Fühmann schreibend das gesellschaftliche Wesen seiner Wandlung veranschaulichen; Wahrheit und Dichtung zu trennen ist kaum mehr möglich.

Gesichert ist jedenfalls, dass der Schüler, der SA-Mann, Gedichte schrieb, vom Vater ermutigt; dass der Gymnasiast sich 1939 mit Kriegsbeginn als Freiwilliger melden wollte, enttäuscht warten musste und nach dem Notabitur 1941 zum Reichsarbeitsdienst kam. Im selben Jahr wurde er endlich zur Wehrmacht eingezogen. Einer Nachrichtenkompanie zugeteilt, überlebte er den Krieg als Besatzungssoldat in der Sowjetunion und in Griechenland. Eine schwere Erkrankung sicherte ihm Heimaturlaub bis zum 6. Mai 1945.

Also nur beinahe gerettet – beim Versuch, im Chaos des faschistischen Zusammenbruchs in Nordböhmen zu seiner Einheit zurückzukommen, geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Entgegen der Nazipropaganda erwiesen sich die Bolschewisten keineswegs als mordgierige Unmenschen. In einem Arbeitslager in der Kaukasusregion musste Fühmann am Wiederaufbau mitwirken und las zum ersten Mal marxistische Literatur. 1946 konnte er bereits die Antifaschule in Noginsk bei Moskau absolvieren und in den Folgejahren dort und bei Riga selbst Kurse leiten.

Dies war die erste Wandlung des Franz Fühmann. Schon bevor er 1949 nach Deutschland zurückkehrte, selbstverständlich in die sowjetische Besatzungszone, wurde er publizistisch aktiv. Nach seiner Ankunft trat er der NDPD bei, jener Blockpartei, die für die Integration ehemaliger Nazis, wie er selber einer gewesen war, gegründet wurde. Für ein knappes Jahrzehnt arbeitete Fühmann vor allem als Funktionär und politischer Publizist. Gleichzeitig aber war er ein äußerst produktiver Schriftsteller.

Kriegserzählungen

Thema mehrerer, novellistisch zugespitzter Erzählungen Fühmanns ist der Krieg. Schlachtbeschreibungen wird man vergeblich suchen: Es geht dem Verfasser um eine Innensicht der Wehrmacht, um die Beschreibung eines faschistischen oder doch mindestens soldatisch funktionierenden Bewusstseins. Zweck ist dabei keine Phänomenologie des Militärischen, sondern das Bewusstsein als falsches zu zeigen. Überzeugend ist besonders die früheste dieser Erzählungen, »Kameraden«.

Kameradschaft ist ein wichtiges Mittel, eine Armee zusammenzuhalten. Wer für keine Ideologie kämpft, kämpft doch fürs Überleben derjenigen Männer, auf deren Zusammenhalt er angewiesen ist und auf die er sich verlassen können muss. Der positive Wert der Solidarität wurde so in der Wehrmacht pervertiert – und natürlich sind die Kameraden bei Fühmann nur im alleräußerlichsten Sinne welche.

Die Handlung läuft zum größten Teil in einer deutschen Bereitschaftsstellung ab, wenige Tage vor dem Überfall auf die Sowjetunion. Drei Männer erzielen bei einer Schießübung hervorragende Resultate und bekommen dienstfrei. Auf dem Weg über die Felder zur nächsten Schenke sehen sie einen buntgefiederten Reiher und überlegen, ob sie ihn für ihren Bataillonskommandeur trotz Schussverbot erlegen sollen. Zwei Mann schießen, aber einer trifft ausgerechnet die Tochter des Kommandeurs, die für sie nicht sichtbar war. Die »Kameraden« verstecken die Leiche, doch das Misstrauen bleibt: Wird Thomas, der als einziger nicht geschossen hat und eine Patrone mehr vorweisen kann, die beiden anderen verraten? Die drei beginnen, sich gegenseitig zu überwachen und zu intrigieren.

Einer der Schützen hat einen hohen SS-Mann, »in der nächsten Nähe Himmlers«, zum Vater und holt den zur Hilfe. Der erfahrene Nazi weiß, wie aus der Lage Nutzen zu gewinnen ist. Er lässt seine Leute die Gegend durchkämmen, die Leiche finden und verkündet, die Tochter sei von Bolschewiken ermordet worden. Das Bataillon ist empört, der Kommandeur sinnt auf Rache. Im ersten sowjetischen Dorf, das die Einheit nach dem Angriff erreicht, lässt er zwei Mädchen henken. Thomas versucht die Lüge aufzuklären und wird als Verrückter abgeführt.

Die Lehren der Erzählung sind deutlich. Kameradschaft und Volksgemeinschaft sind Illusion. Tatsächlich herrschen unter den Bedingungen des Faschismus Konkurrenz, Misstrauen und der Wille zur gegenseitigen Vernichtung. Auf die Propagandalüge von oben folgt die Bereitschaft zum Mord. Wer dabei aus falschverstandener Solidarität mitmacht, wird später, wie Thomas, nichts mehr ändern können. Immerhin entfernt sich am Ende Thomas von seiner Truppe, wird angeschossen und von litauischen Bauer aufgefunden. Seine Zukunft bleibt offen

»Kameraden« ist weit mehr als literarisierte Didaktik. Die Handlungsführung ist straff, die Figurengestaltung plastisch. Keiner der Soldaten erscheint als eindimensional; jeder von ihnen hat Widersprüche in seiner Persönlichkeit, die sein Verhalten in einer widersprüchlichen Lage bestimmen. Damit ist ein Stichwort gefallen, das Fühmanns Denken bis in seine spätesten Essays bestimmt. Der Anspruch ist, die Welt in ihren Widersprüchen wahrzunehmen und gerade dadurch mit ihrem Entwicklungspotential.

Mythologisierung

In den folgenden Erzählungen führt Fühmann die Gedankenwelt der »Kameraden« weiter aus, doch mit gesteigertem dichterischem Anspruch. Das ist nicht unproblematisch. Wenn er Landschaften mit immer größerem Aufwand beschreibt, so wirkt das zuweilen ebenso manieristisch wie ein übertrieben komplexer Satzbau. Vor allem überhöht Fühmann das Geschehen, indem er den Mythos einbezieht. Das kann ein Gewinn sein. In »König Ödipus« ist eine von den Besatzungstruppen in Griechenland geplante Aufführung von Sophokles’ Drama der Ansatzpunkt für immer neue Deutungsversuche: Wie lassen sich die antiken Anschauungen von Schuld und Schicksal mit Rassenideologie und faschistischem Herrenmenschentum in Übereinstimmung bringen? Natürlich gar nicht. Aber die geistigen Mühen, die zu diesem Zweck unternommen werden, machen in Verbindung mit einer klug konstruierten Partisanenhandlung die intellektuellen Grundlagen des Nazitums durchschaubar.

»Das Gottesgericht« und »Die Schöpfung« dagegen dehnen eigentlich kurze Konfrontationen der Besatzer mit griechischen Zivilisten auf viele Seiten aus, überladen sie mit biblischen sowie antiken Anspielungen und weisen den Figuren komplizierte Gedanken zu, zu denen im Kriegseinsatz wohl kaum jemand in der Lage ist. Auch später entgeht Fühmann nicht immer der Gefahr des Zuviel: mehr und buntere Umgebung, als dem Verlauf zuträglich ist, und literarisch-mythologische Anspielungen, die dem Vielleser und Büchersammler Fühmann leicht aufs Papier geraten, doch die Sache nicht immer klären.

Am besten gerät es ihm, wenn er Mythos und 20. Jahrhundert trennt. Gelungen sind seine nacherzählenden Umdeutungen von Mythen, vom Kinderroman »Prometheus« (1974) bis zum späten Zyklus »Der Geliebte der Morgenröte« (1978). Lesenswert sind gleichfalls die Erzählungen, in denen er die Welt seiner Kindheit zuspitzt. In »Die Austreibung der Großmutter« rekonstruiert ein erwachsenes Ich, wie das Kind in einer gutbürgerlichen Familie einen entscheidenden Tag erlebte: als seine Mutter, gegen den Widerstand des Vaters, den Auszug der Schwiegermutter erzwang. Der Zehnjährige spielt im Garten Krieg, als richtender Herr über zwei Spielzeugarmeen, und fragt sich, ob er den selbstgesetzten Regeln folgen muss – während hinter ihm im familiären Krieg alle Regeln zusammenbrechen, zuletzt er selbst zum Mittel in diesem Krieg wird. Obzwar er die Großmutter keineswegs mag, entschließt er sich doch zu einer kurzen Regung von Solidarität – um sich in den Schlusssätzen doch der Siegerin anzuschließen, der Mutter.

»Indianergesang« bringt anfangs die schulische Vorbereitung auf ein »Missionsfest«. Die kleinen Deutschen müssen die Ureinwohner spielen, und ein scheinbar lächerlicher Streit entsteht, als der kindliche Ich-Erzähler darauf besteht, »Tschallawei« zu singen statt – wie es im Liederbuch steht – »Schallewei«. Ordnung muss auch unter den Wilden sein, und so schlägt der diensthabende Kaplan das Kind, bis Blut kommt. Das wäre schon schlimm genug. Aber auf dem Heimweg bedauert ihn ein Mädchen, dass der Geistliche ihn wegen solch einer »Kleinigkeit« geschlagen habe. Nun verachtet der Junge die Gefährtin, die auf dem Fest »nur eine Chinesin« darstellt, und erklärt, der Kaplan habe ganz recht getan, die Ordnung durchzusetzen.

Vom Ich ausgehen

Immerhin schließt eine Geste des Mitleids diese Erzählung ab – doch das Fazit ist heillos. Nicht nur Unterdrückung herrscht, sondern zudem Identifikation mit den Unterdrückern. Das bezog Fühmann zunächst auf das Bürgertum seiner Herkunft, auf das faschistische Milieu, mit dem er abrechnen wollte. Doch dabei blieb es nicht.

1964 richtete er einen offenen Brief an den Minister für Kultur, in dem er gegen eine allzu oberflächlich politisierte Literatur argumentierte. Fühmanns Kritik lässt sich in drei Punkten zusammenfassen. Erstens wendet er sich gegen eine Literaturdiskussion, die den Wert von Büchern allein an deren aktuell nutzbaren politischen Inhalt misst und so gerade das angestrebte Niveau verhindert. Zweitens verbindet er dies mit eigenen Erfahrungen und auch mit dem, was ihm an Erfahrungen verschlossen bleibt. So nützlich der Besuch von Fabriken und LPGs für ihn auch gewesen sei, so bleibe er doch stets ein Gast und könne die Perspektive von Arbeitern nicht einnehmen. So müsse er sich auf seinen »persönlichen Auftrag« konzentrieren, nämlich dass »jeder Schriftsteller sich immer wieder besinnen müsste, welche Themen, Stoffe und Genres ihm nach Maßgabe seiner Fähigkeiten, seines Talents, seiner Herkunft und seines Lebensweges am gemäßesten sind und wo er mit seinen spezifischen Ausdrucksmitteln das Beste und Qualifizierteste zu leisten vermag.« Hier klingt schon das spätere Reisetagebuch an. Auch der dritte Punkt wird für die spätere Arbeit Fühmanns wichtig. Es gehe darum, den »Ideologen des Bürgertums« nicht das Erbe der Moderne zu überlassen und sich Autoren wie Franz Kafka oder Georg Trakl kritisch anzueignen.

Fühmann verdeutlichte, bei aller Distanz zu Erscheinungen der Literaturpolitik, seine sozialistische Parteilichkeit. Der Brief wurde auszugsweise im Neuen Deutschland, komplett in einem Sammelband gedruckt. Fühmanns Einschätzung, er könne den erwarteten großen Betriebsroman nicht schreiben, hinderte ihn auch keineswegs daran, sich mit der Arbeitswelt zu befassen. Bereits 1961 war »Kabelkran und blauer Peter« erschienen; das Buch verarbeitet Erfahrungen auf der Rostocker Warnowwerft. Noch in seinen letzten Jahren, als der Bitterfelder Weg beinahe schon vergessen war, suchte Fühmann Kontakt zu einer Bergarbeiterbrigade und fuhr mehrfach in Minen ein. Zwar ging es ihm nicht um Produktionsdichtung: Das Bergwerk steht auch für die Arbeit im Untergrund, an der Geschichte und in Erdschichten. Doch blieb für Fühmann stets die eigene Erfahrung als Grundlage des Schreibens wichtig, die Anschauung, dabei eine Konzentration aufs Optische. In »22 Tage« heißt es: »Meine Erinnerungen sind zumeist gestochen scharfe und dabei sehr oft vollkommen starre Bilder zwischen blassen, grauen, wie Hintergründe in Traumlandschaften undeutlichen, mitunter völlig leeren Flächen.«

Sich aufs Ich beschränken

Das Bild also, nicht die Bewegung. Es überrascht nicht, dass Fühmann zwar einige Male Filmszenarien für die Defa und auch kurze Kasperlestücke für Kinder geschrieben, aber das Drama gemieden hat. Die Lyrik war sein Metier, von der Jugendzeit bis etwa 1960 mit eigenen Gedichten, danach als Übersetzer. Hier arbeitete er mit der Moderne, besonders der ungarischen und tschechischen, und erlebte eine laxere Kulturpolitik als in der DDR. In seinem Staat versuchte er, Expressionismus und besonders die Romantik aufzuwerten.

Hier wurde sein Engagement problematisch. Als er zu E. T. A. Hoffmanns 200. Geburtstag 1976 die Festrede mit der Formel: »verehrte Freunde und Gegner« begann, war die Romantik in der DDR durchaus nicht mehr verfemt. Nur waren damals Klassik und Realismus noch nicht völlig abgetan. Fühmann zeigte in der Rede wie in auf sie folgenden Essays Hoffmann als Gesellschaftskritiker. Anders als mindere Neo­romantiker wie Günter Kunert oder Christa Wolf verteufelte er keineswegs Goethe. Doch musste sein Auftritt als Provokation wirken. Wie ist seine Position zu erklären?

Zurück zu der Frage aus den »22 Tagen«, ob sich etwas am Wesen des Menschen ändere, wenn er eine Richtung seines Lebens ändere. Wenn die Antwort nein lautet, dann heißt dies, dass die Wendung Fühmanns zum Antifaschisten keineswegs eine Wandlung der Person bedeutete, dass diese Wandlung vielleicht noch ausstehe. Der Glaube an den Sozialismus rückt so unversehens an die Seite des Glaubens an den Faschismus. Das bedeutet nicht, dass Fühmann die Totalitarismustheorie übernommen und rot gleich braun gesetzt hätte. Der Sozialismus blieb sein Ziel, und auch in seinen Analysen Hoffmannscher Werke bezog er sich auf Marx. Es heißt aber, dass er nun jede Autorität mit Misstrauen ansah, dass er mehr und mehr sozialistische Kulturpolitik als Unterdrückung empfand. Wenige Monate nach der Hoffmann-Rede verschärfte sich der Konflikt – Fühmann gehörte zu den Autoren, die mit ihrem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns an die Westmedien gingen. Immer wieder setzte sich Fühmann für oppositionelle Schriftsteller ein, wie etwa für Uwe Kolbe. Jeden Weggang in den Westen empfand er als schmerzlichen Verlust für die Literatur der DDR.

Mit seiner Traditionswahl wollte Fühmann gerade nicht das Anarchisch-Irrationale aufwerten, das der Romantik oft vorgeworfen wurde. Er verwendete viel Mühe auf den Nachweis, dass das Gespenstische bei Hoffmann dichterische Gestaltung verdrängter gesellschaftlicher Konflikte sei. Dem, was er immer mehr als einschränkendes Dogma empfand, setzte er das entgegen, was er für ein offenes Denken in Widersprüchen hielt. Bezogen auf die Literatur hieß dies, dass ein Dichter seine ganz eigene Lebens- und Erfahrungswelt entfalten sollte, ohne jegliche ­Restriktionen.

Das kann, wie manche Werke Fühmanns zeigen, literarisch produktiv sein, heißt aber zugleich, das Denken in Widersprüchen an einem bestimmten Punkt abzubrechen. Sozialistische Politiker, zumal an einer Systemgrenze, sind nicht bloß uneinsichtige Machthaber, sondern bewegen sich ebenfalls in Zwängen.

Von denen wollte der späte Fühmann nichts mehr wissen. Die Gefährdung des Friedens etwa sah er in einer Rede 1981 in einer »Ausschließlichkeitshaltung« der Blöcke in Ost und West begründet statt im Imperialismus. Die Lösung sah er darin, eine blockübergreifende »Menschheit« zu konstituieren, und als Grundlage dafür eine Wahrhaftigkeit, die immer als »Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst« beginne.

Fühmann hat gewusst, dass die – oft zerquälte – Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich die Bedeutung seiner Dichtung ausmacht. Zugleich bildet sie die Grenze seiner Poetik. Wo Moral und Psychologie – mögen sie auch auf Gesellschaft bezogen sein – nicht zureichen und sich die politischen Gegensätze hart im Raume stoßen, geht sein Konzept nicht auf.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28.12.2021 über Carl Zuckmayer.

Zeitung für Internationale Solidarität

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • »Ein Schrei nach Änderung durcheilt das Land« (Aladár Komját) – ...
    21.03.2019

    Wir brechen hervor

    Im März 1919 wurde in Ungarn die Räterepublik ausgerufen – eine Erinnerung an zwei ihrer Protagonisten, den Dichter Aladár Komját und seine Frau Irén
  • Bedingungslose Anhängerschaft an Hitlerdeutschland – der ungaris...
    19.03.2019

    Die letzte Okkupation

    Vor 75 Jahren marschierte die Wehrmacht in Ungarn ein und besetzte nach Italien ein weiteres verbündetes Land. Die Kollaborationsbereitschaft in der herrschenden Klasse kam den Nazis entgegen
  • Mate Zalka (links) wenige Tage vor seinem Tod am 11. Juni 1937. ...
    09.06.2012

    Retter von Madrid

    An der Front vor Huesca starb vor 75 Jahren der ungarische Spanienkämpfer und Divisionskommandeur der Volksarmee Mate Zalka

Regio: