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Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 4 / Inland
Völkerrechtliche Verpflichtungen

Skelettfund auf »Russenfriedhof«

Bremen-Oslebshausen: Archäologen entdecken vollständig erhaltene Überreste von Zwangsarbeiter
Von Sönke Hundt, Bremen
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Die Ausgrabungen auf der ehemaligen Friedhofsanlage für sowjetische Kriegsgefangene dauern an (Bremen-Gröpelingen, 12.1.2022)

Auf dem Gelände des sogenannten Russenfriedhofs in Bremen-Oslebshausen ist ein vollständiges Skelett gefunden worden. »Wir waren schon ein Stück weit überrascht«, sagte Uta Halle, Leiterin der Landesarchäologie Bremen, in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des Regionalmagazins »Buten un binnen« von Radio Bremen. Bislang habe man keine Hinweise darauf gehabt, dass auf dem Gelände noch vollständige Skelette geborgen werden könnten. »Das ist jetzt wirklich das allererste Mal, dass wir einen kompletten Körper haben«, sagte Halle dem Sender.

Vor dem am Dienstag entdeckten Skelett waren ein Schädel, Hunderte von Knochenfragmenten und rund 70 Erkennungsmarken gefunden worden, die sowjetischen Zwangsarbeitern gehört hatten. Schon diese Funde hatten Vermutungen bestätigt, wonach eine frühere Umbettung im Zuge der Auflösung durch die Alliierten im Jahr 1948 unvollständig durchgeführt worden war. Der neueste Fund belegt dies um so deutlicher. Bisher gingen die Behörden davon aus, dass alle Leichen aus diesem Gräberfriedhof damals auf den Friedhof Osterholz umgebettet worden seien. Und so will der Senat von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke dem Alstom-Konzern – nach mehreren Eigentümerwechseln Rechtsnachfolger der Linke-Hofmann-Werke, die während der Nazizeit Zwangsarbeiter aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen einsetzte – den Bau einer Bahnwerkstatt auf dem 20.000 Quadratmeter großen Gelände ermöglichen.

Das Skelett sei bei der Exhumierung von 1948 »nicht erkannt« worden, teilte der Senat am Dienstag mit. Die benachbarten Gräber hätten »deutlich höher im aufgespülten Sand« gelegen und seien exhumiert. Über den Skelettfund seien die Generalkonsulate der Ukraine und Russlands von der Senatskanzlei unterrichtet worden, heißt es in der Mitteilung. Der Senat beabsichtige »unter Einhaltung aller einschlägigen rechtlichen Vorschriften« eine Umbettung auf den Ehrenfriedhof in Bremen-Osterholz. Man halte zudem an der Idee fest, das »Ehrenfeld des Kriegsgräberfriedhofs in Osterholz um einen zentralen Gedenk- und Erinnerungsort für die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges im Osten zu ergänzen«.

Das »Bremer Friedensforum« und die »Bürgerinitiative Oslebshausen und Umzu« sehen in dem sogenannten Russenfriedhof nach wie vor eine völkerrechtlich geschützte Kriegsgräberstätte und lehnen den geplanten Bau einer Bahnwerkstatt ab. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) und Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz hätten »immer wieder betont«, im Falle des Fundes eines vollständigen Skeletts von einer Bebauung abzusehen, erklärte Dieter Winge von der Bürgerinitiative in einer Mitteilung vom Mittwoch. »Dies wäre Ausdruck menschlichen Respekts gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen. Allerdings wurde die Zeit vertrödelt, um sich um einen alternativen Standort zu kümmern.« Der Senat dagegen vertritt mit Nachdruck seine Auffassung, dass das Gelände seine Eigenschaft als Kriegsgräberstätte und damit den völkerrechtlichen Schutz verloren habe. Gegenüber »Buten un binnen« erklärte Werner Wick, Sprecher des zuständigen Kulturressorts im Senat, dass die Kriegsgräberstätte »auf Beschluss des Senats und der Bürgerschaft im Einvernehmen mit den Alliierten damals aufgelöst« wurde.

Friedensforum und Bürgerinitiative haben mittlerweile zwei juristische Gutachten für die Klärung der völkerrechtlichen Fragen eingeholt. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass es viele Anhaltspunkte dafür gebe, den »Russenfriedhof« weiterhin völkerrechtlich als Kriegsgräberstätte anzusehen. Ein Verkauf mit anschließender Bebauung verbiete sich vor einer endgültigen Klärung der strittigen Fragen. Dazu forderten Bürgerinitiative und Friedensforum erneut die »unverzügliche Einrichtung einer unabhängigen Kommission von Historikern, Völkerrechtlern und Ethikern«.

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