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Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 2 / Inland
Billigware Lebensmittel

»Wenige Konzerne dominieren den Handel«

Marktmacht von Supermarktketten geht auf Kosten von Arbeiterinnen und Landwirten. Gespräch mit Marita Wiggerthale
Interview: Raphaël Schmeller
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Wollen auch davon leben: Wochenmärkte sind für viele nur bedingt eine Alternative zum Supermarkt (Hannover, 24.4.2020)

Am kommenden Wochenende sollte wieder einmal die Großdemonstration unter dem Motto »Wir haben es satt« in Berlin stattfinden. Aufgrund der aktuellen Pandemielage wurde sie aber verschoben. Indes hat sich kürzlich Landwirtschaftsminister Cem Özdemir in der Debatte über eine Agrarwende zu profilieren versucht. Der Grünen-Politiker kritisierte »Ramschpreise« bei Lebensmitteln. Wie ist es möglich, dass beispielsweise ein Kilogramm Hackfleisch im Discounter nur 3,99 Euro kostet?

Das Grundproblem ist, dass nur sehr wenige Konzerne den Handel mit Lebensmitteln dominieren. Es ist schon lange bekannt, dass Edeka, Rewe und die Schwarz-Gruppe mit Lidl, Aldi und Kaufland 85 Prozent des Marktes hierzulande beherrschen. Sie haben als Einkäufer von Lebensmitteln die Macht, die Preise zu setzen und die Lieferanten gnadenlos im Preis zu drücken. Letztere geben diesen fatalen Preisdruck entlang der gesamten Lebensmittelkette an die Kleinbauern und Arbeiterinnen im globalen Süden weiter.

Wieviel von dem, was Verbraucher hierzulande im Supermarkt für Lebensmittel bezahlen, kommt am Ende bei den Produzenten an?

Mit Blick auf globale Lieferketten sind wir im niedrigen einstelligen Bereich, also drei bis sechs Prozent. Im Durchschnitt aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Deutschland sind es 22 Prozent des Preises, die bei den Landwirten ankommen. Dazu muss man wissen, dass dieser Wert in den 1950er Jahren bei mehr als 60 Prozent lag. Es zeigt sich deutlich, dass die zunehmende Marktmacht der Konzerne sowie die Deregulierung und Liberalisierung des Agrarsektors auf Kosten der Landwirte geht.

Welche Folgen hat diese Monopolisierung für die Umwelt?

Durch die Niedrigpreise werden die industrielle Landwirtschaft und die Massenproduktion sehr stark gefördert. Der hohe Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln dezimiert die biologische Vielfalt, zerstört die Böden und belastet Gewässer. Giftige Pestizide beeinträchtigen die Gesundheit der Arbeiterinnen und Kleinbauern auf den Feldern sowie der umliegenden Gemeinden. Mit der Industrialisierung in der Landwirtschaft geht auch die Saatgutvielfalt verloren.

Um diesem Problem entgegenzuwirken, will Özdemir die Preise erhöhen, damit am Ende mehr bei den Landwirten ankommt. Auch Sie plädieren für faire Preise. Aber wie sollen sich Geringverdienende dann noch Essen leisten können?

Es ist nicht unser Anliegen, arme Menschen in Deutschland gegen die im globalen Süden auszuspielen. Wir wollen nicht, dass einfach die Lebensmittelpreise angehoben werden – das nützt auch den Arbeiterinnen und den Kleinbauern im globalen Süden nicht, weil nicht sichergestellt ist, dass sich ihre Einkommen dadurch erhöhen würden. Wichtig wäre es deswegen, entlang der gesamten Lieferkette ein Verbot des Einkaufs unterhalb der Produktionskosten durchzusetzen. Damit würde ein Paradigmenwechsel eingeleitet: Die Preise würden dann erstmalig wieder vom Hof bis zum Supermarkt gebildet werden, die Einkommen der Landwirte und die Löhne der Arbeiterinnen und Arbeiter somit nicht mehr dem Preisdiktat der Supermarktketten unterliegen.

Dennoch würden am Ende die Lebensmittelpreise in den Supermärkten steigen – womit sich die soziale Frage zwingend stellt.

Nicht unbedingt. Wichtig ist, dass eine Umverteilung der Gewinne innerhalb der Wertschöpfungskette erfolgt. Wir haben in den vergangenen Jahren gesehen, dass die Supermarktketten Rekordumsätze verzeichnet haben. Bei steigenden Lebensmittelpreisen braucht es aber auf jeden Fall Vorkehrungen für Haushalte mit geringen Einkommen, etwa die Erhöhung der ohnehin schon zu niedrigen Grundsicherung.

Muss das Problem nicht von der anderen Seite aus gesehen werden? Damit Unternehmen den Beschäftigten hierzulande nur Niedriglöhne zahlen können und dadurch im globalen Wettbewerb bestehen, braucht es unter anderem billige Lebensmittel, damit die Beschäftigten sich dennoch versorgen können.

Grundsätzlich stimmt das. Die systematisch niedriggehaltenen Preise sind Ausdruck eines ausbeuterischen Systems, das zu Lasten der Menschen geht, die die Lebensmittel herstellen, sowie zu Lasten der Umwelt und des Klimas.

Marita Wiggerthale ist Referentin für Welternährung und globale Agrarfragen bei Oxfam

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  • Leserbrief von Alexander Klietz aus Niddatal (16. Januar 2022 um 00:01 Uhr)
    Meines Wissens gehören Aldi-Nord und -Süd nicht zur Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christel H. aus Aschersleben (15. Januar 2022 um 11:48 Uhr)
    Wenn das bescheuerte Gegendere dazu führt, dass im Artikel nur noch Arbeiterinnen (mehrfach) und keine Arbeiter mehr erwähnt werden, wird das kaum zu mehr Akzeptanz der ohnehin völlig nebensächlichen Angelegenheit beitragen. In meinem Facharbeiterbrief steht übrigens Industriekaufmann, und ich verwahre mich dagegen, eine Industriekauffrau daraus zu machen.
    • Leserbrief von Alexander Klietz aus Niddatal (17. Januar 2022 um 11:28 Uhr)
      Kann ich nicht nachvollziehen. Im Artikel ist mehrfach von Landwirten, Einkäufern und Lieferanten die Rede. Außerdem von Kleinbauern (männlich) und Arbeiterinnen (weiblich). Hier wird also gar nicht gegendert, sondern es wird die männliche und weibliche Form benutzt. Wer gendern möchte, soll das tun. Wer nicht, soll es lassen. Hauptsache lesbar. Bitte keine Sprachpolizei, weder pro noch contra Gendern. Alexander Klietz, Niddatal (ebenfalls Industriekaufmann, herzlichen Gruß Kollegin)

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