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Aus: Ausgabe vom 14.01.2022, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Arm trotz Arbeit

»Es braucht eine Ausdehnung der Tarifbindung«

Laut Studie zählt knappes Fünftel der Vollzeitbeschäftigten zum unteren Entgeltbereich. Ein Gespräch mit Eric Seils
Interview: Fabian Linder
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Berlin: Proteste auf der Oberbaumbrücke für eine Angleichung der Ost- an die Westlöhne (26.4.2021)

In einer vergangene Woche veröffentlichten Analyse hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut, WSI, die Entwicklung niedriger Monatsentgelte beleuchtet. Über Menschen, die nur einen Niedriglohn verdienen, liest man häufiger. Gibt es einen Unterschied zur statistischen Größe des Monatsentgeltes?

Beides orientiert sich etwa gleich. Die OECD-Definition des Niedriglohns bezieht sich auf Stundenlöhne und definiert ihn unterhalb einer Schwelle von zwei Dritteln des mittleren Stundenlohns. Da allerdings die Bundesagentur für Arbeit keinerlei Daten zu Stundenlöhnen hat, definierte man den unteren Entgeltbereich. Dieser lehnt sich an die OECD-Definition des Niedriglohnsektors an und setzt die entsprechende Schwelle bei zwei Dritteln des monatlichen Entgelts. Es geht beim unteren Entgeltbereich also nicht um Stundenlöhne, sondern um Leute, die trotz Vollzeitbeschäftigung am Ende des Monats mit wenig Geld nach Hause gehen. Er ist aber nur für Vollzeitbeschäftigte definiert. Gar nicht erfasst sind etwa Personen mit mehreren Jobs, da diese zumeist in mehreren Teilzeitverhältnissen tätig sind.

Fast ein Fünftel der Beschäftigten gehört trotz Vollzeitbeschäftigung zu den Geringverdienenden. Welche Unterschiede konnten Sie ausmachen?

Große Unterschiede konnten wir unter anderem zwischen Ost und West und zwischen Stadt und Land ausmachen. Des weiteren gibt es unterschiedliche Gruppen, die stärker betroffen sind. Darunter junge Menschen, Frauen sowie Menschen mit Migrationsgeschichte, aber auch geringqualifizierte oder gutqualifizierte Personen in Helfertätigkeiten.

Einen der Hauptunterschiede machen Sie in Ihrer Untersuchung im Ost-West-Gefälle aus. Sind weniger Industrie und Ballungsräume wirklich die einzigen Ursachen?

Es gibt eine Vielzahl an Faktoren. Etwa, dass die Konzernzentralen nach der Wende im Westen geblieben sind und deshalb im Osten nicht existieren. Eine andere Sache sind geringere Betriebsgrößen. In kleinen Betrieben wird im Durchschnitt deutlich weniger gezahlt als in größeren. Eine weitere Größe, die wir in dieser Studie allerdings nicht messen können, ist die Tarifbindung. Im Osten gibt es eine niedrigere Tarifbindung, was in der Konsequenz zu schlechteren Löhnen führt. Ein Stück weit aufgefangen wird das durch geringere Lebenshaltungskosten etwa bei der Miete. Der Preiseffekt hilft dem Osten hierbei ein wenig.

Eine erst kürzlich veröffentlichte Studie machte darauf aufmerksam, dass rund ein Drittel der Beschäftigten später weniger als 1.300 Euro Bruttorente bekommen dürfte. Was bedeuten die Ergebnisse Ihrer Einkommensstudie für die Absicherung im Alter?

Wer wenig Lohn hat und rein auf die gesetzliche Rentenversicherung angewiesen ist, wird auch wenig Rente herausbekommen. Das kann ich auch ohne Kenntnis der Studie, auf die Sie sich beziehen, sagen. Allerdings darf man die aktuell gemessenen Löhne der Geringverdienenden nicht generell in die Zukunft fortschreiben. Gerade an der starken Betroffenheit der Gruppe der jungen Menschen, ist erkennbar, dass sich viele im Lebensverlauf aus dem unteren Entgeltbereich lösen.

Die Ampelkoalition will den Mindestlohn auf zwölf Euro die Stunde anheben. Wird das die benannten Probleme hinreichend lösen?

Die Mindestlohnerhöhung auf zwölf Euro ist sicherlich eine gute Sache. Innerhalb dieses Bereichs der Geringverdiener in Vollzeitbeschäftigung wird das die Löhne anheben. Bei zwölf Euro die Stunde und einer 40-Stunden-Woche kommen Sie allerdings im Monat trotzdem nicht über die Schwelle von 2.284 Euro brutto. Was man hier bräuchte, ist eine Ausdehnung und Stabilisierung der Tarifbindung – gerade im Osten –, so dass die Sozialpartner das Problem selbst angehen können.

Eric Seils arbeitet beim Referat »Vergleichende Sozialpolitik« des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung

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