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Aus: Ausgabe vom 11.01.2022, Seite 5 / Inland
Gas- und Strompreise

Pleitewelle bei Billigversorgern

Energieanbieter kündigen Kunden in Massen Verträge und treiben sie zur teuren Konkurrenz. Verbraucherschützer ermuntern zur Gegenwehr
Von Ralf Wurzbacher
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Teurer Strom: Rund 260 Grundversorger haben für Neukunden Tarife mit Preisaufschlägen von durchschnittlich 105,8 Prozent eingeführt

Eben noch bei der »Billigheimer GmbH« – und dann plötzlich bei Eon. In den vergangenen Wochen und Monaten erlebten mithin Hunderttausende Energieverbraucher in Deutschland eine böse Überraschung. Weil die Preise an den internationalen Börsen für Strom und Gas förmlich explodiert sind, setzen haufenweise Anbieter ihre Kunden Knall auf Fall vor die Tür und treiben sie in häufig sehr viel teurere Tarife bei der Konkurrenz. Wie der Bayerische Rundfunk (BR) in der Vorwoche berichtete, kann das soweit gehen, dass Betroffene ohne Vorwarnung beim örtlichen Grundversorger landen, der bei Vertragsauflösung automatisch in die Bresche springt. Allein im zurückliegenden Jahr haben laut Bundesnetzagentur knapp 40 Unternehmen Insolvenz angemeldet oder ihre Energielieferungen bis auf weiteres eingestellt. Die Leidtragenden müssen dies mit zum Teil horrenden Kosten ausbaden, was nicht wenige in finanzielle Nöte bringt.

Die Vorgänge haben inzwischen die neue Bundesverbraucherschutzministerin Steffi Lemke (Bündnis90/Die Grünen) auf den Plan gerufen. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bezeichnete sie am Wochenende die Annullierung laufender Kontrakte als »teilweise in der Form völlig rechtswidrig«. Sie verwies auf Strompreise von »mehr als 70 oder gar 90 Cent« pro Kilowattstunde, die sich auch mit den hohen Beschaffungskosten nicht rechtfertigen ließen. Hier seien die Verbraucherzentralen und gegebenenfalls die Gerichte gefragt, »genau hinzuschauen«, bemerkte die Politikerin. Die Regierung beobachte die Entwicklung und prüfe, ob weiterer Handlungsbedarf bestehe. Schon zuvor hatte ein Ministeriumssprecher von einer Verpflichtung des kündigenden Anbieters gesprochen, im Falle von Mehrkosten »dem Kunden eine Schadenersatzleistung zu zahlen«.

Beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) waren im November neunmal so viele Beschwerden über Vertragskündigungen eingegangen wie im Monat davor. Wegen drastischer Kostenaufschläge erhöhte sich die Zahl der Eingaben gar um das 14fache. Die aktuelle Pleitewelle trifft insbesondere die Energiediscounter. Sie decken ihren Bedarf kurzfristig zu günstigen Konditionen am sogenannten Spotmarkt, während die großen Versorger und Stadtwerke weit mehr auf langfristige Kontrakte setzen. Bei hohen Beschaffungskosten erleidet das Geschäftsmodell der Billiganbieter schnell Schiffbruch. Der seit Monaten anhaltende Preisauftrieb auf den Energiemärkten erklärt sich einerseits mit der Erholung der Weltwirtschaft nach den Einbrüchen durch die Pandemie. Die gestiegene Nachfrage trifft dazu mit einem gesunkenen Angebot infolge von Dürren etwa in Brasilien zusammen, wo viel Strom aus Wasserkraft gewonnen wird. Obendrein sank 2021 das Energieaufkommen aus Windkraft und Photovoltaik, während zugleich eine höhere CO2-Bepreisung auf fossile Brennstoffe wie Heizöl, Erdgas, Benzin und Diesel Wirkung zeigte.

Die in der Regel saftigen Preissteigerungen für Gekündigte, die zunächst bei den lokalen Grundversorgern stranden, sind dabei gar nicht mal das Werk von Abzockern. Die fraglichen Anbieter, mehrheitlich Stadtwerke, müssen für die vielen Neukunden selbst teuer Energie zukaufen, um ihren gesetzlichen Versorgungsauftrag zu erfüllen. Viele Unternehmen haben deshalb eigens einen zweiten Grundtarif für die von den Discountern Verjagten eingerichtet. Dem Vergleichsportal Check 24 zufolge haben allein rund 260 Grundversorger neue Tarife nur für diese Klientel mit Preisaufschlägen von durchschnittlich 105,8 Prozent eingeführt.

Die Verbraucherzentrale Berlin rät den Angeschmierten dazu, Widerspruch gegen die Vertragsauflösung einzulegen und den Differenzbetrag beim alten Versorger einzufordern. Bei dessen Bankrott dürfte das jedoch ziemlich aussichtslos sein. In diesem Fall bleibt nur die Möglichkeit, sich einen günstigeren Anbieter zu suchen. Aber auch das ist aktuell kein Leichtes. Nach einem Bericht des Handelsblatts vom Freitag nehmen mehrere Strom- und Gasversorger vorübergehend keine Neukunden auf, darunter die Eon-Tochter Eprimo, Green Planet Energy oder die Elektrizitätswerke Schönau (EWS). Ursache sind auch hier die hohen Beschaffungskosten, die eine »Überarbeitung des Tarifangebots« erforderlich machten, wie Eprimo auf seiner Webseite mitteilt.

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  • Leserbrief von Henning Gans aus Leipzig (18. Januar 2022 um 11:25 Uhr)
    Die Verstaatlichung der Energiewirtschaft ist zwar nicht durchsetzbar, aber an sich notwendig, um im Hinblick auf den Klimawandel zu einem zügigen und vor allem einheitlichen Vorgehen und letzthin zu stabilen Preisen zu gelangen. Bleibt die Energiewirtschaft weiterhin nicht verstaatlicht, sind auch die Photovoltaik- und Onshoreanlagen kein Garant für einen stabilen Strompreis der Zukunft, wenngleich diese Form der Energiegewinnung billiger als die aus Kohle und Atomkraft ist, denn letzthin geht es im Kapitalismus immer um »Profitmaximierung«.