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Aus: Ausgabe vom 10.01.2022, Seite 8 / Ansichten

Trittbrettfahrer

Der kasachische Oligarch Abljasow
Von Reinhard Lauterbach
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Demonstranten greifen Polizeiwagen an (Almaty, 4.1.2022)

Der im französischen Exil lebende kasachische Oligarch Muchtar Abljasow hat in mehreren Interviews behauptet, er stehe hinter den Unruhen der letzten Tage in seiner alten Heimat. Er bekomme, so sagte er am Freitag gegenüber dem russischen Dienst von Reuters, jeden Tag Anrufe aus Kasachstan – wo Telefon und Internet bekanntlich abgeschaltet wurden –, mit der Frage, was die Gegner der Staatsmacht jetzt als nächstes tun sollten. In mehreren Interviews rief er den Westen auf, Kasachstan »Russland zu entreißen« und Sanktionen gegen die kasachische Regierung zu verhängen.

Ist das der »ausländische Drahtzieher«, den die kasachische Staatsmacht hinter den Unruhen vermutet? Oder will sich da jemand eher wichtig machen? Sortieren wir, was über ihn bekannt ist. Abljasow hat wohl zu den Organisatoren der nationalistischen Studentenproteste in Sowjetkasachstan Ende 1986 gehört, der historisch ersten einer langen Reihe von weiteren. Aber passiert ist ihm schon nichts mehr, er konnte sogar in Moskau weiterstudieren. Schon bald fand er Anschluss an die Generation der »Komsomolzenkapitalisten« wie Michail Chodorkowski, und er hat in den ersten Jahren der kasachischen Unabhängigkeit auf ähnliche Weise wie dieser ein beträchtliches Vermögen gemacht.

Ende der 1990er Jahre soll er sich mit dem ersten Präsidenten Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, zerstritten haben. Die Konfliktlage scheint ähnlich gewesen zu sein wie zwischen Chodorkowski und Wladimir Putin: Abljasow war für die schrankenlose Privatisierung des kasachischen Volksvermögens, Nasarbajew wollte den Staatskapitalismus erhalten, wenn auch eher als Fassade seiner eigenen Bereicherung. Abljasow soll mehrere Milliarden US-Dollar aus der von ihm gegründeten BTA-Bank herausgezogen haben, die deshalb zweimal vom Staat »gerettet« werden musste. In seinen Jahren im Westen zog er einen Rattenschwanz von Prozessen wegen Veruntreuung und Geldwäsche hinter sich her. Vor einem britischen Gerichtsverfahren floh er nach Frankreich, wo er geltend machte, dass ein russischer Haftbefehl gegen ihn wegen diverser Finanzdelikte politisch motiviert sei.

Abljasow mag Motive haben, ein Comeback als »Leiter einer Übergangsregierung« Kasachstans anzustreben: Irgendwann ist alles Geld mal alle, und Regimewechsel sind immer auch Gelegenheiten zur Umverteilung innerhalb der herrschenden Klasse. Aber dazu müssten erst diverse Urteile gegen ihn in Kasachstan aufgehoben werden, die Arbeit des Sturzes des Systems Tokajew-Nasarbajew müsste also schon von anderen geleistet worden sein. Daher sein Ruf nach westlichen Sanktionen. Aber die sind gegenüber Kasachstan eher unwahrscheinlich: In den wichtigen Rohstoffsektoren sind Konzerne wie Chevron (USA) und ENI (Italien) als Investoren groß eingestiegen. Der Westen würde sich also selbst sanktionieren. Und der selbsterklärte Volkstribun Abljasow ist wohl doch eher ein geopolitischer Trittbrettfahrer.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (12. Januar 2022 um 11:02 Uhr)
    Abljasow wird kaum mehr als ein Trittbrettfahrer sein. Wenn er trotz Telefonsperre täglich Anrufe aus Kasachstan bekam, könnten diese aus einer Botschaft gekommen sein, wo man u. U. über Satellit telefonieren kann. Die amerikanische Botschaft in Kiew hatte ja bereits 2014 bei den Maidan-Unruhen mitgemischt. Abljasow scheint zudem hinreichend geldgierig und erpressbar zu sein, um die Reichtümer Kasachstans für ein billiges Bakschisch dem Westen zu überlassen. Bei den hohen Gaspreisen könnten auch andere Länder als die USA versucht sein, eine Marionette an die Spitze Kasachstans zu hieven. Tokajew hat inzwischen etwas zur Nationalität der Aufrührer mitgeteilt. Die ausländischen Kämpfer unter ihnen kämen hauptsächlich aus »zentralasiatischen Ländern, darunter Afghanistan«. Das sieht ganz so aus, als ob sich die amerikanische Strategie, eine finanzielle Hungerblockade gegen Afghanistan zu verhängen und abzuziehen, nun in der Destabilisierung der russischen Peripherie ausgezahlt hat, auch wenn primär eine Destabilisierung des Iran angestrebt worden sein mag. Den Dschihadisten in Afghanistan ist mit dem Abzug der USA der Hauptgegner abhanden gekommen, Schlachtenruhm wird anderwärts gesucht. Der RT-Liveticker schrieb von Verrätern in den kasachischen Sicherheitsbehörden, unter deren Augen Ausbildungslager für Extremisten unbehelligt existieren konnten. Leider brach RT seinen Liveticker den Tag drauf ab. War diese Meldung zu nahe an der Wahrheit? Weiter ist an russische Einreiseerschwernisse (medizinischer Test) zu denken, weshalb einst nach Russland strebende Gastarbeiter nun in Kasachstan auf Jobsuche gehen und Kasachen vom Arbeitsmarkt verdrängen könnten. Von einfachen Kasachen wird gemäß snanews.de jedenfalls auch der »Zuwachs der Arbeitslosenzahlen« als Grund für die Unruhen genannt. Mit all dem hat Abljasow nichts zu tun. Bereits 2011 gab es islamistisch motivierte Unruhen in Kasachstan. Zur Abwehr wird jedenfalls mehr als Regierungswechsel und OVKS nötig sein.

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