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Für die Unterdrückten der Welt

Zum Tod des südafrikanischen Antiapartheidkämpfers Desmond Tutu
Von Mumia Abu-Jamal
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Vor fast einem Jahrhundert wurde ein kleiner afrikanischer Junge in seine in einer Kleinstadt lebende Kleinfamilie hineingeboren. Die Stadt hieß Klerksdorp und lag in der damaligen südafrikanischen Provinz Transvaal. Der Abbau reicher Goldvorkommen war der wichtigste Industriezweig der Gegend. Der Vater war von Beruf Lehrer, und der kleine Junge wollte in die Fußstapfen seines Vaters treten.

Doch die Politik der weißen Vorherrschaft, bekannt unter dem Begriff »Apartheid«, hinderte ihn daran, diesen Beruf zu ergreifen. Die Nationale Partei der weißen Minderheit forcierte nach ihrem Wahlsieg im Jahr 1948 diese Politik und verabschiedete 1953 ein Gesetz namens Bantu Education Act, das die Rassentrennung in Schulen verschärfte. Diese staatliche Maßnahme zwang Desmond Mpilo Tutu dazu, nicht Lehrer, sondern Prediger zu werden. Damit nahm die Geschichte einen anderen Verlauf. Desmond Tutu absolvierte sein Studium, schloss es erfolgreich ab und wurde zum anglikanischen Priester geweiht. Er stieg stetig in der Kirchenhierarchie auf und wurde schließlich 1986 zum Erzbischof von Kapstadt ernannt.

In dem Maße, in dem die Antiapartheidbewegung in Südafrika an Stärke gewann, nahm auch die staatliche Repression zu. Als die meisten Aktivisten des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) ins Exil getrieben wurden, sprang der Erzbischof in die Bresche. Als Priester spendete er Trost bei den zahlreichen Beerdigungen und verlieh der unterdrückten schwarzen Mehrheit des Landes eine Stimme. Er spielte eine zentrale Rolle, als er sich gegen das rassistische Regierungssystem aussprach, und musste Verhaftungen und Angriffe der Polizei sowie Tränengas bei Protestdemonstrationen ertragen. Bei all dem blieb er fest im Glauben, ein bekennender Christ, der jedes Leben als wertvoll ansah. Er predigte Frieden und Versöhnung. Er predigte auch Gerechtigkeit und sprach sich entschieden gegen Gewalt aus, sei es durch die Regierung oder die Freiheitsbewegung.

Und so, wie das Ansehen des von seiner Statur her kleinen Priesters zu neuer Größe heranwuchs, so wuchs auch seine Sorge um Gerechtigkeit und Freiheit, sogar über die Grenzen Südafrikas hinaus. Der Erzbischof, der von Freunden und Familie liebevoll »The Arch« genannt wurde, verurteilte die staatliche Gewalt, Unterdrückung und Politik der Spaltung Israels gegenüber dem palästinensischen Volk als eine neue Form der Apartheid. Er forderte Freiheit für das puertoricanische Volk von der Regierung der Vereinigten Staaten. Er kritisierte die staatliche Gewalt gegen die leidende muslimische Minderheit in Myanmar.

Und der kleine Priester besuchte sogar einen Mann in der Todeszelle. Dort fragte er sich, warum ein Gefangener in einem so kleinen, durch ein Glasfenster abgetrennten Besuchsraum gefesselt sein musste; warum die Tür, die nicht einmal Klinken hatte, geschlossen und verriegelt sein musste. Dabei war »The Arch« sehr ruhig, ernsthaft, ein spiritueller Lichtblick an dunklen Orten, und es war eine Freude, ihm zu begegnen.

Als die Apartheid in den 1990er Jahren überwunden und Südafrika als Demokratie wiedergeboren wurde, intensivierte Erzbischof Tutu seine Kritik an der neuen schwarzen Regierung, deren Mitglieder sich seiner Meinung nach bereicherten, während die Armut des Volkes zunahm.

Er war klein, ja, aber geistig war er ein Riese. Während er über diesen Planeten wandelte, verbreitete er die Botschaft der Liebe für die Unterdrückten der Welt, ganz gleich, wo auf der Welt sie lebten. Mit seiner prophetischen Stimme, seinem feinen Humor, seiner innigen Liebe und seinem grenzenlosen Mitgefühl kämpfte er unentwegt für den Wandel. Desmond Mpilo Tutu, geboren am 7. Oktober 1931, kehrte nach 90 Sommern am 26. Dezember 2021 zu seinen Ahnen zurück. Er gab der Welt ein Beispiel für Liebe, nicht für Angst.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Desmond Tutu, 1984 wegen seines Kampfes gegen die Apartheid in Südafrika mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, nahm 2002 in Birmingham, Alabama, an einer vom »Birmingham Civil Rights Institute« organisierten Konferenz teil, auf der er sagte: »Die amerikanischen Bürgerrechtspioniere inspirierten Südafrikas erfolgreichen Kampf, die Fesseln der Apartheid abzuwerfen.« Zur Bekräftigung seiner Unterstützung des US-Bürgerrechtskampfs und seiner Ablehnung der Todestrafe besuchte Tutu 2007 Mumia Abu-Jamal, der damals immer noch in der Todeszelle des Staatsgefängnisses Greene in Waynesburg, Pennsylvania, saß. (jh)

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