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Aus: Ausgabe vom 07.01.2022, Seite 12 / Thema
Imperialismus und Migration

Der Reservearmeemechanismus

Die Überflussbevölkerung übers Mittelmeer bringen. Zum Zusammenhang von Imperialismus in Libyen und unfreier Arbeit in der italienischen Landwirtschaft
Von Lucia Pradella und Rossana Cillo
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Persönlich zur Ware degradiert und extrem ausgebeutet. Afrikanische Migranten werden in der süditalienischen Landwirtschaft eingesetzt, um das dortige Lohnniveau weiter zu drücken. Doch immer wieder wehren sie sich gegen ihre elenden Arbeitsbedingungen (Proteste in der Provinz Foggia, 8.8.2018)

Am morgigen Sonnabend wird Lucia Pra­della auf der XXVII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz zum Thema »Primat der Ökonomie: Hochrüstung und verschärfte Ausbeutung« sprechen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Auszug eines wissenschaftlichen Artikels, den sie zusammen mit Rossana Cillo im November 2021 in der Zeitschrift Geoforum veröffentlicht hat. (jW)

Der Tod von 16 afrikanischen Landarbeitern, die bei Unfällen mit zwei überfüllten Lieferwagen ums Leben gekommen waren, brachte im August 2018 Hunderte von Arbeitern in Süditalien auf die Straße. Etwa zur gleichen Zeit entkamen in Libyen eritreische Einwanderer und Flüchtlinge aus den Internierungslagern und marschierten nach Tripolis, um dagegen zu protestieren, wie »Sklaven« verkauft zu werden. Diese beiden Proteste sind eng miteinander verbunden: Viele der nach Italien eingewanderten Migranten haben den Weg über Libyen genommen, und in beiden Fällen richteten sich die Proteste gegen Bedingungen, die in einem einheitlichen Akkumulationsprozess gründen, bei dem die neokoloniale Ausbeutung der libyschen Ressourcen und die Militarisierung der Grenzen der Europäischen Union (EU) die Abwanderung gefährdeter Arbeiter nach Italien begünstigten.

Allzuoft werden diese beiden Seiten einer gemeinsamen Geschichte jedoch nicht in einem Zusammenhang betrachtet. Seit Ende der 1980er Jahre haben die eingewanderten Landarbeiter in Italien immer wieder auf ihre Lage aufmerksam gemacht, ihre Rolle als Reservearmee hervorgehoben: ein Pool von unterbeschäftigten und arbeitslosen Arbeitskräften zu sein, der es den Landwirten ermöglicht, niedrige Produktionskosten mit den Just-in-Time-Anforderungen des Einzelhandels und der Agrarindustrie zu verbinden.

Eine 2018 veröffentlichte Untersuchung der Beobachtungsstelle Placido Rizzotto, benannt nach einem berühmten Gewerkschafter und Mafiagegner, identifizierte etwa 80 Gebiete, in denen das System des »Caporalato«, also der systematisch betriebenen illegalen Anwerbung unterbezahlter Landarbeiter, betrieben werde, sowie 55 Gebiete mit schwerer Arbeitsausbeutung vor allem im Süden Italiens. Zwischen 400.000 und 430.000 Landarbeiter waren demnach irregulär beschäftigt. Dies deutet auf einen weitverbreiteten Zustand unfreier Arbeit hin, d. h. auf Arbeit, die mittels verschiedener Formen des Zwangs und der Nötigung abgepresst wird, einschließlich der Nötigung, den Arbeitern die »freie« Wahl des Arbeitsplatzes auf dem »normalen« Arbeitsmarkt zu untersagen.

Wettbewerb und Deregulierung

Die italienische Landwirtschaft hat seit Ende der 1980er Jahre einen Prozess der neoliberalen Umstrukturierung und Vermarktlichung durchlaufen. Die italienische Regierung und die EU förderten die Deregulierung des Agrarsektors und die Ausbreitung einer unternehmerischen Landwirtschaft. Wie in anderen Ländern stärkten die Liberalisierung des Handels, Fusionen und Übernahmen die Position der italienischen und ausländischen Einzelhändler, insbesondere die großen Supermarktketten. Diese Akteure haben nun die Macht, zu beeinflussen, wo, wie, von wem und zu welchem Preis Lebensmittel produziert werden. Die Kapitalkonzentration hat die Differenzierung der Landwirte vergrößert und den Wettbewerbsdruck auf kleine und mittlere Betriebe verschärft. Die Auswirkungen dieser Konzentrationsprozesse auf die Arbeit können nur dann verstanden werden, wenn man die Produktion und die Verteilung des geschaffenen Wertes zwischen Arbeit, Kapital und Bodenrente betrachtet.

Der starke Anstieg der Arbeitsproduktivität in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeitskräfte ebenso wie die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften reduziert. Während die erhöhte Bodenproduktivität einigen Erzeugern einen Wettbewerbsvorteil verschaffte, schränkte sie zugleich die Möglichkeit der Landwirte ein, ihre Fixkosten in Grenzen zu halten. Vor diesem Hintergrund bestand eine der von den Landwirten verfolgten Strategien darin, die Löhne der Landarbeiter zu senken. Der erhöhte Wettbewerbsdruck auf kleine und mittlere Landwirte, die sich im Süden des Landes konzentrieren, erwies sich als einer der Hauptfaktoren für die Verbreitung der unfreien Arbeit. Vor einigen Jahren hat beispielsweise der Bauernverband Coldiretti beklagt, dass multinationale Konzerne wie Coca-Cola den Landwirten in den arbeitsintensiven Zitrusplantagen im kalabrischen Rosarno Produktionskosten von sieben Cent pro Kilo Orangen auferlegt hätten – weit unter dem Selbstkostenpreis. Doch die Bauern hatten keine andere Wahl.

Diese Strategie steht im Kontext der in den 1970er Jahren begonnenen kapitalistischen Offensive gegen die Arbeiterbewegung, die in den 1990er Jahren verstärkt wurde und Italien zu einem Land der Masseneinwanderung machte. Die Möglichkeit des Kapitals, mittels Zuwanderung und Outsourcing auf eine globale Reservearmee zurückzugreifen, ist entscheidend, um das Kräfteverhältnis zu seinen Gunsten zu verschieben und die Löhne bis zu dem Punkt zu drücken, an dem den Arbeitern die Kontrolle über ihre eigene Arbeitskraft entzogen wird. Offiziellen Zahlen zufolge hat sich der Anteil der migrantischen Arbeiter in der italienischen Landwirtschaft zwischen 1991 und 2015 von 0,3 Prozent auf 48 Prozent erhöht. Wie in anderen Ländern auch hat eine restriktive Einwanderungspolitik die Migration nach Italien nicht gestoppt, aber gefährlicher und kostspieliger gemacht und die Migranten verwundbarer, indem zwischen ihnen rechtliche, ethnische und geschlechtsspezifische Grenzen errichtet und sie kollektiv »gespalten« wurden. Die Vermarktlichung der italienischen Landwirtschaft ging somit einher mit einem Prozess der Internationalisierung, Segmentierung und Prekarisierung der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, wobei Bedingungen der unfreien Arbeit besonders irregulär Beschäftigte ohne Papiere betrafen.

Nach einem Rückgang in den 1970er und 1980er Jahren als Folge der Kämpfe der Landarbeiter und einer öffentlichen Arbeitsvermittlung ist das »Caporalato« wieder zum wichtigsten System der Rekrutierung und Verwaltung von Arbeitskräften in der Landwirtschaft geworden, sowohl im Süden als zusehends auch in Norditalien. Die »Caporali« (am ehesten mit Vorarbeiter zu übersetzen) wählen die Arbeitskräfte im Auftrag landwirtschaftlicher Unternehmer auf »Mercati delle braccia« (Arbeitermärkten) auf öffentlichen Plätzen, in Bars und Aufnahmezentren oder in Whats-App-Gruppen aus und befördern die Arbeiter je nach den Anforderungen der jeweiligen Produktionszyklen in verschiedene landwirtschaftliche Gebiete. Oft selbst Einwanderer, übernehmen die Caporali eine Reihe von gesellschaftlich notwendigen Aufgaben wie den Transport und die Unterkunft. Das System variiert je nach territorialem Kontext und weist unterschiedliche hierarchische Strukturen auf, wobei eine Minderheit der Caporali mit kriminellen Organisationen zusammenarbeitet. In einigen Fällen erfolgt die Kontrolle und Unterwerfung der Arbeiter mit Mitteln wie Beschlagnahmung von Dokumenten, Lohndiebstahl, sexuellem Missbrauch und anderer Gewalt bis hin zum Mord. Trotz aller Unterschiede besteht das Hauptziel des Systems darin, die Arbeiter zu disziplinieren und in hochgradig ausbeuterische Arbeitsverhältnisse zu zwingen.

Die Beschäftigungsbedingungen hängen von den Besonderheiten der lokalen Produktionssysteme ab. Während in Bereichen mit mechanisiertem Gewächshausanbau Anstellung und Arbeitszeiten stabiler sind, konzentriert sich die Ernte von bestimmtem Gemüse und Obst auf wenige Wochen oder Tage: Der Arbeitstag ist dann im allgemeinen sehr lang (acht bis zwölf Stunden), außerhalb der Erntezeit aber wird in Kurzarbeit bloß periodisch gearbeitet. Die intensiv ausgebeuteten Arbeiter genießen keinerlei vertragliche und soziale Rechte und werden weit unter Tarif bezahlt. Gängige, wenn auch illegale Formen der Entlohnung sind ein fester »Tageslohn«, der es den Unternehmern erlaubt, die Arbeitszeiten zu erhöhen, sowie Akkordarbeit: So erhalten Arbeiter beispielsweise drei bis vier Euro für die Befüllung einer Kiste zu 375 Kilogramm, was sie dazu zwingt, ihr Tempo zu erhöhen und länger zu arbeiten. Dabei behalten die Vorarbeiter einen Teil des Lohns ein, während die Unternehmer die Transport- und Unterkunftskosten abziehen.

Eine Studie von Ärzte ohne Grenzen aus dem Jahr 2005 zum Gesundheitszustand von migrantischen Arbeitern ergab, dass sich lediglich 5,6 Prozent jener Migranten, die mobile Kliniken der Organisation aufgesucht hatten, in einem guten Gesundheitszustand befanden. Der Rest litt unter Umweltfaktoren, schlechten Gesundheits- und Hygienebedingungen, Verletzungen und Vergiftungen durch Pestizide sowie miserablen Arbeits- und Wohnungsverhältnissen. Die Organisation Medici per i diritti umani (Medu) berichtet, dass von den 180 Patienten, die Medu-Mitarbeiter im Sommer 2019 in der Capitanata in Apulien besuchten, jeweils etwa fünf bis achteinhalb Prozent entweder Anzeichen psychischer Erkrankungen aufwiesen, zu Alkoholmissbrauch neigten oder psychosomatische Symptome aufgrund von während ihrer Reise erlittener Gewalt und Folter zeigten.

Diese Zustände sind kein Charakteristikum italienischer Rückständigkeit, sondern kennzeichnen einen weitgehend industrialisierten und in den Weltmarkt integrierten Sektor. Sie gedeihen dank des hohen Niveaus unangemeldeter Arbeit, die der italienische Staat allerdings durch Steueramnestie und Kürzungen bei den Arbeitsinspektionen toleriert, wenn nicht sogar befördert. Der Mangel an Regulierung lässt Raum für die illegalen Aktivitäten von kriminellen Organisationen, die Ende der 1990er Jahre in allen Teilen des Agrobusiness zu operieren und in hochprofitable Bereiche wie Logistik und Vermarktung zu investieren begannen, womit die Zwischen- und Endkosten erhöht werden konnten.

Während der Prozess der Umstrukturierung der Landwirtschaft in den vergangenen dreißig Jahren nicht zu größeren Konflikten zwischen italienischen Landwirten und -arbeitern führte, erhöhte sich ab den späten 1980er Jahren der Grad der autonomen und gewerkschaftlichen Organisierung unter den migrantischen Arbeitern. Deren Kämpfe, die Mitte der 2000er Jahre an Schärfe gewannen, rückten die Verantwortung des Einzelhandels und der multinationalen Konzerne sowie die Rolle des organisierten Verbrechens, vor allem aber auch der staatlichen Politik ins Licht.

Mediterraner Grenzimperialismus

Dank seiner diplomatischen Rolle bei der Öffnung Libyens und der Aufhebung der EU-Sanktionen (2004) hatte sich Italien besonders profitable Bedingungen für seinen wichtigsten Öl- und Gaskonzern ENI (Ente Nazionale Idrocarburi) ausgehandelt, der ein Joint Venture mit der libyschen National Oil Company einging. Darüber hinaus vereinbarte Rom eine Zusammenarbeit mit Libyen bei der Migrationskontrolle. Durch Druck und finanzielle Zuwendungen drängten Italien und die EU Libyen in den 2000er Jahren, seine Politik der offenen Tür gegenüber seinen afrikanischen Nachbarn zu beenden, und zwar mittels Gesetzen, die Einwanderer und Flüchtlinge unterschiedslos kriminalisierten, sowie Zentren für deren unbefristete Inhaftierung. Die Vervielfachung der Grenzen in der Sahelzone und in Libyen »illegalisierte« etablierte innerafrikanische Migrationsbewegungen, begünstigte Schmugglernetzwerke und verstärkte die rassifizierte Trennung zwischen einem »schwarzen« und einem »weißen« Afrika.

Im Jahr 2009 reduzierte die dritte Berlusconi-Regierung die Quoten für die Arbeitsmigration erheblich und verabschiedete ein Gesetz, mit dem Migranten ohne Papiere kriminalisiert wurden. Viele Migranten beantragten daraufhin Asyl, gleichzeitig begann die italienische Regierung allerdings damit, Einwanderer wie Asylsuchende in internationalen Gewässern zurück nach Libyen zu bringen. Trotz dieser Zusammenarbeit lehnte Muammar Al-Ghaddafi die Operationen von »Frontex« ab und förderte trotz steigender Arbeitslosigkeit ab 2008 die Zuwanderung aus dem übrigen Afrika: Im März 2011 gab es in Libyen bei einer Bevölkerung von etwa 6,5 Millionen Menschen rund 2,5 Millionen Migranten. Schwarzafrikaner verrichteten die am schlechtesten bezahlten Arbeiten und wurden bei Anwachsen des staatlichen wie zivilgesellschaftlichen Rassismus mehr und mehr attackiert.

Der NATO-Krieg von 2011 löste nach den Worten der New York Times ein »Gerangel um den Zugang zu Libyens Ölreichtum« aus und verstärkte die Versuche der rivalisierenden westlichen Unternehmen und Staaten, die natürlichen, finanziellen und humanen Ressourcen Libyens unter ihre Kontrolle zu bekommen. Die neoliberalen Reformen, die der Nationale Übergangsrat (NTC) durchführte, und die Immunität, die er den Milizen gewährte, verschärften die soziale Spaltung, begünstigten Menschenrechtsverletzungen und lösten eine vom Westen nicht mehr kontrollierte Vergeltungsspirale aus. Die Ermordung des US-Botschafters in Bengha­si im September 2012 war ein Zeichen dafür, dass die Milizen sich vom Westen nicht vereinnahmen lassen wollten. Sie begannen, um die Kontrolle der libyschen Ressourcen, der Grenzen und der Schlüsselsektoren zu konkurrieren, und wurden in die staatlichen Institutionen integriert. Dies führte zum Zusammenbruch der Zentralverwaltung inmitten des Bürgerkriegs, zu einer politischen Fragmentierung, verstärkt von konkurrierenden imperialistischen und regionalen Mächten, die je verschiedene Milizen unterstützten, um den Abbau der libyschen Ressourcen zu sichern.

Derweil agierte ENI immer räuberischer. Im Sommer 2014 stellte der italienische Energiekonzern seine Zahlungen an Libyen ein und schloss zum Schutz seiner Felder und seiner Infrastruktur Verträge mit den Milizen »Al-Ammu« und »Brigade 48«. Dies garantierte ENI trotz sinkender Ölproduktion eine fast ununterbrochene Gasversorgung Italiens, was die Einnahmen und Gewinnmargen der dazu genutzten Greenstream-Pipeline erhöhte. Wie viele andere Milizen auch sind jene, die für ENI als »Sicherheitsunternehmen« tätig sind, in Komplizenschaft mit Regierungsbeamten beider Landesteile am Schmuggel von Erdöl, Waffen und Menschen aus Libyen beteiligt. Doch das Netzwerk der Komplizenschaft reicht über Libyen hinaus. Wie eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft von Catania unter dem Titel »Dirty Oil« ergab, kooperierten die Anführer der Al-Nasr-Brigaden mit der sizilianischen Mafia und maltesischen Brokern, um libyschen Diesel nach Italien zu schmuggeln. Dieses Netzwerk stand in Verbindung mit Abd Al-Rahman Al-Milad, dem Kommandanten der Küstenwache von Sawija und »ununumstrittenen Anführer des Menschenschmuggels«, der von Italien und der EU Geld und Ausbildung erhielt. Nach Angaben des italienischen Interessenverbands der Erdölunternehmen macht der illegale Kraftstoffhandel fünf bis zehn Prozent des Gesamtumsatzes in Italien aus. Das libysche Rechnungsprüfungsamt schätzt, dass der Schmuggel von raffinierten Erdölerzeugnissen den libyschen Staat zwischen 2014 und 2017 rund 20 Milliarden Dollar gekostet hat.

Dieser neokoloniale Raubbau an libyschen Ressourcen hat zu weitverbreiteter Verarmung und Unsicherheit geführt und die Reservearmee an Arbeitskräften für das italienische und europäische Kapital vergrößert. Die Situation nach Ghaddafis Sturz und Ermordung ermöglichte einer größeren Zahl afrikanischer und später syrischer Einwanderer und Flüchtlinge die Passage nach Europa. Dennoch ist Libyen kein »Transitland« geworden: Ab 2012 setzte sich die Einwanderung dorthin wieder fort. Während ostafrikanische Migranten und Flüchtlinge mehrheitlich beabsichtigen, nach Europa zu gelangen, kommen die meisten West- und Zentralafrikaner nach wie vor nach Libyen, um dort zu arbeiten, was auf eine lange Tradition der zyklischen Migration verweist. Und das trotz der weitverbreiteten Verarmung (etwa ein Drittel der libyschen Bevölkerung lebt heute an oder unterhalb der Armutsgrenze), wachsender Unsicherheit, eines 80prozentigen Kaufkraftverlusts aufgrund der steigenden Inflation seit 2014, des Fehlens grundlegender öffentlicher Dienstleistungen und der Umweltzerstörung. Doch diese Zustände wirkten unverhältnismäßig stark auf subsaharische Einwanderer und Flüchtlinge ein, die zwischen 2014 und Mitte 2017 in größerer Zahl nach Italien kamen.

Die Milizen setzten zwar ihre anderen hochprofitablen Schmuggelaktivitäten fort, verlagerten aber ihren Schwerpunkt vom Menschenschmuggel hin zum aufblühenden Geschäft von Internierung und Zwangsarbeit. Die damalige italienische Regierung aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega (Juni 2018 bis September 2019) unterstützte diese Umorientierung in vollem Umfang: Sie übertrug nominell die Koordinierung der Rettungsmaßnahmen an die sogenannte Libysche Küstenwache, vervierfachte die finanzielle Unterstützung und versuchte zu verhindern, dass private Schiffe mit Migranten in italienischen Häfen landeten. Hatte die vorherige Regierung das Abschieberegime verschärft und Asylanträge zweiten Grades abgeschafft, beseitigte Innenminister Matteo Salvini per Gesetz den humanitären Schutz und beraubte damit die meisten Einwanderer, die nach 2009 nach Italien gekommen waren, ihres Rechtsstatus und erhöhte die Zahl der abgelehnten Asylanträge.

In der libyschen Falle

Diese wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen haben die Migranten aus dem subsaharischen Afrika zu einer Ware gemacht, die man einfängt, verkauft und vernutzt. Seit Mitte 2017 ist die Zahl der Menschen, die in überfüllten Gefängnissen eingesperrt, abgefangen und nach Libyen zurückgeschickt werden, erheblich gestiegen, gleichzeitig wurden die Inhaftierungszeiten länger. Milizionäre führen in ihrer Eigenschaft als »Küstenwache« angebliche »Rettungsaktionen« durch, leiten Haftanstalten und organisieren Boote nach Europa. Migranten berichten, dass die Milizionäre sie nach ihrer »Rettung« schlagen, sie inhaftieren und insbesondere Frauen sexuell missbrauchen. Ein ivorischer Migrant berichtet: »Sie sperren dich in einen Käfig, und dieselben Leute bieten dir die Möglichkeit wegzugehen. Wenn du gehst, weiß die Küstenwache Bescheid. Das ist die libysche Wirtschaft.«

Das Internierungsgeschäft ist eine wachsende Einnahmequelle. Zusätzlich zu den Hunderten von Millionen Euro der EU zwingen die Milizen die Inhaftierten zur Zahlung von Bestechungsgeldern, damit sie freigelassen werden. Auf unbestimmte Zeit ohne Rechtsbeistand inhaftiert, sind Migranten physischer und psychischer Gewalt, Folter, Vergewaltigung und anderen Misshandlungen ausgesetzt, leiden unter Unterernährung, unzureichenden sanitären Einrichtungen, rassistischer und religiöser Diskriminierung und ständiger Todesangst. Diese Gewalt erleichtert es den Milizen, Geld von den Inhaftierten und deren Familien zu erpressen.

Die Haftanstalten erfüllen auch die Funktion, Arbeitsreserven bereitzuhalten. Die Milizen kaufen und verkaufen ihre Gefangenen, vermieten sie an den Meistbietenden oder zwingen sie, ohne Bezahlung zu arbeiten. Unternehmer betreten oft selbst die Gefangenenlager, um nach Arbeitskräften Ausschau zu halten. Die Verflechtung von Milizen und staatlichen Institutionen erlaubt es ihnen, den Arbeitern ihren Lohn zu verweigern, ohne jedwede Strafe fürchten zu müssen. Migranten berichten von Anwerbern, die mit ihren Gewehren auf den Arbeitermarkt gehen, »als ob wir Sklaven wären«. Die Arbeiter werden auf ihrem Heimweg häufig von lokalen Banden ausgeraubt oder von der Polizei und den Milizen verhaftet.

Obwohl nicht alle Einwanderer von vornherein nach Europa gehen wollten, finden sie in Libyen weder eine sichere Arbeit noch einen sicheren Transit nach Europa oder in ihre Herkunftsländer. Wenn sie versuchen, auf dem Landweg nach Hause zurückzukehren, werden sie mit ziemlicher Sicherheit entführt und als »Sklaven« verkauft. Das in Libyen herrschende System drängt die Mi­granten regelrecht nach Europa.

Vertiefte Spaltung

Sehr oft füllen die Migranten in Italien die Reihen der landwirtschaftlichen Überschussbevölkerung. Vor der Weltwirtschaftskrise war die italienische Landwirtschaft ein Transitsektor für viele Einwanderer, denen es oft gelang, in den Industrie- oder Dienstleistungssektor in Norditalien oder anderen nordeuropäischen Ländern weiterzuziehen. Vor allem in den ersten Jahren der Krise allerdings kehrten die Migranten, die ihren Arbeitsplatz (und ihre Aufenthaltsgenehmigung) im Norden verloren hatten, in die Landwirtschaft des Südens zurück. Dieser Umstand wie auch die seit 2011 wachsende Zahl neu ankommender Migranten über das Mittelmeer vergrößerten die agrikulturelle Reservearmee. Angesichts der starken Reduzierung der Arbeitskontingente versuchten viele Migranten, einen regulären Aufenthaltsstatus zu erhalten, was sich in einem starken Anstieg der Zahl afrikanischer Landarbeiter widerspiegelte.

Die Unternehmer nutzten diese Situation, ersetzten Arbeitskräfte, senkten Löhne und Arbeitsstandards und konterkarierten damit die Errungenschaften früherer Kämpfe. Einem Gewerkschafter aus Salerno zufolge sind die Asylbewerber zu »einer sehr wertvollen Ware« geworden: »Da sie Unterkunft und Verpflegung erhalten, senken die Unternehmer ihre Löhne und setzen sie in Konkurrenz zu anderen Einwanderern.« In der Piana del Sele – dem »Kalifornien Italiens« mit hochmechanisierter Gewächshauskultur – werden Asylbewerber zum Beispiel ziemlich kontinuierlich und mit einem regulären Vertrag beschäftigt und arbeiten zusammen mit einer Stammbelegschaft von Italienern und länger ansässigen Migranten aus Nordafrika und Rumänien. Dabei erhalten sie aber unterdurchschnittliche Löhne von etwa 25 bis 30 Euro für einen Arbeitstag von zehn bis elf Stunden. Dies führte zu Konflikten zwischen subsaharischen und marokkanischen Arbeitern, die ihre Löhne und Arbeitsbedingungen durch Streiks im Jahr 2006 verbessert hatten. In Gebieten mit saisonaler Ernte wie in Latina arbeiten Asylbewerber aus Nigeria, Mali und Senegal, die nur zur Erntezeit angestellt werden, bis zu zwölf Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche, für 2,50 bis drei Euro pro Stunde. Sie verdrängten damit Migranten aus dem Punjab, die 2016 höhere Löhne (fünf Euro pro Stunde) erkämpft hatten. Ein Aktivist aus dem Gebiet von Castel Volturno berichtet, dass die Durchschnittslöhne zwischen 2008 und 2019 von etwa 35 bis 30 Euro für einen Arbeitstag von acht bis zwölf Stunden auf etwa 15 bis 20 Euro gesunken seien.

Konnten in einigen Fällen bestehende Solidaritätsnetzwerke die schlimmsten Formen der Ausbeutung begrenzen oder gar verhindern, hat das erwähnte Salvini-Dekret von 2018 dafür gesorgt, dass die Asylsuchenden noch schutzloser wurden, indem man sie vom dezentralen staatlichen Aufnahmesystem ausgeschlossen und in Notunterkünfte verfrachtet hat, die sich häufig in abgelegenen Gegenden befinden. Ein Gewerkschafter sagte, das Dekret werde eine »Reservearmee ›irregulärer‹ Migranten in landwirtschaftlich geprägten Gegenden« schaffen. Viele Asylsuchende, deren Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist, versuchen eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, indem sie im Austausch für gefälschte Verträge, für die bis zu 500 bis 600 Euro verlangt werden, kostenlos arbeiten.

Gemessen an den traumatischen Erfahrungen, die sie in Libyen machen mussten und die disziplinierend wirkten, bezeichnen viele Migranten aus Afrika ihre Lage in Italien als Erleichterung. Viele betonen aber zugleich, dass sie ihre neu erworbenen formalen Freiheiten nutzen wollen, ihre Lage als ausgebeutete Landarbeiter zu verbessern – individuell und immer wieder auch kollektiv.

Lucia Pradella und Rossana Cillo: Bordering the surplus population across the Mediterranean: Imperialism and unfree labour in Libya and the Italian countryside. In: Geoforum, Vol. 126, November 2021, S. 483–494

Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Bratanovic

Lucia Pradella lehrt internationale politische Ökonomie am King’s College in London.

Rossana Cillo ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Philosophie und kulturelles Erbe an der Universität Ca’ Foscari in Venedig.

Zeitung für Internationale Solidarität

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