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Aus: Ausgabe vom 05.01.2022, Seite 10 / Feuilleton
Fotografie

Unheimlich porös

Ahnenschau: Die Performancekünstlerin Esther Siddiquie schlüpft in nachgestellten Fotos in die Rollen ihrer Vorfahren
Von Hannes Klug
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Identitäten überlagern sich mit neuer Fragilität: Esther Siddiquie stellt im heutigen Bangladesch entstandene Familienfotos der 50er, 60er und 70er nach

Die Tänzerin, Choreographin und Performancekünstlerin Esther Siddiquie kennt ihren Großvater nur von Fotos. Eines davon hat sie ihre ganze Kindheit und Jugend über begleitet: ein beeindruckendes Porträt, auf dem er in einer antiken Säulenhalle die Arme vor dem nackten Oberkörper verschränkt. Es hing in Bochum im Wohnzimmer ihrer Eltern, wo es in den Jahren ihres Heranwachsens stets eine geheimnisumwitterte Aura umgab. Erst sehr viel später fand sie heraus, dass für dieses Bild im Hintergrund eines Fotostudios eine Leinwand aufgespannt worden war. Aufnahmen wie diese kündeten in Pakistan, wo der Porträtierte als Ingenieur gearbeitet hat, aber auch Ringer war, von hohem gesellschaftlichen Status und symbolisierter Männlichkeit – nicht nur durch die imponierende Körperhaltung, sondern auch durch die imperiale Architektur.

Wenn die 31jährige nun in die gleiche Rolle schlüpft und diese Aufnahme aus dem Familienarchiv in einer identisch übernommenen Machopose nachstellt, überlagern sich männliche und weibliche Identitäten mit neuer Fragilität. Esther Siddiquie reist physisch in die Vergangenheit, indem sie sich auf eine familiäre Spurensuche begibt und das Ergebnis in einer Momentaufnahme festhält. Sie forscht ihren verschütteten Wurzeln nach und tritt, wie sie sagt, in einen Dialog mit ihrer Geschichte. Sie versuche, so erläutert sie im Gespräch mit junge Welt, durch das Reenactment alter Familienfotos »die Vergangenheit zu berühren« und einen Teil ihrer Herkunft zu bewahren. Eine Auswahl der Bilder, die in Zusammenarbeit mit der Fotografin China Hopson entstanden sind, ist jetzt unter dem Titel »Archive of Myself as my Ancestors« großformatig im Bochumer »Atelier Automatique« ausgestellt.

Esther Siddiquie hat nach dem Tod ihres Vaters, eines Dokumentarfilmers, nicht nur dessen Archiv geerbt, sondern auch jede Menge Schnappschüsse aus dessen Familienalbum, die sie zuvor nie gesehen hatte. Shabbir Siddiquie war 1971 als Student während des Bürgerkriegs aus Chittagong im heutigen Bangladesch geflohen. Mit dem Sichten seines Nachlasses begann dann für die Tochter eine intensive Auseinandersetzung mit einem unbekannten Teil ihrer Geschichte und einem ihr fremden Land – eine virtuelle Reise in das Leben ihrer Vorfahren. Esther Siddiquie, 1990 in Bochum geboren, ist ihrem Selbstverständnis nach als Deutsche aufgewachsen. Ihr stellte sich die Frage, welche Herausforderung an ihre eigene Identität in den gefundenen Bildern verborgen lag, erzählt sie.

Die Inszenierung gehört zu fotografischen Selbstdarstellungen immer dazu. Das war vor hundert Jahren nicht anders als bei heutigen Selfies, die das abgebildete Subjekt jeweils in dessen bestmöglicher Version erscheinen lassen sollen. Die den Originalen möglichst ähnlichen Motive für die nachgestellten Fotos haben Siddiquie und Hopson an Schauplätzen im Ruhrgebiet gefunden. In Haltung und Mimik tritt die Fotografierte nicht nur in die Körper ihrer Vorfahren ein, sondern transportiert deren Erfahrung in die jetzige Welt. So überlagern sich Ebenen, die zwischen damals und heute hin und her zu fließen scheinen: Es sind Bilder über Desorientierung und Einsamkeit, über Selbstbehauptung, Migration und das Leben in der Diaspora, über den Stolz des Augenblicks, in dem ein beliebig wirkender Schauplatz auf einer Bank, vor einem Boot oder einem Stapel gefällter Bäume bedeutend wird und eine Situation unerwartet zum geschichtlichen Dokument gerinnt.

Man sieht den Bildern an, wie detailliert die Künstlerin, die hier spielerisch und zugleich äußerst ernsthaft in sehr persönliche Rollen eintaucht, an ihren Performances gefeilt hat, die eine imaginäre Erinnerung in einer einzigen Pose verdichten. Ihr Blick ist herausfordernd in die Kamera gerichtet, er spiegelt das Sehen ebenso wie das Gesehenwerden. Traumgleich erzählen Siddiquies und Hopsons Fotos auf verblüffende Weise von vergangenen Leben, die geisterhaft sichtbar werden, indem die Künstlerin selbst zum Resonanzkörper der Bilder ihrer Ahnen wird.

Die Originalaufnahmen sind in der Ausstellung nicht zu sehen. Esther Siddiquie hält sie aus Respekt vor der Privatsphäre ihrer Familie bewusst zurück. Das ist ein großes Glück, denn so gibt die Präsentation den nachgestellten Motiven keinen Referenten bei, und die einander überlagernden Bedeutungsschichten erschöpfen sich nicht in vergleichender Nachahmung. Statt dessen wird die Zeit in diesen Aufnahmen auf unheimliche Art porös. Leben und Tod durchdringen einander, bilden Schleifen und sind in Siddiquies und Hopsons poetischen Versuchsanordnungen nicht mehr eindeutig voneinander geschieden.

»Archive of Myself as my Ancestors«, Atelier Automatique Bochum, bis 24.1.

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