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Aus: Ausgabe vom 04.01.2022, Seite 7 / Ausland
Umweltkatastrophe

Jetski statt Hilfe

Schwere Überschwemmung in Brasilien. Präsident Bolsonaro macht Urlaub. Bahia nimmt Hilfe aus Argentinien an
Von Frederic Schnatterer
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Ein Bewohner von Dario Meira in Bahia versucht am vergangenen Dienstag, etwas Hab und Gut per Pferd zu retten

Brasiliens ultrarechter Staatschef Jair Bolsonaro hat die Tage rund um Neujahr im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina verbracht. Während andere Regionen des Landes unter schweren Überschwemmungen litten, amüsierte sich Bolsonaro auf dem Jetski oder im Freizeitpark, wie Fernsehbilder zeigten. Zum Abbruch seines Urlaubs bewegten den Präsidenten am Montag schließlich Unterleibsschmerzen. Zu ihrer Behandlung wurde er in den frühen Morgenstunden (Ortszeit) in ein Krankenhaus in São Paulo eingeliefert.

Laut Angaben der örtlichen Behörden vom Sonntag wurde im nordöstlichen Bundesstaat Bahia infolge von Rekordniederschlägen für 153 Gemeinden der Notstand ausgerufen, im östlichen Minas Gerais waren es 124 Dörfer und Städte. Durch die Überschwemmungen seien mittlerweile mindestens 31 Personen ums Leben gekommen, berichtete der lateinamerikanische Nachrichtensender Telesur. Hinzu kommen Dutzende Verletzte und Hunderttausende anderweitig Geschädigte, Zehntausende mussten ihr Zuhause verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Zwar nehmen die Niederschläge vor allem in Bahia mittlerweile wieder ab, berichteten mehrere Medien. Für andere Regionen Brasiliens ist in den kommenden Tagen allerdings heftiger Regen vorhergesagt.

Am Donnerstag hatte Bolsonaro – bereits im Urlaub –, ein Hilfsangebot des südlichen Nachbarlandes Argentinien ausgeschlagen. Die dramatische Lage ignorierend behauptete er über den Kurznachrichtendienst Twitter, die Unterstützung sei derzeit »nicht nötig«. In seiner wöchentlich in sozialen Medien übertragenen One-Man-Show bedankte er sich zwar beim argentinischen Präsidenten Alberto Fernández für das Angebot. Gleichzeitig erklärte er jedoch, »zehn Personen würden uns im Moment nicht helfen und vielleicht sogar noch mehr Schwierigkeiten mit sich bringen«. Zuvor hatte Argentiniens Botschafter in Brasilien, Daniel Scioli, den Einsatz von zehn sogenannten Weißhelmen in Bahia angeboten, die beispielsweise Trinkwasser aufbereiten, Gebiete desinfizieren oder die lokalen Behörden beraten könnten.

Bahias Gouverneur Rui Costa von der Arbeiterpartei (PT), der zuvor erklärt hatte, es handle sich um die »schlimmste Katastrophe in der Geschichte Bahias«, verurteilte die ablehnende Haltung Bolsonaros. Per Twitter teilte er mit, dass sein Bundesstaat die Hilfe unabhängig von der Haltung der Bundesregierung annehmen werde. Zudem fügte er hinzu: »Ich spreche zu allen Ländern der Welt: Bahia wird im Moment jegliche Hilfe akzeptieren – direkt, ohne sie über die offiziellen diplomatischen Kanäle laufen zu lassen.« Den von Bolsonaro am Dienstag vergangener Woche für das Überschwemmungsgebiet freigegebenen Kredit von umgerechnet 21 Millionen Euro bezeichnete Costa als »völlig unzureichend«.

Zwar erklärte Bolsonaro, die Absage an die argentinische Hilfe habe ihre Gründe nicht in ideologischen Differenzen mit der Regierung in Buenos Aires, und allgemein sei Brasília für ähnliche Angebote offen. Große Teile der brasilianischen Öffentlichkeit nehmen ihm das allerdings nicht ab. Fernández ist dafür bekannt, die brasilianische Regierung hart zu kritisieren, und gilt als Freund des linken Expräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Der Politiker von der Arbeiterpartei, der Brasilien von 2003 bis 2010 regiert hatte und mit Hilfe einer mittlerweile als eindeutig politisch motiviert identifizierten Anklage aus dem Amt gedrängt worden war, wird bei den im Oktober anstehenden Präsidentenwahlen voraussichtlich gegen Bolsonaro antreten. Während die Unterstützung für den Ultrarechten immer weiter abnimmt und laut der aktuellsten Umfrage von Datafolha vom 17. Dezember bei nur 21 Prozent liegt, wird Lula ein Stimmanteil von 47 Prozent vorausgesagt.

Noch hat Lula seine Kandidatur zwar noch nicht offiziell angekündigt. Am Freitag wandte er sich jedoch bereits ganz im Stile eines künftigen Staatschefs an seine Landsleute. In einem Neujahrsgruß erklärte er, er werde sich im Jahr 2022 dafür einsetzen, »dass alle Brasilianerinnen und Brasilianer ein Leben in Würde führen können und wir ein Land zurückbekommen, das uns mit Stolz erfüllt«. Zudem drückte Lula den Einwohnern der Überschwemmungsregionen seine Solidarität aus.

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