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Aus: Ausgabe vom 04.01.2022, Seite 5 / Inland
Demografischer Wandel

Das alte Lied

Kapitalseite warnt vor verschärftem Fachkräftemangel und fordert, billige Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben
Von Bernd Müller
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Besonders im Baugewerbe herrscht Fachkräftemangel

Pünktlich zum Jahresbeginn packt die Kapitalseite die alter Leier aus: Führende Wirtschaftsvertreter haben am Montag davor gewarnt, dass die demographische Entwicklung in der BRD den Fachkräftemangel verschärfen könnte. Um das Schlimmste noch abwenden zu können, solle wieder mehr Wert auf eine berufliche Ausbildung gelegt werden. Und im Ausland sollten auch mehr Fachkräfte – also billige Arbeitskräfte – angeworben werden.

»Der Höhepunkt des Fachkräftemangels kommt erst noch«, erklärte Peter Adrian, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), gegenüber dpa. Dem pflichtete der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Rainer Dulger, bei. Ebenfalls gegenüber dpa sagte er: »Der Fachkräftemangel bleibt ein Topthema für die deutsche Wirtschaft und für unsere Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden Jahren.« Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer betonte, dass nur mit beruflich qualifizierten Fachkräften des Handwerks wichtige Ziele zum Beispiel beim Klimaschutz oder der E-Mobilität erreicht werden könnten.

»Die ersten Jahrgänge der Babyboomer gehen schon in Rente«, sagte Dulger. 2025 komme dann die »demographische Wende« mit voller Wucht. Dann werde der Punkt erreicht, an dem mehr Menschen in Rente gingen, als auf den Arbeitsmarkt nachrückten. Dann explodierten die Beiträge für die Sozialversicherungen oder die Steuern.

Ein Weg, dem Problem zu begegnen, sei, mehr junge Menschen in den für die Wirtschaft relevanten Berufen auszubilden. Doch das wollen zu wenige von ihnen, behauptete Wollseifer. Jedes Jahr blieben 18.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, sagte er. Und die Verantwortung dafür trügen nicht die Betriebe. »Es hätte in den vergangenen zehn Jahren die Möglichkeit gegeben, rund 200.000 junge Leute mehr zu Fachkräften zu machen, wenn auf allen Ausbildungsplätzen, die unsere Betriebe angeboten haben, auch tatsächlich Jugendliche eine Ausbildung gemacht hätten«, sagte er. Vor der Pandemie habe das Handwerk einen Bedarf an Fachkräften von mindestens einer Viertelmillion gehabt.

Helfen soll eine »Fachkräfteinitiative«. Man müsse alles daransetzen, so Wollseifer, »so rasch wie möglich tatsächlich die Wende hinzubekommen zu mehr Wertschätzung der beruflichen Ausbildung, aber auch ganz konkret hin zu mehr jungen Menschen, die sich für den beruflichen Ausbildungsweg entscheiden«. Das müsse jetzt ganz schnell gehen, damit die Bürger auch in Zukunft ausreichend mit handwerklichen Dienstleistungen und Produkten versorgt werden könnten.

Wie dies gelingen soll, erläuterte Wollseifer nicht konkret, sondern beließ es bei Phrasen wie: »Wir brauchen einen Bewusstseinswandel in diese Richtung.« Sicher geht er davon aus, dass sich das Bewusstsein von Jugendlichen ändern müsse und nicht die von Gewerkschaften immer wieder kritisierten Ausbildungsbedingungen der Handwerksbetriebe.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatte in seinem Ausbildungsreport vom August 2021 gezeigt, dass es zu deutlich mehr Verstößen gegen Mindeststandards in der beruflichen Ausbildung gekommen ist. Das Lehrlingsgeld wurde willkürlich gekürzt, genauso wie der Urlaub; viele Azubis mussten Dinge tun, die mit ihrer eigentlichen Ausbildung überhaupt nichts zu tun hatten. »Das sind alarmierende Ergebnisse«, sagte damals der DGB-Jugendreferent Joscha Wagner. Er forderte die Unternehmen auf, für eine gute Qualität der Ausbildung zu sorgen und die geltenden Gesetze einzuhalten.

Einen anderen Weg sehen die Wirtschaftsvertreter darin, im Ausland »beruflich qualifizierte Fachkräfte« anzuwerben. Bislang habe man sich dabei zu sehr auf den akademischen Bereich konzentriert, so Wollseifer. Jetzt müsse man sich mehr um beruflich Qualifizierte bemühen. Innerhalb kurzer Zeit müsse es gelingen, »Zehntausende fachlich qualifizierte Leute pro Jahr nach Deutschland zu holen«.

Von der Bundesregierung erwarten die Wirtschaftsvertreter deshalb, die Verfahren für die Zuwanderung zu vereinfachen, zu beschleunigen und bürokratische Hürden abzuschaffen. BDA-Präsident Dulger erklärte: »Wir brauchen ein funktionierendes Gesetz, das qualifizierte Zuwanderung ermöglicht und das aber auch einen Apparat vorhält«, über den sich Interessenten an jede deutsche Botschaft wenden könnten.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg Altona ( 9. Januar 2022 um 22:16 Uhr)
    Seit mehr als 40 Jahren höre ich regelmäßig das Gejammer vom Fachkräftemangel auf dem Bau. Warum das ständige Gejammer? Geht es den Kapitalisten tatsächlich um Fachkräftemangel oder um ihren Profit? Fakt ist, dass heute weniger Arbeitskräfte auf dem Bau notwendig sind, um ein Gebäude zu errichten. Das liegt hauptsächlich an dem Maschineneinsatz. Kräne, Betonpumpen, Großraumschalung, fahrbare Kalksandsteinsetzwerkzeuge, Radlader, Transportfahrzeuge, Gerüstbau usw. haben den Zeitraum für das Errichten eines Gebäudes erheblich verkürzt. Berufe wie Maurer und Zimmerleute werden heute kaum noch gebraucht. Steine werden nicht mehr mit Mörtel vermauert, sondern verklebt. Dächer werden aus Betonfertigteilen hergestellt und weniger aus Holz. Das bedeutet, dass weniger qualifizierte Arbeitskräfte diese Bauarbeiten erledigen können. Das hat zur Folge, dass die Firmen lieber die nichtqualifizierten Arbeiter einstellen, weil sie billiger sind. Der einzige Beruf im Rohbau, der noch von Bedeutung ist, ist der Betonbauer. »2004 wurde die Meisterpflicht aufgehoben, um den Wettbewerb zu fördern und Unternehmensgründungen zu erleichtern«, hieß es damals so schön. Das war der Startschuss für unzählige Subunternehmer und Billigarbeiter. Fliesenarbeiten, Estricharbeiten, Wandputzarbeiten etc. wurden jetzt von unqualifizierten Arbeitern ohne Hintergrundwissen ausgeführt. Die Folge waren Bauschäden im Milliardenhöhe. Deshalb hat man 2020 in einigen Berufen die Meisterpflicht wieder eingeführt. Wie man erkennen kann, geht es nur vordergründig um Fachkräftemangel. Es geht in erster Linie um Profit. Bauschäden mindern den Profit. Es geht auch nicht um Berufsbildung in der BRD. Es geht darum, fertige Fachkräfte aus dem Ausland einzukaufen, weil dies billiger ist als das Berufsbildungssystem der BRD. Ginge es nicht um Profit, sondern um Berufsbildung, dann würde man den Lohn und die sozialen Bedingungen in den Berufen total verbessern – in der Schweiz verdient ein Maurer 5.500 Euro im Monat. Manni Guerth

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