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Aus: Ausgabe vom 31.12.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
Country

Staub im Mund

Heimatlose Welt: Zum 25. Todestag von Townes Van Zandt
Von Berthold Seliger
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Nicht alle seine Songs sind traurig, manche sind auch einfach nur hoffnungslos: Townes Van Zandt (Januar 1991)

»Townes Van Zandt is the best damn songwriter in the whole world, and I’ll stand on Bob Dylan’s coffee table in my cowboy boots and say that.« Townes Van Zandt sei der beste Songwriter auf der Welt, und er würde sich in seinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Couchtisch stellen und das behaupten, sagte der Singer/Songwriter Steve Earle, selbst einer der Großen dieses Genres. Townes, auf diese Lobhudelei angesprochen, meinte trocken: »Ich bin Bob Dylan und seinen Bodyguards begegnet, und ich glaube nicht, dass Steve auch nur in die Nähe von Bob Dylans Couchtisch kommen würde …«

Im Billboard-Magazin, der Bibel der US-amerikanischen Musikindustrie, wurde Townes Van Zandt als der »Van Gogh der Lyrics« bezeichnet. Nun ja. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser gutgemeinte Vergleich die Kunst des Townes Van Zandt tatsächlich trifft. Ich denke eher an Mozart, dessen »Einfachheit« (im Sinne des »Einfachen, das schwer zu machen ist«, wie Brecht in seinem Stück »Die Mutter« über den Kommunismus schrieb) sich auch in einigen von Townes’ Songs findet, etwa in »If I Needed You«:

»If I needed you

Would you come to me,

Would you come to me,

And ease my pain?«

So lauten die simplen und doch (oder gerade deswegen) so einprägsamen ersten vier Zeilen dieses Liedes, und nach der großen Terz auf dem Grundton dieser Melodie hören wir auf der ersten Silbe des »nee-ded« einen sehnsuchtsvollen, kleinen Seufzer: Die Silbe geht bei gleichbleibendem Dur-Grundakkord in die vierte Stufe, es ist also eine kleine Dissonanz zu hören, die mehr als einen halben Takt lang ausgehalten wird, bis sie zurück in die dritte Stufe der Dur-Tonleiter und dann zum Grundton zurückgeführt wird. Die vage Unsicherheit dieser bangen Frage, »Würdest du kommen, wenn ich dich brauchte?«, wird verstärkt durch eine geschickte Synkopisierung, nur der erste Ton jeder Zeile beginnt auf einem Hauptschlag, alle anderen werden auf unbetonten Taktteilen gesungen.

Und als Antwort in den nächsten vier Zeilen die Umkehrung, die Zusicherung des Sängers:

»If you needed me

I would come to you

I’d swim the seas

For to ease your pain«

Wenn du mich brauchst, schwimme ich durch alle Weltmeere, um deinen Schmerz zu lindern! Es ist kein Zufall, dass dieser Song von Townes Van Zandt einer seiner zwei Welthits wurde, ein Song, der in aller Einfachheit darlegt, worum es in der Liebe, aber auch allgemein im Leben geht, worauf es ankommt, wenn man liebt oder auch »nur« ein solidarisches, menschliches Leben leben will: füreinander da zu sein, sich gegenseitig zu helfen, die Schmerzen der anderen zu lindern. »If I Needed You« erschien 1972 auf Townes Van Zandts sechstem Album, »The Late Great Townes Van Zandt«, und der Albumtitel ist eine durchaus selbstironische, aber auch düstere Aussage des 28jährigen Songwriters: »der verstorbene große TVZ«, der gerade einmal vier Jahre zuvor sein erstes Album veröffentlicht hatte und alles andere als »verstorben« und zu diesem Zeitpunkt »groß« leider auch nur im künstlerischen, keineswegs aber im kommerziellen Sinn war. »If I Needed You« wurde 1981 von Emmylou Harris und Don Williams als Duett gecovert und ein Top-three-Hit in den USA und Kanada; später haben unter anderem Jason Isbell und Amanda Shires, Guy Clark, der lebenslange Freund von Townes, oder Mumford & Sons, Andrew Bird und, wohl am schönsten, Lyle Lovett den Song eingespielt. Julia Roberts sang den Song 1998 im Spielfilm »Stepmom« (hierzulande: »Seite an Seite«), und er fand auch im Soundtrack von »Crazy ­Heart« (2009, mit Jeff Bridges in der Hauptrolle) Verwendung.

Atem wie Kerosin

Der andere Welthit aus der Feder von Townes Van Zandt ist die Ballade von »Pancho and Lefty«. Wie in Schuberts »Winterreise« ist die eigentliche Handlung längst passiert, wenn das Lied beginnt, und der Erzähler in dem Lied lässt lediglich Vergangenes Revue passieren. Der Song beginnt mit den Zeilen »Living on the road my friend / Is gonna keep you free and clean«, eine Art Credo des freien Lebens in der Natur beziehungsweise, uramerikanischer Topos, auf der Straße. Doch wenn du die Straße verlässt, mein Freund, dann wird deine Haut zu Eisen, und dein Atem hart wie Kerosin, »your skin like iron, your breath as hard as kerosene«, lauten die rätselhaften poetischen Zeilen. Pancho wird hier als Lieblingssohn seiner Mutter beschrieben, die weint, als er ihr Lebewohl sagt. Aber er ist auch ein »bandit boy«, ein Gangsterjunge, der sein Gewehr offen trägt (»outside his pants«) und sein Glück »south of the border«, also in Mexiko sucht. Doch dort unten, in der Wüste in Mexiko, findet er schließlich auch seinen Meister, nämlich den Tod, und es gibt niemanden, der seine letzten Worte hört, »but that’s the way it goes«. Immerhin haben die Federales ihm einigen Aufschub gewährt, heißt es im Refrain:

»And all the Federales say

They could have had him any day

They only let him hang around

Out of kindness, I suppose«

Besonders interessant ist der zweite Teil des Songs, der sich mit Panchos Kumpel Lefty beschäftigt, der ihn offensichtlich für das auf Pancho ausgesetzte Kopfgeld an die »Federales«, an die Bundespolizei, verraten hat und anschließend nach Ohio abhaut, wo er vergebens versucht, seine Familie wiederzufinden. Lefty lebt in billigen Hotels, wird alt und kann nicht mehr wie früher den Blues singen, denn der Staub der Wüste, den Pancho bei seinem Tod geatmet hat, lebt in Leftys Mund fort: »The dust that Pancho bit down south / Ended up in Lefty’s mouth«. Die Wüste ist still, Cleveland ist kalt, und so endet die Geschichte, die der Dichter uns erzählt, doch ähnlich wie in Brechts »Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration« gibt uns auch Townes Van Zandts Erzähler noch eine Weisheit mit auf den Weg: Sicher, sagt er, es ist wahr, Pancho braucht unsere Gebete – aber wir sollen auch ein paar Fürbitten für Lefty aufbringen, »he just did what he had to do / And now he’s growing old«.

Auch »Pancho and Lefty« wurde von etlichen Musikerinnen und Musikern gecovert, zuerst von Emmylou Harris 1976 für ihr Album »Luxury Liner«. Am berühmtesten dürfte die Duoversion von keinen Geringeren als Willie Nelson und Merle Haggard sein, die 1983 Platz eins der US-Country-Charts erreichte. Damals wurde auch ein drolliges Musikvideo unter der Regie von Willie Nelsons Tochter Lana aufgenommen, in dem in einer Art Westernkulisse Willie Nelson den Pancho und Merle Haggard den Lefty spielt; Townes ist in mehreren Nebenrollen zu sehen, als Teil des Federales-Trupps, der Pancho jagt, aber auch in Ohio als Bänkelsänger in einer Kneipe, in der die gealterten Federales, Willie Nelson und Mertle Haggard an zwei Tischen zusammensitzen.

Das Spiel weiterspielen

Die Welt in den Songs des Townes Van Zandt kennt kein Erbarmen, der Abgrund ist das Hoheitsgebiet dieses Songwriters, aber die Menschen darin empfinden und empfangen Mitleid, »compassion«, wie das stärkere Wort dafür im Englischen lautet. Letztlich leben Menschen in diesen Songs ein trauriges Leben, sie tun, was sie tun müssen oder was sie eben nicht besser können, sie sind Ausgestoßene, Freiheitssuchende, Obdachlose, Hobos, Arbeiter, Arme, und im Zweifelsfall hängen sie rum und warten darauf zu sterben – »Waitin’ Around to Die« ist schon der Titel eines illusionslosen Songs auf dem Debütalbum von TVZ, angeblich der erste Song, den er je geschrieben hat. Im Dokumentarfilm »Heartworn Highways« von James Szalapski singt Townes den Song in seinem heruntergekommenen Wohnwagen, in dem er Mitte der 70er Jahre mit seiner Freundin in einem Trailer Park in Austin lebt:

»Sometimes I don’t know where

This dirty road is taking me

Sometimes I can’t even see the reason why

But I guess I’ll keep a gamblin’

Lots of booze and lots of ramblin’

Lots easier than waitin’ around to die«

Ich weiß nicht, worum es im Leben geht, aber ich schätze, ich werde das Spiel weiterspielen, viel Schnaps, viel Rumgetreibe, viel leichter, als nur aufs Sterben zu warten. Diese fatalistische Sicht der Dinge kulminiert darin, dass der Erzähler wegen eines Raubs zwei Jahre im Knast landet, und als er endlich aus dem Gefängnis herauskommt, hat er einen wahren Freund gefunden, der weder stiehlt noch betrügt oder säuft oder lügt. Sein Name: Kodein, »the nicest thing I’ve seen«. In dem Film sehen wir Townes Freund, den damals 79jährigen Wanderschmied Uncle Seymour Washington, in dem Wohnwagen am Tisch sitzen und bei den letzten Strophen, die Townes spielt, in Tränen ausbrechen.

Townes Van Zandt war in gewisser Weise ein Bruder im Geiste von John Dowland, dem Komponisten bemerkenswert trauriger Lautenlieder während des Elisabethanischen Zeitalters. Dowland sprach von sich als »semper Dowland semper dolens«, also »immer leidend«. Als Townes einmal gefragt wurde, wie es komme, dass die meisten seiner Songs so traurig seien, antwortete er: »I don’t think they’re all that sad. I have a few that aren’t sad, they’re like … hopeless. The rest aren’t sad, they’re just the way it goes.« Seine Songs sind nicht alle traurig, manche sind auch einfach nur hoffnungslos, und die anderen sind eben »just the way it goes«, wie es auch schon in »Pancho and Lefty« heißt.

Townes singt von der Heimatlosigkeit, und zwar nicht im reaktionären oder kitschigen tümelnden Sinn, sondern von der Heimatlosigkeit gegenüber der Welt, einer Welt, in der er ein Fremder ist, ganz wie Schuberts Protagonist in der »Winterreise«: »Fremd bin ich eingezogen / fremd zieh’ ich wieder aus.« Schubert und Van Zandt beschreiben hier einen gesellschaftlichen Zustand, einen »Weltriss« (Heinrich Heine). Die Lieder von Townes Van Zandt stellen sich gegen den Konsens der Gesellschaft und widersetzen sich entschieden der Marktgängigkeit des Betriebs. Das herrschende System fügt den Menschen Schmerzen zu, und wir hören Lieder, die diese Schmerzen und immer wieder auch ihre Ursachen beschreiben – und mitunter auch Trost bereithalten: Songs, die Dissidenz und Melancholie zum Inhalt haben.

Rüberbeugen und fallen

Townes Van Zandt wurde 1944 in eine wohlhabende texanische Familie geboren, die seit mehreren Generationen im Ölgeschäft tätig war. Sein Vater war Unternehmensanwalt, die Familie musste häufig umziehen. 1962 schrieb er sich an der University of Colorado ein, wo er eine Art Sportskanone (Football, Baseball, Wrestling) war, aber auch mit Drogen in Kontakt kam; er trank viel und schnüffelte regelmäßig Klebstoff, nicht unüblich bei amerikanischen Teenagern in den frühen 60er Jahren, die keinen Alkohol kaufen durften, und Marihuana war noch kaum aufzutreiben. Dort geschah ein Wendepunkt in seinem Leben. Er beschrieb das Geschehen so: »Ich lebte im vierten Stock des Wohngebäudes, und zu einem bestimmten Zeitpunkt während einer dieser Partys ging ich raus auf den Balkon, setzte mich auf die Kante und begann, mich zurückzulehnen. Ich beschloss, mich rüberzubeugen und herauszufinden, wie es sich anfühlt, nach und nach die Kontrolle zu verlieren und zu fallen.« Und er ließ sich tatsächlich nach hinten umfallen und landete vier Stockwerke tiefer flach auf dem Rücken. »Ich erinnere mich genau an den Aufprall und wie es sich anfühlte und wie all die Leute schrien. Ich hatte eine Flasche Wein und stand auf. Ich hatte keinen Wein verschüttet. Ich fühlte keine negativen Auswirkungen.«¹

Sein Zimmergenosse schildert den Vorfall etwas anders, Townes sei gesprungen, und auch »nur« aus dem dritten Stock. Wie auch immer, das Sujet des »Sich-fallen-Lassens« war zu der Zeit in Künstlerkreisen ausgesprochen virulent.

Es bezeichnet eine doppelte Revolte: Eine gegen die Schwerkraft, die den Wunsch enthält, fliegen zu können, auch im übertragenen Sinne: »To live is to fly / All low and high« lauten Zeilen in einem dieser wunderbaren, »einfachen« Songs von Townes Van Zandt, und er setzt das lakonisch fort:

»Living’s mostly wasting time

And I’ll waste my share of mine

Days, up and down they come

Like rain on a conga drum

Forget most, remember some

But don’t turn none away

Everything is not enough«

Der andere Teil der Revolte besteht natürlich in der Verweigerung gegenüber einer Gesellschaft des permanenten Funktionierenmüssens, der vorgeschriebenen Wege, der manipulierenden »Matrix«. Wer sich einfach so aus seinem Leben fallen lässt, gehört nicht länger zu den Allesmitmachern, sondern legt Protest ein gegen die Welt und gegen die vorgefundenen Verhältnisse. Seine Familie zwang Townes in eine dreimonatige Elektrokrampf- und Insulinschocktherapie in der Psychiatrie, die Teile seiner Kindheitserinnerungen auslöschte; Lou Reed musste zur nämlichen Zeit Ähnliches erleiden. So ging man in den USA noch in den 60er Jahren mit kreativen, »anderen« jungen Menschen um, die nicht ins ­bürgerlich-brave Bild passten und statt dessen die Rebellion wagten.

Hard boiled

Es war vor allem der texanische Bluesmusiker Lightnin’ Hopkins (»It’s a Sin to Be Rich«), der Townes nachhaltig beeinflusste und dessen Gitarrenstil mit dem charakteristischen Fingerpicking und einer Art Wechselbassspiel ihn nachhaltig prägte. Nicht zufällig wird Country auch als »Blues des weißen Mannes« bezeichnet (und mit »Country« meinen wir hier nicht die mainstreamige Zuckerbäckermusik, die die Musikindustrie in Nashville am Fließband herstellt). Country war immer auch die Musik der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Werktätigen in der amerikanischen Provinz, der sogenannten »Blue Collar Worker« in ihren »Blaumännern«. Gute Countrysongs schildern den Geist und das Lebensgefühl der amerikanischen Arbeiterklasse im 20. Jahrhundert. Townes Van Zandt beschreibt in seinen Songs immer wieder das Leben der sogenannten kleinen Leute, der Arbeiter und der unteren Mittelschicht, und er bedient sich eines lakonischen, harten Realismus, den man auch aus amerikanischen Kurzgeschichten kennt: wirtschaftliche Probleme vor allem, daraus resultierendes Alltagsleben, Liebe, Trennung, Zwänge, Konventionen. Hard boiled.

Solch eine bittere Zustandsbeschreibung aus dem »einfachen«, in Wahrheit so unermesslich schwierigen Leben findet sich auch auf seinem letzten Studioalbum »No Deeper Blue« (1994), nämlich der Song »Marie« aus dem Leben zweier Obdachloser, geschrieben aus der Sicht eines Mannes, der arbeitslos geworden ist – »eines der besten Lieder, die jemals geschrieben wurden«, wie kein Geringerer als Willie Nelson meint. »­Marie« predigt nicht, sondern zeigt einfach die Hoffnungslosigkeit des Lebens zweier Menschen auf dem Weg von unten nach ganz unten, zwei Obdachlose, die versuchen, in Würde zu leben. Wie ein Kurzfilm zieht diese Geschichte an uns vorbei oder »wie ein Mini-Steinbeck-Roman in fünf oder sechs Kapiteln«, wie der Songwriter Michael Weston King sagte.

»There are only two kinds of music: There’s the blues, and there’s Zip-A-Dee-Doo-Dah«, stellte Townes einmal fest, es gebe also nur den Blues und das banale Tralala der anderen Musik.

Townes Van Zandt war nicht nur ein »musician’s musician«. In den USA sind einige seiner Songs Allgemeingut, im besten Sinne des Wortes »Volkslieder« geworden. Er verweigerte sich dem »Erfolg« und zog es vor, mit seinem Pferd in einer Blockhütte in den Rocky Mountains in und mit der Natur zu leben. »Our Mother the Mountain« lautet der Titel seines zweiten Albums. Er war auch ein Gambler, ein Spieler, der Freunden oder Zufallsbekanntschaften nach einer Show schon mal anbot, um die gerade erhaltene Gage zu pokern, »komm, nur ein Spiel, um die ganze Kohle«. Und er betrachtete wohl auch sein Leben als eine Art Spiel, dessen allererste Spielregel aber lautete: »Das ist kein Spiel, das ist todernst«, um es mit Alan Watts zu sagen. Er war ein extrem freundlicher, hilfsbereiter und großzügiger Mensch, der Inbegriff dessen, was im Amerikanischen »kind-hearted« heißt. Townes war keineswegs ein ständig trauriger Mensch, ganz im Gegenteil, er war sehr humorvoll. Ein guter und leidenschaftlicher Witzeerzähler, der sich auch selbst gern mit feiner Selbstironie auf die Schippe nahm, die Livemitschnitte seiner Konzerte legen Zeugnis davon ab. Das Porträtfoto, das wir für eine seiner Tourneen verwendet haben, zeigt die zwei Gesichter des Townes Van Zandt: Hält man die eine Hälfte des Gesichtes zu, sieht man einen todtraurigen Menschen; bedeckt man die andere Hälfte, zeigt sich ein Mann mit einem breiten, warmen ­Lachen.

Ende des Wanderns

Townes wusste, wie es in der Unterwelt aussah, er hatte es zweifelsohne gesehen und durchlebt. Doch das Große an ihm war auch, dass er kein Gewese darum machte; er erzählte von seinem Scheitern wie vom Scheitern seiner Figuren auf eine sanfte, kunstvolle und zutiefst menschliche Art, ohne etwas zu überhöhen oder gar zu mystifizieren. Diedrich Diederichsen hat 1994 in einem kleinen Text über Townes Van Zandt und Michael Hurley in der Spex darauf hingewiesen, dass das, wovon Townes Van Zandt erzählt, einiges mit Franz Jungs »Weg nach unten« oder mit Georg K. Glasers »Geheimnis und Gewalt« zu tun hat und dass »das Fazit von Jung, am Ende, unten, dem von ­Townes Van Zandt am Ende des ersten Songs der neuen Platte gleicht, ›A Song For‹: Es sei zu spät, noch zu bedauern, dass er nicht stärker gewesen sei«.

»Ribbons of love«, heißt es da, »Bänder der Liebe / bitte haltet mich bei Verstand / bis ich morgen nach Hause komme / Never never to wander again / I’m weak and I’m weary of sorrow« – das ist nicht nur das persönliche Beenden der immerwährenden Wanderschaft, des steten »Ramblin’« – es ist, wie Diederichsen anmerkt, eben auch der Abschied von einer »Jahrhunderthoffnung der US-Populärkultur«, nämlich immer wieder weggehen, immer weiterziehen zu können. Das Ramblin’, die ewige Wanderschaft ist zu ihrem Ende kommen.

Am Neujahrstag 1997, vor 25 Jahren, starb John Townes Van Zandt im Alter von 52 Jahren.

Auf seinem Grabstein steht: »To Live’s To Fly«.

1 Zitiert nach William Hedgepeth: Townes Van Zandt – Messages from the Outside. Hittin’ The Note, Mai 1977, Übersetzung von BS.

Berthold Seliger ist Autor und Konzertagent. Während der letzten Lebensjahre von Townes Van Zandt war er dessen Europa-Agent.

Der Autor hat eine kleine Spotify-Playlist mit einigen der in diesem Text erwähnten Songs zusammengestellt.

Er empfiehlt:

Die Livealben »Live at the Old Quarter, ­Houston, Texas« (1973, veröffentlicht 1977) und »Rain on a Conga Drum: Live in Berlin« (1991) geben einen guten Überblick über seine wichtigsten Songs in sehr guten Versionen. Die frühen Alben sind merkwürdig instrumentiert und etwas nachlässig produziert, im Gegensatz zu den mittleren Alben »Flyin’ Shoes« (1978) und »At My Window« (1987), die TVZ auf dem Höhepunkt seines Schaffens zeigen. »Road­songs« enthält schöne Live­coverversions, darunter »Ira Hayes«, »­Dead ­Flowers« oder »Fräulein«. »In Pain« zeigt den späten TVZ und enthält mit »Snowin’ on Raton« auch eines seiner schönsten Lieder.

Dokumentarfilme: »­Heartworn Highways« (James Szalapski, 1981) sowie »Be Here to Love Me« (Margaret Brown, 2004)

Die einzige lesenswerte Biographie stammt von Robert Earl Hardy: A Deeper Blue. The Life and Music of Townes Van Zandt. University of North Texas Press, 2008.

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