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Aus: Ausgabe vom 31.12.2021, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Pfarrer und Proletarier

»Voilà: Ein kommunistischer Christ, ein Volkstribun«

Der religiöse Sozialist Erwin Eckert: Ein bemerkenswerter Protagonist der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Gespräch mit Friedrich Martin Balzer
Interview: Kurt Pätzold
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Erwin Eckert (2.v.r.) im Präsidium der Plenartagung des Deutschen Friedensrates (Februar 1955)

Wie und wann bist du auf Erwin Eckert aufmerksam geworden?

1961 lernte ich an der Universität Marburg Wolfgang Abendroth kennen. Es entstand eine politische und persönliche Nähe, die dazu führte, dass ich nach fünf Semestern das Studienfach Germanistik durch das Studienfach Wissenschaftliche Politik ersetzte und bei Abendroth studierte. Als Sohn eines Pfarrers der Bekennenden Kirche, BK, wählte ich im Rahmen eines Hauptseminars über den antifaschistischen Widerstand 1964 ein Thema, das sich mit den Kirchenkampflegenden der evangelischen Kirche auseinandersetzte, so als sei die BK antifaschistisch gewesen.

Abendroth machte mich auf den religiös-sozialistischen Pfarrer Erwin Eckert aufmerksam, der 1931 aus der Kirche wegen seines Widerstandes gegen den heraufziehenden Faschismus entfernt wurde. Abendroth kannte Eckert aus der Weimarer Zeit, in der er sich mehrfach in der Frankfurter Zeitung zum »Fall Eckert« äußerte, und aus dem illegalen antifaschistischen Widerstand in Frankfurt am Main. Im Juni 1966 nahm ich erstmals Kontakt zu Erwin Eckert auf, der in Großsachsen bei Weinheim in einem bescheidenen Gartenhaus wohnte, das ihm seine benachbarte ehemalige Konfirmandin zur Verfügung gestellt hatte, und besuchte ihn danach mehrfach für viele Wochen bis zu seinem Tod am 20. Dezember 1972.

Am 1. Dezember 1967 beendete ich das Studium in Wissenschaftlicher Politik und Anglistik. Thema der Staatsexamensarbeit war: »Die Auseinandersetzungen um den Pfarrer Erwin Eckert. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung«. Am 1. Februar 1968 trat ich den Schuldienst in Marburg an. Am 14. April 1972 promovierte ich als einer der letzten Schüler von Wolfgang Abendroth über das Thema der Examensarbeit, das als Buch mit einem Geleitwort von Wolfgang Abendroth unter dem Titel »Klassengegensätze in der Kirche. Erwin Eckert und der Bund der religiösen Sozialisten« 1973 im Pahl-Rugenstein-Verlag erschien.

Was hat dich bewogen, dich ausführlich mit Erwin Eckert zu beschäftigen?

Mein historisches und politisches Interesse galt vornehmlich der Absicht, eine einzigartige Jahrhundertgestalt dem Vergessen zu entreißen, die als Christ, Sozialdemokrat, Kommunist und Antifaschist eine herausragend geradlinige und konsequente Rolle gespielt hat und geblieben ist. Anspornend war darüber hinaus die persönliche Ausstrahlung von Eckert, die ich von 1966 bis zu seinem Tod in allernächster Nähe erleben durfte. Dass Christen und Kommunisten gemeinsam für die beste Sache der Welt, für Frieden, Demokratie und Sozialismus, zusammenarbeiten müssen, ist bis heute meine feste Überzeugung geblieben. Meine Aufarbeitung der Mitverantwortung des deutschen Mehrheitsprotestantismus für Faschismus, Krieg und Holocaust ist ohne den Beitrag von Eckert nicht denkbar.

Wo hat Eckert gewohnt, bevor er nach Großsachsen ziehen konnte?

Nach seiner Entlassung aus der »Schutz- und Strafhaft« im Düsseldorfer Gefängnis vom 1. März bis 17. Oktober 1933 lebte Eckert mit seiner Frau in Frankfurt am Main und betrieb dort unter dem Namen seiner Frau eine Leihbücherei im Bahnhofsviertel, die bis zu seiner erneuten Verhaftung 1936 Treffpunkt für die illegale Arbeit war. Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus in Ludwigsburg im Jahre 1940 lebte Eckert im Bodenseegebiet, wo er gegen den Willen der NSDAP als Prokurist für die Firma Preveg und nach der Zerstörung des Betriebes in Oberwihl im Schwarzwald tätig war. Dort kümmerte er sich zusammen mit seinem Sohn Wolfgang intensiv um das Wohl der Zwangsarbeiter und hörte mit ausgesuchten Häftlingen »Feindsender« ab. Nach 1946 lebte er in Freiburg als Staatskommissar in der von der französischen Besatzungsmacht eingesetzten Allparteienregierung und als Abgeordneter der KPD-Fraktion. Ab 1952 wohnte er nach dem Zusammenschluss der Länder Südbaden, Nordbaden und Württemberg bis 1956 in Stuttgart. Nach dem Verbot des westdeutschen Friedenskomitees 1959 und der Verurteilung als »Rädelsführer einer verfassungsfeindlichen Organisation«, gemeint war das »Friedenskomitee der Bundesrepublik Deutschland«, deren geschäftsführender Vorsitzender Eckert in Düsseldorf zeitweilig war, verlegte er seinen Wohnsitz von Düsseldorf erneut nach Stuttgart, von wo er 1963 nach Großsachsen bei Weinheim zog und dort unter sehr bescheidenen Verhältnissen in besagtem Gartenhaus wohnte.

Weißt du etwas über Eckerts Zeit in Meersburg?

Zweimal im Leben von Erwin Eckert war das Bodenseegebiet seine politische Wirkungsstätte. Von 1922 bis zu seiner Wahl als Pfarrer an der Trinitatiskirche in Mannheim 1927 war Eckert Pfarrer der Diasporagemeinde in Meersburg. Am 1. August 1924 fand dort auf Initiative von Eckert der 1. Kongress der religiösen Sozialisten Deutschlands statt. 1925 wandte sich Pfarrer Eckert gegen die Unterstützung der Reichspräsidentschaftskandidatur des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg durch Kirchengemeinderatsbeschlüsse und Erlasse der Kirchenbehörde. Ein Jahr später wurde in Meersburg der Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands aus der Taufe gehoben. In zahlreichen überfüllten Versammlungen setzte sich Eckert für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten ein und widerstand allen disziplinarischen Versuchen der Kirchenleitung, ihn daran zu hindern, als evangelischer Christ zu erklären: »Der Kaiser hätte hören können, was Gott ihm und seinen Fürsten 1918 deutlich genug gesagt hat: Deine Zeit ist vorbei, Eure Zeit ist vorbei, gebt dem Volke, was dem Volke ist. Du sollst nicht stehlen.« Sein letzter großer Auftritt in Sachen Fürstenenteignung war die gemeinsame Massenkundgebung mit dem SPD-Reichstagsabgeordneten Rudolf Breitscheid in Stuttgart.

Die Beliebtheit Eckerts in seiner Meersburger Gemeinde spiegelt sich im Ergebnis der Synodalwahlen von 1926 wider, als die Liste des Volkskirchenbundes evangelischer Sozialisten in Meersburg 63 Prozent der Stimmen erhielt. Als Vermächtnis seiner Meersburger Zeit ist die Predigt »Friede auf Erden« anzusehen, die Eckert 1926 in Meersburg hielt und aus der er voller Genugtuung zitierte, als er 1959 vom Düsseldorfer Landgericht wegen seines Engagements gegen die Militarisierung Westdeutschlands angeklagt und verurteilt wurde. Sitzend, aber ungebrochen, verlas der 66jährige Angeklagte u. a. folgende Sätze aus seiner Meersburger Predigt: »Die Opfer des Krieges, der hinter uns liegt, wurden von der Maschine des modernen Militarismus erzwungen, die (…) Werkzeug war, durch das die wirtschaftlich und politisch Mächtigen der Völker noch mehr Macht, noch mehr Reichtum, noch mehr Einfluss, noch mehr Herrschaft sich sichern zu können glaubten, als sie vorher schon hatten. Nicht für das Vaterland hieß es zu sterben, sondern für die Interessen derer, die das Land und ihre Bewohner ihren Interessen und Wünschen dienstbar gemacht hatten.«

Nach der Befreiung vom Faschismus wirkte Eckert erneut im Bodenseegebiet. Anfang Oktober 1945 hatte bereits eine Zusammenkunft der Antinazikomitees und Antifaschistischen Ausschüsse aus zahlreichen Kreisen stattgefunden. Dem gewählten Präsidium gehörten Eckert als geschäftsführender Vorsitzender, der christlich-soziale Oberbürgermeister von Freiburg, Wolfgang Hoffmann, CDU, und der sozialistische Staatsrat Carlo Schmid, SPD, an. Die erste große Versammlung der antifaschistischen Bewegung »Das neue Deutschland« fand am 1. Dezember 1945 in Singen statt. Mit der Zulassung der politischen Parteien in der französischen Besatzungszone Baden verlor das antifaschistische Bündnis zusehends an Bedeutung, auch wenn die erste Regierung Südbadens noch eine Allparteienregierung war, der der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Badens, Erwin Eckert angehörte. Als Nachwirkung der antifaschistischen Bewegung im Bodenseegebiet ist jedoch vor allem die in Südbaden singulär weit vorangeschrittene, von Eckert als Vorsitzendem der KP Badens betriebene Bewegung für eine einheitliche sozialistische Partei von Kommunisten und Sozialdemokraten anzusehen, die letztlich am Einspruch der französischen Besatzungsmacht und am Widerstand der Kurt-Schumacher-Zentrale der SPD in Hannover scheiterte, dessen Antikommunismus prägend für die Sozialdemokratie wurde.

Hat Eckert über seine Zeit in der Gefängnishaft erzählt?

Bekannt sind die zu seinem 100. Geburtstag veröffentlichten Briefe aus dem Düsseldorfer Gefängnis in der Festschrift »Ärgernis und Zeichen« im Jahre 1993 und die Briefe aus seiner Haft in Frankfurt, Freiendiez und Ludwigsburg in der 2005 erschienenen Festschrift »Europa vor dem Abgrund« für Manfred Weißbecker, mit dem mich zahlreiche gemeinsame Arbeiten über Eckert verbinden, u. a. die gemeinsame Herausgabe der Wochenberichte von Eckert und Emil Fuchs, die im Religiösen Sozialisten von 1930 bis 1933 erschienen waren. Besonders erschütternd ist sein Bericht über den 13tägigen Transport von in Ketten gelegten Häftlingen von Freiendiez nach Ludwigsburg. Am schlimmsten dürfte seine dreimonatige Untersuchungshaft im berüchtigten Gestapogefängnis Klapperfeld in Frankfurt gewesen sein, wo die Häftlinge in Drahtkäfige eingepfercht wurden.

Kannst du etwas über Eckerts Nachkriegszeit als badischer bzw. baden-württembergischer Abgeordneter berichten?

Als Abgeordneter zunächst ab 1947 des badischen, ab 1952 des baden-württembergischen Landtags hielt Eckert an den völkerrechtlich verbindlichen Beschlüssen der Potsdamer Konferenz, insbesondere an den »drei großen D« unbeirrbar fest: Demilitarisierung, Denazifizierung und Demokratisierung.

In seinen temperamentvollen Reden widersetzte sich Eckert von Anfang an allen Versuchen und Maßnahmen zum Zwecke der Remilitarisierung Westdeutschlands. So wandte er sich gegen Radar- und Beobachtungsstationen der französischen Besatzungsmacht, kämpfte gegen den durch den Koreakrieg entfachten Antikommunismus, gegen die von Arbeitsämtern vorgenommenen Rekrutierungsmaßnahmen, gegen den von der NATO nach militärstrategischen Gesichtspunkten geplanten Autobahnausbau, gegen den Bau von Luftschutzbunkern, gegen den Einbau von Sprengkammern in Straßen, Wegen und Brücken, gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, gegen den Eintritt der Bundesrepublik in die NATO, gegen den Bund-Länder-Finanzausgleich zugunsten der von Bonn betriebenen Aufrüstungspolitik, die zu Lasten der Selbstverwaltung von Ländern und Kommunen ging. Statt dessen verlangte Eckert Investitionen in den sozialen Wohnungsbau, setzte sich hartnäckig für Lehr- und Lernmittelfreiheit und einen Umbau der klassengebundenen Schule und Hochschule sowie für Umweltschutzmaßnahmen ein.

Als oberstes Gebot der Denazifizierung forderte Eckert die Säuberung des Staatsapparates und der Wirtschaft von führenden Nazis und die Wiedergutmachung an den Opfern des Faschismus. Konsequent lehnte er Entschädigungsgesetze ab, die an das Wohlverhalten, sprich: keine Mitgliedschaft in der KPD, FDJ, keine Betätigung für Volksbefragung gegen Wiederaufrüstung geknüpft waren, und protestierte gegen das Unrecht der Verweigerung der Wiedergutmachung für die Verfolgten des Naziregimes wie gegen die Durchsetzung des Justizapparates mit führenden Nazis und Mitgliedern der Gestapo.

Innenpolitisch verteidigte Eckert das Grundrecht der freien, geheimen und direkten Wahl des Volkes gegen diverse Wahlrechtsmanipulationen einschließlich der Einführung der Fünfprozentklausel. Er verteidigte das in der Landesverfassung normierte Recht auf Volksabstimmung und die Volksbefragung gegen die Remilitarisierung. Er protestierte gegen die Entlassung von Kommunisten und Angehörigen der ihr nahestehenden Organisationen wie z. B. der FDJ, des westdeutschen Friedenskomitees und der VVN durch den sogenannten Adenauer-Erlass von 1950.

Er lehnte den Verfassungsschutz ab und trat gleichzeitig für die Verurteilung von Kriegsverbrechern ein. Er bekämpfte Steuergesetze, die die Reichen und Superreichen entlasteten und die Masse der Bevölkerung belasteten. Er widersetzte sich der Steuerhinterziehung durch die Wohlhabenden. Er protestierte gegen den Verfassungsbruch bei Einsätzen der Polizei gegen friedliche Demonstranten. Er verteidigte die Meinungs- und Pressefreiheit gegen die Verbote von kommunistischen Zeitungen und gegen die Inhaftierung ihrer Redakteure. Er kämpfte für eine paritätische Mitbestimmung der Arbeiter in den Betrieben. Er unterstützte die von den Gewerkschaften organisierten Streikbewegungen. Er trat für die Trennung von Staat und Kirche ein. Er forderte ungehinderte Einfuhr und Ausfuhr von Waren auch mit der DDR. Er wehrte sich gegen die Indienststellung der Justiz für politische Zwecke im Sinne der Adenauer-Regierung. Er widersetzte sich den Versuchen der Staatsorgane, politische Gegner einzuschüchtern, zu diffamieren und zu unterdrücken. Aufmerksam bekämpfte er alle Versuche, die KPD zu verbieten.

Voilà: Eckert ein Musterdemokrat christlichen Glaubens, ein kommunistischer Christ, ein Revolutionär in nichtrevolutionären Zeiten, ein Volkstribun, der nach den Worten des antifaschistischen Widerstandskämpfers und Kommunisten Rudi Goguel auch unter seinen Genossen seinesgleichen suchte.

Kannst du die Haltung der evangelischen Kirche zu Eckert im Verlauf der Jahre schildern?

Der badische Bischof Hans Heidland besuchte Eckert in Großsachsen und sorgte anschließend für eine finanzielle Unterstützung, vor allem durch einen monatlichen Zuschuss an die Witwe Eckerts nach dessen Tod im Jahre 1972. Meine 1973 als Buch erschienene Dissertation über Eckert, die nachfolgenden Besprechungen von der FAZ bis zur UZ, auch in zahlreichen kirchlichen Organen, weitere Veröffentlichungen und schließlich die von dem Historiker Reinhard Mielitz angeregte Petition für eine Wiedergutmachung des an Eckert begangenen Unrechts, unterschrieben auch von zahlreichen Pfarrern der Landeskirche, verfehlten ihre Wirkung nicht. Bischof Klaus Engelhardt, zu dieser Zeit Ratsvorsitzender der EKD, hielt anlässlich des 100. Geburtstages von Eckert 1993 eine Predigt in der Karlsruher Stadtkirche. In der Evangelischen Akademie fand eine Tagung mit dem Titel »Roter Himmel auf Erden?« statt. Im April 1999 bedauerten die Präsidentin der badischen Landessynode, Margit Fleckenstein, und der Landesbischof Ulrich Fischer in einer gemeinsamen Erklärung, dass die Kirchenleitung den »Bruder Eckert« »unehrenhaft« aus dem Pfarrdienst entlassen habe, »parteiisch gehandelt« und eine »prophetische Stimme unterdrückt« habe. Eine kirchenrechtliche Neubewertung steht aber noch aus.

Wie hat Eckert den Widerspruch zwischen religiösem und kommunistischem Selbstverständnis betrachtet?

Eine frühe Antwort auf diese Frage gab Eckert 1930 noch vor seinem Eintritt in die KPD im Gespräch mit Heinz Hoffmann, dem späteren Spanienkämpfer und Verteidigungsminister der DDR. Er zitierte aus Lenins Schriften über »Sozialismus und Religion«: »Die Einheit dieses wirklich revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse für ein Paradies auf Erden ist uns wichtiger als die Einheit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel.« Mit anderen Worten: Ob Revolution oder Konterrevolution siegen, hängt nicht von der Vorstellung über den Himmel ab, die beide Parteien haben, sondern von ihrem Kampf auf Erden. Für Eckert war das Evangelium kein Widerspruch zum »Kommunistischen Manifest«. Im Landtag bekannte sich Eckert offen als Christ und Kommunist. Er war davon überzeugt, dass, wenn die sozialistische Neuordnung kommen wird, für die er sein ganzes Leben lang gekämpft hat, die Widersprüche zwischen Evangelium und menschlicher Gesellschaft nicht mehr so bestehen, wie das heute der Fall ist.

Ob Eckert ein Marxist war, wie er es 1930 in der Zeitschrift für Religion und Sozialismus für sich in Anspruch genommen hatte, wird von marxistischer Seite in Frage gestellt. Marxisten müssen aus der inneren Logik ihrer Theorie heraus Kommunisten, Sozialisten sein, Christen können es sein – motiviert von ihrer religiösen, ethischen und anthropologischen Position –, müssen es aber nicht sein, wie schon die weitaus größere Zahl jener Christen zeigt, die sich nicht zum Sozialismus oder Kommunismus durchringen, ihn ablehnen, teils verteufeln. Eine Reduzierung des Marxismus auf eine Methode zur Analyse der Gesellschaft ist unzulässig. Es ist keiner von beiden Seiten dienlich, materialistische und idealistische Positionen zu durchmischen, heraus kämen weder Marxismus noch Religion. Hans Heinz Holz sprach in der Festschrift zum 100. Geburtstag Eckerts von einer Aporie, d. h. von der Unmöglichkeit, eine philosophische Frage zu lösen. Eckert verdiene für das Aushalten dieses Widerspruchs jenseits der Pragmatik der politischen Bündnispolitik Sympathie und Respekt. Eckert sei wohl ein guter Kommunist, aber im Grunde mehr noch ein besserer Christ gewesen.

Friedrich Martin Balzer, Jahrgang 1940, wurde von Wolfgang Abendroth zum Thema »Klassengegensätze in der Kirche. Erwin Eckert und der Bund der Religiösen Sozialisten« promoviert und ist Gymnasiallehrer im Ruhestand.

Soeben erschien im Neue Impulse Verlag, Essen, der Doppelband »Erwin Eckert – Antifaschismus. Frieden. Demokratie. Reden und Texte (1945–1959)« (824 S., geb., 39,60 Euro). Wir veröffentlichen an dieser Stelle das darin enthaltene Interview, das der im August 2016 verstorbene Historiker und jW-Autor Kurt Pätzold mit dem Herausgeber Friedrich Martin Balzer über den evangelischen Pfarrer und KPD-Politiker Erwin Eckert, der vor 90 Jahren aus dem Kirchendienst entlassen wurde und der Kommunistischen Partei beitrat, geführt hat. Balzer, Jahrgang 1940, wurde von Wolfgang Abendroth zum Thema »Klassengegensätze in der Kirche. Erwin Eckert und der Bund der Religiösen Sozialisten« promoviert und ist Gymnasiallehrer im Ruhestand.Wir danken dem Neue Impulse Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.

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