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Aus: Ausgabe vom 29.12.2021, Seite 2 / Ausland
Zentralamerika

»Das Abkommen wurde nicht richtig umgesetzt«

Guatemala: Vor 25 Jahren schlossen Guerilla und Regierung nach jahrelangem Bürgerkrieg Frieden. Ein Gespräch mit Osvaldo Saquich
Interview: Thorben Austen
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Waffen wie diese sollten im Zuge des Friedensabkommens zerstört werden (2011)

Vor genau 25 Jahren, am 29. Dezember 1996, wurde in Guatemala das Friedensabkommen zwischen der Regierung und der linken Guerilla unterzeichnet. Sie haben als Vertreter der Gewerkschaften an den Verhandlungen teilgenommen, denen ein jahrelanger Bürgerkrieg vorausging. Wie kam es zu dem Friedensprozess?

Ich war in den 1980er Jahren in der Gewerkschaft der nationalen Brauerei in der Stadt Quetzaltenango organisiert. Unser gesamtes Gewerkschaftsgremium war heimlich Teil der städtischen Struktur der Rebellenarmee FAR. Die hatte sich neben anderen 1982 zur Nationalen Revolutionären Vereinigung Guatemalas, URNG, zusammengeschlossen. Aus dem Gremium unserer Gewerkschaft erfolgte auch die Initiative zur Gründung der Arbeiterunion von Quetzaltenango, UTQ, im Jahr 1986, die damals eine beeindruckende Mobilisierungskraft hatte. Zu der Zeit begannen die von Massenbewegungen begleiteten Verhandlungen zwischen Guerilla und Regierung. Es folgten die Gespräche von Esquipulas (zur Beilegung der bewaffneten Konflikte in mehreren Staaten Zentralamerikas, jW). Danach wurden ab 1994 verschiedene Teilabkommen ausgehandelt.

Um welche Bereiche ging es da?

Das Abkommen über die Menschenrechte beinhaltete nicht nur ein Ende der Folter, der Morde und Entführungen durch staatliche Stellen, sondern auch soziale Menschenrechte bezüglich Gesundheit, Bildung, Wohnen, Arbeit und das Recht auf freie Meinungsäußerung. In der Übereinkunft zur Frage der sozioökonomischen Struktur wurde unter anderem das Recht der Arbeiter auf gewerkschaftliche Organisierung festgelegt. Im Abkommen über die Agrarfrage wurde unter anderem die Landzuteilung beschlossen und in der Übereinkunft zum Militär eine Reduzierung der Streitkräfte. All diese Abkommen mündeten in den Vertrag über einen dauerhaften Frieden, den Vertreter der Regierung und der Guerilla am 29. Dezember 1996 unterschrieben. Damit wurde der 36jährige bewaffnete Konflikt in unserem Land beendet.

Frieden herrschte auch während der zehnjährigen Verhandlungsphase nicht?

Nein, zwischen 1986 und 1996 gingen Krieg und Repression weiter. Viele Aktivisten, die am Friedensabkommen arbeiteten, auch Genossen aus der UTQ, wurden ermordet.

Es gibt Stimmen, die das Abkommen als Betrug und Niederlage für die Linke sehen. In der Folge begannen die Privatisierungen und die Ausbeutung von Arbeitern durch internationale Bergbauunternehmen, während die Landfrage ungelöst blieb. Wie sehen Sie das?

Das Abkommen war schon gut, es orientierte sich an den sozialen Bedürfnissen der Menschen. Doch es wurde nicht richtig umgesetzt und bekam auch keine gesetzliche Basis. So sollten 54 Artikel der Verfassung geändert werden, etwa zur Frage der Landreform. Allerdings ist es den ökonomisch Mächtigen, vor allem den Großgrundbesitzern, im Bunde mit führenden Kreisen der katholischen Kirche gelungen, mit einer Desinformationskampagne die Mehrheit der Bevölkerung dazu zu bewegen, bei einer Volksabstimmung dagegen zu stimmen. Privatisierungen waren nicht Teil des Abkommens. Nur wurden auch wir damals mit dem weltweiten Siegeszug des Neoliberalismus konfrontiert.

Wie gestaltet sich die gewerkschaftliche Arbeit in Guatemala heute?

Die ist sehr schwierig. Im staatlichen Sektor sind die Gewerkschaftsführer oft käuflich und an ihrer Selbstbereicherung interessiert. Im privaten Sektor gibt es fast keine gewerkschaftliche Organisierung. Als UTQ setzen wir uns insbesondere für die Interessen der im informellen Sektor arbeitenden Menschen ein, der Straßen- und Marktverkäufer. Allerdings wird gewerkschaftliche Arbeit von den Unternehmern nicht akzeptiert. Wir haben versucht, in einer Fast-Food-Kette gewerkschaftliche Strukturen zu etablieren, aber die Kollegen haben Angst um ihre Arbeitsplätze. Bei einer Einstellung wird dir ein Fragebogen vorgelegt, der unter anderem die Frage zur Rolle von Gewerkschaften beinhaltet. Wenn du dich da positiv äußerst, wirst du nicht eingestellt. Manche Kollegen verhalten sich zudem unsolidarisch und melden dem Chef, wenn es Versuche zur Etablierung von Gewerkschaften gibt, dann sind Entlassungen die Folge. Das ist ein Verstoß gegen die Garantie gewerkschaftlicher Organisierung im Friedensabkommen.

Osvaldo Saquich ist ­Sprecher der Gewerkschaft Unión de Trabajadores de Quetzaltenango (Arbeiterunion von ­Quetzaltenango)

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