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Aus: Ausgabe vom 28.12.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskampf bei der Bahn

Konfliktstoff in der Weihnachtspost

Deutsche-Bahn-Briefe an Beschäftigte: GDL-Mitglieder sollen um Ansprüche gebracht werden
Von Bernd Müller
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Inakzeptable Betriebsqualität frustriert die Beschäftigten ebenso wie die Reisenden (Bremen, 24.12.2021)

Wenige Monate nach dem Arbeitskampf kündigt sich bei der Deutschen Bahn (DB) schon der nächste Konflikt an. Kurz vor Weihnachten erklärte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), der Konzern wolle ihren Mitgliedern Ansprüche streichen, die im Tarifvertrag vereinbart worden waren. GDL-Bundesvorsitzender Claus Weselsky sagte, die Bahn-Manager wollten offenbar an den Gewerkschaftsmitgliedern Rache für die letzte Tarifauseinandersetzung nehmen.

Offenbar haben DB-Beschäftigte wenige Tage vor Weihnachten Post von der Konzernspitze erhalten, in dem diese kundtat, welche Tarifverträge sie unter Berufung auf das Tarifeinheitsgesetz (TEG) anzuwenden gedenke. »In dem Anschreiben offenbaren sich einmal mehr die Arroganz, Kaltschnäuzigkeit und Missachtung geltender Vereinbarungen, die die DB gegenüber der GDL seit jeher an den Tag legt«, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft. Einmal mehr bekunde die Konzernführung den »unumstößlichen Willen«, die GDL zu eliminieren. Die Gewerkschaft wirft dem Unternehmen vor, eine Vielzahl an vereinbarten Ansprüchen wieder einkassieren zu wollen – ohne hinreichende Rechtsgrundlage und nur, weil die Betroffenen dem Konzern unliebsam seien. Das betreffe zum Beispiel den gesamten Komplex der Arbeitszeitplanung oder Entgelte und Zulagen, die zum 1. Dezember 2021 erhöht worden waren.

Weselsky brachte sein Unverständnis mit deutlichen Worten zum Ausdruck: »Die, die es nicht schaffen, eine akzeptable Betriebsqualität auf die Schiene zu bringen, frustrieren die, die jeden Tag im Bahnbetrieb so gut es geht mit dem Missmanagement der Führungskräfte umgehen und ohne die die DB völlig untergehen würde.« In keinem anderen Bahn-Unternehmen käme man auf die Idee, »in solche einer unwürdigen Art und Weise« mit den Beschäftigten umzuspringen.

Die Bahn handle nicht nur auf Grundlage eines zweifelhaften Rechtsverständnisses, sondern verstoße gegen Beschlüsse der Betriebsräte, heißt es in der GDL-Erklärung. Die Gremien hätten ganz klar abgelehnt, dass Beschäftigte mit Tarifverträgen der GDL in solche der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) umgruppiert würden. »Aus der Sicherheit des heimeligen Homeoffice, gut gepolstert durch üppige Boni und satte Gehaltserhöhungen«, zögen die Manager »ihr Ding gegen die Beschäftigten unverdrossen durch«, so Weselsky. Das sei typisch für »die Denke in den Plüschetagen der DB«.

Wer so mit seinen Mitarbeitern umgehe, zumal in einer Pandemie, müsse sich nicht wundern über desillusionierte und demotivierte Beschäftigte. Weselsky zeigte sich gleichwohl zuversichtlich, auch aus diesem Konflikt siegreich hervorzugehen. Die Gewerkschaft habe »gemeinsam mit ihren Mitgliedern in solidarischer Verbundenheit schon stärkere Stürme überstanden«, betonte er. Erst Ende November hatte eine Mehrheit der GDL-Mitglieder den Ergebnissen der Tarifverhandlungen zugestimmt. Im August und September hatten die Lokführer mehrfach gestreikt. Nach eigenen Angaben stand dabei der Güterverkehr der Deutschen Bahn für 265 Stunden weitgehend still, der Nah- und Fernverkehr für 216 Stunden. Der Abschluss sieht eine Lohnerhöhung in zwei Stufen um 3,3 Prozent vor, je eine Coronaprämie in diesem und im kommenden Jahr sowie eine Sicherung der Betriebsrente. Die konkurrierende EVG hatten den Abschluss Anfang Oktober übernommen.

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