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Aus: Ausgabe vom 27.12.2021, Seite 8 / Ansichten

Weltunordnung

Ende der Sowjetunion vor 30 Jahren
Von Arnold Schölzel
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Die Sowjetunion war das Bollwerk gegen den Faschismus. Michail Jegorow hisst die sowjetische Fahne auf dem Reichstagsgebäude in Berlin (30.4.1945)

Die Gründung der Sowjetunion vor 99 Jahren vollzog sich in einem extrem feindlichen Umfeld. Dabei blieb es bis zu ihrem Ende am 26. Dezember 1991. Der von den Westmächten mitgetragene russische Bürgerkrieg seit 1918 hatte signalisiert: Der nächste große Krieg wird ein antisowjetischer Kolonialkrieg sein.

Der gerade ins deutsche Reichskanzleramt gehievte Adolf Hitler verkündete das der Reichswehrführung im Februar 1933 als Auftrag. Alle Bemühungen Moskaus, dagegen ein System kollektiver Sicherheit in Europa zu schaffen, scheiterten in Paris und London. Deren Unterstützung für die faschistischen Mächte im Spanischen Krieg kündigte den Zweiten Weltkrieg an. Mit dem Münchner Abkommen, der Auslieferung der verbündeten Tschechoslowakei an Hitler, machten beide Mächte klar: Sie geben dem Feldzug nach Osten grünes Licht.

Die Sowjetunion trug die Hauptlast des Weltkrieges, erholte sich aber nie von den Verlusten. Sie brach zwar schnell das Atomwaffenmonopol der USA, erlangte in der Raketentechnik einen Vorsprung und schließlich ein strategisches Gleichgewicht – gemessen in Atomsprengköpfen. In einer mindestens ebenso wichtigen Kennziffer – der Zahl der in Forschung und Entwicklung Beschäftigten – blieben sie und die sozialistischen Länder allerdings hoffnungslos zurück. Ein US-Stratege sprach von einem »Obervolta mit Atomwaffen«.

Das war eine Variante des Begriffs »Untermensch«. Das Verhalten Washingtons nach dem Ende der Sowjetunion entsprach der Mischung aus Rassismus und Größenwahn. Hatte das Gleichgewicht des Schreckens für relative Berechenbarkeit in den internationalen Beziehungen gesorgt, erkannte das US-Imperium ab 1991 keine Regeln außer denen des Faustrechts mehr an. In den von den USA so genannten »Weltordnungskriegen« der vergangenen 30 Jahre fielen Millionen Menschen dem aggressiven Expansionismus zum Opfer. Das hat letztlich auch die jetzige Konfrontation mit Russland herbeigeführt. Und nicht nur mit diesem Land. Der Imperialismus hat eine Weltunordnung geschaffen, die mit mehrfachen Krisen das Überleben der Menschheit in Frage stellt.

Die Sowjetunion leitete die Zerschlagung der Kolonialreiche ein. Ohne sie kein Aufstieg Chinas, keine Kubanische Revolution, kein befreites Südafrika usw. Das war die wirkliche Dialektik ihrer Existenz. Die US-These, ihr Ende sei auch das aller Geschichte, entsprang jener irrealen Weltsicht, die im Imperialismus immer zur Herrschaft von Wahn und Irrationalismus führt. Tatsache ist: Das weltweite Erbe der Sowjetunion bestimmt in einem Maß den Gang der Dinge, dass selbst die heutige Konfrontation mit Russland nur ein Teil davon ist. Alles hängt davon ab, ob die Anhänger des Big Stick zur Vernunft fähig sind. Das sind sie nie von allein. Die Sowjetunion hat sie ihnen 70 Jahre lang aufgenötigt. Letztlich mit Waffengewalt. Das stand sie nicht durch.

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  • Leserbrief von Achim Lippmann aus Shenzhen/China (27. Dezember 2021 um 18:10 Uhr)
    Dem Artikel von Arnold Schölzel ist prinzipiell zuzustimmen. Aber nicht in allen Punkten. Die Sowjetunion gab in ihren 70 Jahren den Start frei für diverse gesellschaftliche Projekte, die sie nicht nur überlebten und die eine stärkere Dynamik entwickelten. Es ist nicht so sehr der Druck von außen, der die Sowjetunion erstarren ließ. Der Putsch 1964 (man muss von einem Putsch sprechen) war der Auftakt zum Abgang der Sowjetunion in Raten. Chruschtschow (das hatte er mit Ulbricht gemein) war nicht sehr geschickt in der Personalpolitik. Er verprellte verdienstvolle Militärs der Sowjetunion (Schukow zum Beispiel), die beim Putsch voll dabei waren oder abseits standen. Sie haben das Kreuz zu tragen, dass sie für den Abgang der Sowjetunion mitverantwortlich waren. Bei dem Putsch 1964 von Neostalinismus zu spreche ist zu einfach. Es obsiegten ehrgeizige, aber politisch unerfahrene Kräfte. Diese Kräfte waren reformfeindlich, da sie der Komplexität von Reformen einfach intellektuell nicht gewachsen waren. Das griff auf ganz Osteuropa – außer Jugoslawien – über, da diese Länder zu stark von der Sowjetunion abhingen. Die KP Chinas hatte sich schon vorher abgekoppelt. Und die jungen kubanischen Revolutionäre konzentrierten sich auf die Entwicklung des eigenen Modells, Lateinamerika und Afrika. Vietnam stand bereits im Krieg mit den USA.
    In der SED fand diese Entwicklung dann mit der Entmachtung von Ulbricht ihr Echo. Auch da kann man von einem Putsch sprechen. Die Entmachtung reformfreundlicher marxistischer Kräfte hatte Ulbricht bereits besorgt. Honecker war genauso wie Breschnew intellektuell überfordert und sah den einzigen Ausweg in einem orthodoxen Dogmatismus.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (27. Dezember 2021 um 11:49 Uhr)
    So wie Herr Schölzel hier das Ende der Sowjetunion erklärt, bewegt er sich schon gefährlich an der Grenze zur Geschichtsfälschung. Kein Wort über den Revisionismus – Totengräber des Sozialismus (Kurt Gossweiler). Kein Wort über die Betrüger und Halunken vom Schlage Jelzins und Gorbatschows. Und wenn Schölzel die »Zahl der in Forschung und Entwicklung Beschäftigten« im Kapitalismus als »wichtige Kennziffer« anführt, dann sagt das nichts über die Qualität der Forschung aus, weil z. B. bei jedem Autohersteller das Rad neu erfunden wird, also jede Menge unnötiges Gehirnschmalz verbraten wird. Diesen kapitalistischen Irrsinn nimmt der Kommentator einer Tageszeitung mit dem Anspruch »marxistisch« als Maßstab für eine sozialistische Gesellschaft. Aber lassen wir noch mal Gossweiler sprechen: »Viele Leute meinen, die Niederlage sei wegen der ökonomischen Rückständigkeit der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Länder unvermeidlich gewesen. Aber die Sowjetunion ging nicht zu dem Zeitpunkt unter, da sie ökonomisch gegenüber dem Kapitalismus am rückständigsten war, sondern zu einem Zeitpunkt, da sie zur ökonomisch zweitstärksten Macht in der Welt herangewachsen war. Diese Ursachenerklärung geht deshalb fehl.« (Gespräch mit Kurt Gossweiler in der Zeitschrift »Özgürlük Dünyasi« 25. Februar 2005)

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