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Aus: Ausgabe vom 22.12.2021, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Man sollte in Panik geraten

Die mörderische Kraft der Verhältnisse: Zum Tod des Rappers Drakeo The Ruler
Von Berthold Seliger
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Druck von allen Seiten: Drakeo the Ruler (1993–2021)

»Thank you for using GTL«, hören wir eine blechern-freundliche Computerstimme sagen. Der Beginn eines Telefonats unter besonderen Vorzeichen. »Ein Insasse im zentralen Männergefängnis – to accept this call, press zero«, wird der Angerufene gefragt, der für die Bezahlung des Anrufs aufkommen soll, und: »This telephone call may be monitored or recorded«, der Anruf dürfte überwacht und aufgenommen werden. »Big brother is ­watching you«, und das ist keine Dystopie, sondern die Realität für Gefängnisinsassen in den USA – der GTL-Konzern (Global Tel Link) kontrolliert weit über die Hälfte des Markts von Telefonaten der Gefängnisinsassen in US-amerikanischen Justizvollzugsanstalten. Wenn die Gefangenen mit ihren Familien oder Freundinnen und Freunden Kontakt aufnehmen wollen, müssen diese die gnadenlos überteuerten Preise von GTL akzeptieren, die von liberalen Politikern und Interessenvertretungen seit langem kritisiert werden, die aber nicht zuletzt dadurch existieren, dass auch die Sheriffs am Wucher beteiligt sind und davon profitieren.

»Thank you for using GTL« (2020), so beginnt eines der herausragenden Rap-Alben der letzten Jahre, das der Rapper Drakeo the Ruler über eine knisternde Telefonleitung aufgenommen hat, während er im Men’s Central Jail in Los Angeles einsaß. Seine Raps hat er über Telefon an seinen Kumpel JoogSzn übermittelt, der das daraus entstandene Album produziert hat. Wo andere Musikerinnen und Musiker bemüht Voicerecorder zur Verfremdung ihrer Stimme verwenden, sind es hier die sozialen und technischen Verhältnisse, die den Sound der Stimme bestimmen, von JoogSzn meist mit nur reduzierten Beats unterlegt, und der Flow wird immer wieder von der Computerstimme und ihrem »This call is being recorded« unterbrochen – wie doppeldeutig.

»Ich versuchte meinem Handgelenk zu sagen, es solle aufhören zu tanzen, die Lichter gingen an, it went chimpanzee« lautet der Chorus des zweiten Tracks, »Quit Rappin«, mit der Zeile »The rhymes of a nigga who should quit rappin’«. Das Album durchzieht eine bittere Melancholie, wir erleben Erinnerungsfetzen an die Jugend des Rappers in South Los Angeles, aber immer wieder auch Stellungnahmen zu dem dubiosen Prozess, der Drakeo the Ruler in den Knast gebracht hat. 2016 soll er an einem Mord beteiligt gewesen sein, 2017 wurde er von den Vorwürfen freigesprochen, kam jedoch erneut ins Gefängnis, weil das Gericht in Compton die »Gründung einer kriminellen Vereinigung« herbeifabulierte. Unter anderem wurden Szenen aus Drakeos Musikvideos vor Gericht zur Beweisaufnahme herangezogen und gegen ihn verwendet. »Was ist so schwer daran, die Idee von Rap als Fiktion zu begreifen?« schrieb die Washington Post zu diesem Justizskandal und brachte den strukturellen US-amerikanischen Rassismus auf den Punkt: »Wir scheinen den Unterschied zwischen einer Person und der Persona (also der dichterischen Rolle der Figur, B. S.) durchaus zu verstehen – nicht aber, wenn diese Person schwarz ist.« Und nicht, wenn sie rappt, statt Gedichte bei der Amtseinführung von Präsidenten vorzutragen.

»I beat the murder and the other five attempts«, rappt Drakeo the Ruler in »Backflip or Sumn«, er habe es also geschafft, die Mordanklagen zu besiegen, aber es hat ihm nichts geholfen, er musste dennoch im Knast bleiben. Alles, was ihm blieb, war sein legendärer Flow: laid-back, dank seines Rhythmusgefühls immer wieder den Beat verweigernd und dann gelassen wiederfindend, sanft und doch auch aggressiv, wenn nötig; vor Selbstvertrauen strotzend und gleichzeitig von ungeheurer Melancholie geprägt. Wie Snoop Dogg war Drakeo ein Meister darin, seine sehr poetische Sprache mit codiertem Slang der Straße zu bereichern – doch gerade diese Sprachkunst verwendete das Gericht immer wieder gegen ihn, seine Musik sollte seine kriminellen Absichten beweisen. Die Kampagne »#FreeDrakeo« sorgte dafür, diesen Justizskandal öffentlich zu machen.

»If art imitates life, you should probably panic«, lautet eine der zentralen Zeilen des Albums; »wenn Kunst das Leben imitiert, sollte man wohl in Panik geraten« – es ist der Schluss, den der Rapper aus seinen Jahren im Gefängnis zog. Im November 2020 wurde Drakeo endlich aus der Haft entlassen. Im Februar 2021 veröffentlichte der Rapper das Mixtape »The Truth Hurts«, mit einem Gastauftritt von Drake. Darrell Caldwell, wie Drakeo the Rapper mit seinem bürgerlichen Namen hieß, wurde am 19. Dezember 2021 im Backstagebereich des »Once Upon a Time in L. A.«-Festivals in Los Angeles getötet, wohl, als er einen dort ausgebrochenen Kampf beenden wollte.

Drakeos Album »Thank You For Using GTL« sei »eine atemberaubende Darstellung dessen, was es bedeutet, im Jahr 2020 ein Gangsta-Rapper zu sein«, schrieb Pitchfork in einer jubelnden Albumrezension: »Ständig überwacht, für schuldig gehalten, bis die Unschuld bewiesen ist, und Druck von allen Seiten.« Und Drakeos Musik gibt wohl auch einen Einblick, wie struktureller Rassismus und soziale Missstände der Gesellschaft dafür sorgen, dass bedeutende Musiker in den USA mit nur 28 Jahren sterben. Es sind die Verhältnisse, die die Menschen umbringen – »the truth hurts«, diese Wahrheit schmerzt …

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