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Aus: Ausgabe vom 24.12.2021, Seite 3 (Beilage) / Medien

Starkoch und Startheologe

Von Arnold Schölzel

Am Montag fiel eine Ahnung von Glanz auf Bild: Deren Kolumnist Alexander von Schönburg schwärmte, seine Schwester Gloria von Thurn und Taxis habe am Sonnabend im Schloss St. Emmeram in Regensburg ein festliches Abendessen gegeben, das gleichzeitig »ein wissenschaftliches Colloquium« gewesen sei. Denn »zwischen den einzelnen Gängen (von Meisterkoch Alfons Schuhbeck höchstselbst) gab es kurze Vorträge.« Thema: Modernismus in der katholischen Theologie. Der Mann bekannte freimütig, er habe »trotz äußerster Konzentration« nur Bruchstücke verstanden. Da hatte seine Schwester den Zweck der spirituellen Sitzung bereits woanders mitgeteilt: Man dürfe »die Religion nicht nur den Mohammedanern überlassen«.

Gloria hatte das dem Schweizer Roger Köppel für dessen Videopodcast Weltwoche Daily ins Mikro gesprochen. Andere Gäste wie Peter Gauweiler oder Henryk Broder kamen dort leider nicht zu Wort, dafür neben Schuhbeck (»Starkoch«) ausführlich Gerhard Ludwig Kardinal Müller (»Startheologe«), als ehemaliger Chef der Glaubenskongregation im Vatikan, also Großinquisitor, ein Fachmann für Wahn und – wie Köppel vermutete – für »Kulinarik«. Müller meinte nur, es gebe neben dem Vatikan viele Restaurants »für jede Klasse«. Köppels zweites Interesse galt aber dem jüngsten Müller-Aufreger. Der Kardinal hatte sich in einem Interview an die Seite der Coronaverächter und deren Erzählung vom »Great Reset« gestellt. Gemeint ist damit eine angebliche Verabredung sogenannter Eliten, mit Hilfe der Pandemie die Weltbevölkerung zu dezimieren. Das setzt zwar voraus, dass die Verschwörer, einschließlich Wladimir Putins und der KP Kubas, riskieren, sich selbst dabei ins Jenseits zu befördern, aber je weniger Logik, desto besser für den Wahn. Die Kirche nutzt das, seit es sie gibt. Müller hatte gewarnt, die Pandemie werde ausgenutzt, um »die Menschen jetzt gleichzuschalten, einer totalen Kontrolle zu unterziehen, einen Überwachungsstaat zu etablieren«. Und hinzugefügt: »Ich möchte eigentlich nicht erschaffen und erlöst werden nach dem Bild und Gleichnis und Bild von Klaus Schwab, Bill Gates und George Soros, die nach Glasgow mit Privatjets sausen und der Masse die großen Sparmaßnahmen und Einschränkungen auferlegen.« Nun vorm Köppel-Mikrofon gab er das letzte Geheimnis preis: »Der Mensch ist nach Gottes Bild und Gleichnis gestaltet und nicht nach dem Bild von Lenin, Stalin oder Mao Zedong.« Anders gesagt: Alle sind Kommunisten.

Die Bolschewiken als Weltveränderer aller Art aber haben Müller und die Kirche schon lange besiegt. Das geht aus einem Interview hervor, das in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gleich nach dem geistlichen Saus und Schmaus erschien. Gegen den Kommunismus, erläuterte Müller dort, habe die Kirche mit der christlichen Soziallehre eine eigene Antwort entwickelt: »Sie will eine Überwindung der Klassengegensätze, aber nicht durch Klassenkampf, sondern durch moralische Prinzipien wie Soli­darität.« Das setzt voraus, dass es Klassen gibt. Und die will Müller überwinden. Das geht laut Müller aber nur ohne geweihte Frauen in der Kirche. Was keine Diskriminierung ist. Denn erstens: »Männer werden in der Kirche nicht be­vorzugt.« Und zweitens: »Der Empfänger des Weihesakraments kann nur ein Mann sein. Das folgt lo­gisch aus dem Rückbezug auf Christus.« Hat mit Logik nichts, aber viel mit Müller zu tun.

Auf jeden Fall: Liebe Freunde der Idee vom »Great Reset«, schließt euch dem Kardinal an, werdet katholisch und lasst euch mit Ausnahme der Frauen in logischen Glauben einweihen. Dann seid ihr geimpft gegen Lenin, Stalin, Mao, Davos, Gates und alle anderen und nächste Weihnachten mit dabei in St. Emmeram.

Liebe Freunde der Idee vom »Great Reset«, schließt Euch dem ­Kardinal an, werdet katholisch und lasst Euch mit Ausnahme der Frauen in logischen Glauben einweihen. Dann seid Ihr geimpft gegen Lenin, Stalin, Mao, Davos, Gates und alle anderen und nächste Weihnachten mit dabei in St. ­Emmeram.

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