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Aus: Ausgabe vom 15.12.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Nur das Vorspiel

Der Kriminalroman »Der Dschungel von Budapest« beschreibt die Stadt und ihre Schattenwirtschaft in den 90er Jahren
Von Werner Jung
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Von den Tischen der Reichen zur Tristesse der Vorstädte: Budapest in den 90ern (Café, 1995)

Das neue Ungarn nach der »Wende«, irgendwann in den 90er Jahren unter der Regentschaft des fiktiven Daniel Korvin. Ein Anschlag während eines international besetzten Marathonlaufs. Der ungarischstämmige US-Amerikaner Tamas Livermore arbeitet als Security-Mann an der Strecke. Er ist gestrandet in Budapest und schlägt sich mehr oder weniger so durch, mit Odd jobs oder als Privatdetektiv. Handelt es sich um Mafiaterror? Inmitten der undurchsichtigen Situation meldet sich der Anwalt Bela Doi mit dem Auftrag, Frau und Tochter in Sicherheit bringen zu lassen. Wenige Zeit später ist er tot – ermordet. Seine Wohnung auf den Kopf gestellt. Dabei spielt, wie sich herausstellt, eine ominöse Karte eine wesentliche Rolle.

Worum es geht, erschließt sich Tamas erst nach und nach. Aber das Ausmaß – und das mögen die zahlreichen Morde auf der Strecke belegen – ist kaum übersehbar. Bis in die höchsten Regierungsspitzen hinein reicht das kriminelle Netzwerk, dem der Ermittler auf der Spur ist, denn er hat den hochrangigen Anwalt der sogenannten Ölmafia zum Auftraggeber gehabt, und dieser hatte auf einer Karte verschiedene Öllager rund um die ungarische Hauptstadt eingetragen – Lager, in denen gepanschtes Benzin verhökert wurde. Tamas dämmert es, dass »Bela Doi, der Anwalt der Mafia, (…) mit dem Handel im Schatten der Ölindustrie zu tun gehabt (hatte). (…) Seit Heizöl subventioniert wurde, hatte sich eine Schattenwirtschaft gebildet. Es war nicht schwer, aus dem rot gefärbten Heizöl Benzin zu machen und auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Das Ganze war ein korrupter, undurchsichtiger Dschungel – und jene Journalisten, die darüber berichtet hatten, waren mittlerweile mundtot gemacht worden. Ein Fingerzeig der Mafiosi genügte. Es war ein gefährliches Metier.«

Der Krimierstling des Lektors Jerome P. Schaefer zeichnet sich durch eine genaue topographische Kenntnis der Stadt Budapest aus, die im Stil eines soliden Regionalkrimis von Ost nach West und Süd nach Nord vermessen wird. So beginnt der (wie der Klappentext vermerkt) auf Tatsachen beruhende Krimi in der Innenstadt unweit des Parlaments, um den Ermittler dann ebenso in die Budaer Reichenviertel in den Bergen wie in die tristen Vorstädte in der Nähe des Flughafens zu führen.

Gelungen ist dieser Krimi vor allem deshalb, weil er am Ende nichts auflöst und keine restaurierte heile Welt zeigt, sondern Tamas mit vielen Fragen und Vermutungen zurücklässt. Nur ab und an lichtet sich das Dunkel, scheint die Wahrheit auf, um danach wieder tief im Sumpf von Kriminalität und staatlicher Korruption zu versinken. Das System Korvin ist nur das Vorspiel zur Perfidie Viktor Orbans: »Daniel Korvin wollte tatsächlich das ganze Land unter seine Kontrolle bringen. Allerdings nicht nur mit Blick auf die Unterwelt, sondern auch dort, wo das Licht der Öffentlichkeit am hellsten war, ja überhaupt erst zu strahlen anfing: in den Medien.«

Jerome P. Schaefer: Der Dschungel von Budapest, Transit-Verlag, Berlin 2021, 144 Seiten, 18 Euro

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