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Aus: Ausgabe vom 09.12.2021, Seite 6 / Ausland
Angeblicher Antiterroreinsatz

»Nieder mit Frankreich«

Trotz Abzugsankündigung: Wachsender Widerstand gegen französische Truppen in Sahelländern
Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Wie hier im malischen Bamako werden die Forderungen nach Unterstützung aus Russland lauter

In den kommenden Wochen will Frankreich angeblich seine militärische Operation »Barkhane« in Mali und Niger beenden und den größten Teil seiner dort bisher stationierten rund 5.000 Soldaten abgezogen haben. Der vermeintliche Rückzug, den Präsident Emmanuel Macron Ende Juni – die kommende Präsidentschaftswahl fest im Blick – angekündigt hatte, stellt sich allerdings alles andere als einfach dar: Junge Menschen in Burkina Faso und Niger blockierten Ende November tagelang einen Militärtransport der alten Kolonialmacht und verdächtigen Macrons inzwischen als »Besatzer« angefeindete Streitmacht, dschihadistische Einheiten mit Kriegsmaterial zu versorgen. Ihr Kampfruf: »À bas la France (Nieder mit Frankreich)!«

Die Idee, die hinter dem angekündigten Ende von »Barkhane« stecke, hieß es im Sommer in Paris, sei die Überführung der »militärischen Operation« in eine engere »Kooperation mit den Alliierten« vor Ort. Die versprochene Schließung von Basen und der Truppenabzug beschränkten sich in Wirklichkeit allerdings darauf, einen Teil der Soldaten nach Hause zu schicken und den Akzent statt dessen »auf strukturierte Spezialeinheiten im Rahmen der (multinationalen, jW) Operation Takuba« zu setzen, wie Macron gleichzeitig erklärte. Nicht mehr die flächendeckende Bekämpfung des dschihadistischen Terrors sei nun das Ziel, sondern »die Eliminierung der Chefs und die Zerstörung der Netzwerke«.

Die Sicherheitslage hat sich seither in der gesamten Zone – Mali, Niger, Burkina Faso – eher noch verschlechtert. Bei einem Anschlag von Dschihadisten auf einen Polizeiposten in Inata im Norden Burkina Fasos wurden am 14. November nach Regierungsangaben 49 Gendarmen und vier Zivilisten getötet. »Zu wenig Waffen«, um sich zu verteidigen, klagten danach die Anführer sogenannter Dorfmilizen. Staatschef Roch Kaboré erkannte unterdessen diese als »erste Verteidigungslinie gegen die terroristische Bedrohung« an, wie die Pariser Tageszeitung L’Opinion Ende November ausführte. Von einer »Delegierung staatlicher Souveränität an bewaffnete Gruppen, die Machtmissbrauch zur Folge« habe, sprachen Vertreter von Hilfsorganisationen vor Ort.

Die wachsende Überzeugung in der Bevölkerung, dass es sich bei der inzwischen mehr als fünf Jahre andauernden französischen Intervention um »Imperalismus« handelt, wird für die Regierenden, Kaboré in Burkina Faso wie auch Mohammed Bazoum in Niger, immer mehr zum Problem. Um die Wogen zu glätten, drückte Bazoum nach der Blockade des Konvois in Téra und der sich daraus entwickelnden Gewalt sein Bedauern gegenüber den französischen Soldaten über »die Kampagne, die gegen sie geführt wird« aus. Die Bevölkerung schließe sich »dieser Linie nicht an«, korrigierte Idrissa Soumana, der Zweite Bürgermeister der Gemeinde Téra, seinen Staatschef. Anderntags zitiert von französischen Medien wies Soumana darauf hin, dass seine Region Tillabéri die am stärksten von regelmäßigem Massenmord an der Bevölkerung betroffene Gegend sei. Seit Jahresbeginn hätten dort mehr als 600 Menschen ihr Leben gelassen. »Als sie über soziale Netzwerke von den Blockaden in Kaya (in Burkina Faso, jW) erfuhren, wollten die Kinder in Téra es ihnen gleichtun, denn auch sie sind überzeugt, dass die Franzosen die Dschihadisten versorgen«, erklärte er weiter. Kein Wunder also, dass der Konvoi von 90 Lastwagen der französischen Armee auf dem Weg von Abidjan (Côte d’Ivoire) nach Goa (Mali) genau dort blockiert wurde. Und die Forderungen nach einer »neutralen« Intervention der Russischen Förderation werden unterdessen lauter, wie auch die Pariser Tageszeitung Libération konstatieren musste.

Wer auf die jungen Demonstranten in Téra geschossen hat, blieb bisher im dunkeln. Weder Paris noch Niamey ließen bisher großes Interesse erkennen, die Verantwortlichen für die zwei Toten und zahlreichen Verletzten zu finden. Vermutlich, weil sie in Paris und der Hauptstadt Nigers zu finden wären.

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