75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 28. Januar 2022, Nr. 23
Die junge Welt wird von 2569 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 04.12.2021, Seite 11 / Feuilleton
Geistesgeschichte

Das ist alles falsch

Der gute Geist der alten Bundesrepublik: Ein Band mit Briefen des Publizisten und Übersetzers Walter Boehlich
Von Stefan Gärtner
11.jpg
»Sinnfindung und Wahrheitsfindung sind doch etwas sehr Köstliches«: Walter Boehlich (1951)

Bei guten Büchern darf man das wenige Schlechte ruhig vorwegnehmen, und das Schlechteste an der von Christoph Kapp und Wolfgang Schopf besorgten Auswahl aus den Briefen des großen Übersetzers, Philologen und Publizisten Walter Boehlich (1921–2006) ist das Titelfoto. Der Band ist voller Fotografien, die Boehlich als das zeigen, was er war, ein Kopf, ein Typ, ein ­Intellektueller wie aus dem Bilderbuch, und das einzige Foto, auf dem Boehlich sich gar nicht ähnlich sieht, sondern wie der Märchenonkel vom Kirchenfunk in die Linse lacht, hat Schöffling vorn ­draufgepappt. Das Frontispiz, ein ­klassischer Boehlich samt Aura und Pfeife, macht den Fehlgriff um so deutlicher.

Zu Lebzeiten vergessen

Auf Seite 237, Brief an Erich Fried betr. Ernst Jünger, fehlt womöglich ein Halbsatz (oder fehlt bloß ein »sic«?), und an drei, vier Stellen hätte den gründlich gearbeiteten Fußnoten ein Lektorat gutgetan. Doch abgesehen davon (und dass der Apparat irgendwo »das letzte fiktive Werk von Koeppen« verzeichnet) lässt sich gegen »Ich habe meine Skepsis, meine Kenntnisse und mein Gewissen« allenfalls einwenden, dass es so lange gedauert hat, bis die Boehlich-Philologie jetzt endlich Fahrt aufnimmt. Freilich war der große Mann, der aus dem Englischen, Französischen, Spanischen, Dänischen, Schwedischen übersetzte, von 1957 bis 1968 Cheflektor bei Suhrkamp war und den Verlag der Autoren mitgründete, schon zu späteren Lebzeiten etwas in Vergessenheit geraten und hauptsächlich durch seine Kolumne in Titanic präsent; ein Umstand, über den er bereits 1981, mit eben 60, an Helmut Heißenbüttel schrieb (und zwar, wie meist seit den späten 70er Jahren, klein): »mit der welt hat es aufgehört, (…) die zeit ist mir vergällt durch raddatz, und so immer weiter, bis von den ›bürgerlichen‹ fast nur noch die süddeutsche übriggeblieben ist. konkret, titanic, die deutsche volkszeitung – daran hätte ich in unseren hamburger jahren nie auch nur gedacht, aber jetzt scheint es mir in den grenzen, in denen es überhaupt einen publizistischen sinn geben kann, sinnvoll.«

Denn Boehlich war zwar kein Marxianer, aber doch ein Linker, für den links zuallererst »mein Bedürfnis nach Gerechtigkeit« abbildete, ein Bedürfnis, das von dem nach Wahrheit nicht leicht zu trennen ist: Der hochgebildete Übersetzer und der politische Publizist Boehlich schöpften aus derselben Quelle. »Es ist ein Geduldsspiel«, schreibt Boehlich 1954, als er an einer Kritik von Eva Rechel-Mertens’ Proust-Übersetzung sitzt (für deren Revision im Rahmen der Suhrkamp-Werkausgabe er später zuständig sein wird), »aber Sinnfindung und Wahrheitsfindung sind doch etwas sehr Köstliches. Ich staune immer wieder über die Abwesenheit, mit der Übersetzer übersetzen; es fällt ihnen kein sachlicher Unsinn auf«, denn sie hätten immer nur »die erste Bedeutung« eines Wortes parat. So wie sie sich in den politischen Redaktionen gern mit der oberflächlichen Freiheit der gottweißwie sozialen Marktwirtschaft zufriedengeben, während ­Boehlich 1968 einem FAZ-Wirtschaftsjournalisten das alles dahingehend übersetzt, »dass diese Gesellschaft unter anderem deswegen äußerlich so floriert, weil sie ihrem Souverän, dem Bürger, das Rückgrat zu brechen pflegt … Kein Student hat bis heute auch nur einen Bruchteil dessen zerstört, was diese Gesellschaft zufrieden jeden Tag zerstört. Offensichtlich darf nur die herrschende Gesellschaft Tote einkalkulieren, auf der Autobahn oder im Starfighter«. Und das denkwürdige Jahr hatte gerade erst begonnen, da erfuhr Joseph Breitbach, dass man Dutschke brauche, ob man ihn nun möge oder nicht, »weil liberale Leute wie Sie und ich noch nie etwas erreicht haben (…) So wie die Welt aussieht, kann man sich gar nicht genug aufregen«.

Deutschland erwacht wieder

Und so wie manche Übersetzungen aussehen, muss man eben gleichfalls finden: »das ist alles falsch (…) siri kann keinen ›kamin‹ gemietet haben, sondern nur einen ›kanonenofen‹ (…) der kritiker, der ein schwedisches original zu rate zöge, müsste in diesem lande erst noch geboren werden. es werden also die ahnungslosen schreiben.« So unglücklich das Titelfoto, so glücklich der Titel, denn mag es auch ein Gewissen ohne Skepsis und Kenntnis geben – im religiösen Glauben nämlich, der dem gebürtigen Breslauer Boehlich, der eine jüdische Mutter hatte, so vollkommen fremd war –, so wird doch aus Kenntnis Skepsis und aus Skepsis wieder Kenntnis, und aus beiden ergibt sich dialektisch ein Gewissen, das als intellektuelles zu einem moralischen werden muss. Und so wurde aus dem Büchernarren (»Antiquariate – das ist meine ganze Leidenschaft«) und klausnerischen Hundefreund (»ich bin ja gern allein«), der zwar Assistent bei Ernst Robert Curtius gewesen war, aber über keinen Studienabschluss verfügte, einer, der »anders über Geschichte oder Politik denkt« und sich »mit vielem, womit die meisten sich abfinden, nicht abfinden kann und will«, begonnen beim Unwillen der deutschen Germanistik, sich ihrer Nazivergangenheit zu stellen, über die zentrale Lebenslüge der Nachkriegsrepublik (»Wäre nicht die Mehrheit der Deutschen verstohlen oder offen antisemitisch gewesen, dann hätten wir weder ihn«, ­Hitler, »noch Auschwitz bekommen«) bis zur deutschen »Einheit«, die er für eine »Katastrophe« hielt. An der geschichtsvergessenen ­Restauration nach dem Mauerfall wurde er fast irre und war ­»fassungslos, wie deutschland wieder einmal zu sich selbst zu erwachen versucht«.

Der Phrase und dem Kitsch war ­Boehlich so feind wie jeder, der durch Sprache lebt, und doch fällt es schwer, den Band nicht eine Intellektualgeschichte der alten Bundesrepublik zu nennen, schon weil sich vieles um Suhrkamp und Siegfried Unseld dreht. Die neue blieb ihm, der mit Benn, Beckett, Adorno, Marcuse, Frisch, Enzensberger e tutti quanti korrespondiert hatte, suspekt, so wie ihm alles Nationale suspekt war, als nämlich geistlos, vulgär und bloß Herrschaftsinteresse dienend. Auch das ist Phrase, dass einer ein Mann von Geist gewesen sei, aber wie sonst soll man ­Boehlich nennen? Vielleicht war er sogar so etwas wie der gute Geist der alten Bundesrepublik. Als sie endete, war er beinahe 70, und zehn Jahre später, nach 500 Seiten Schärfe, Witz, ­Kritik und Urteilskraft, schreibt Boehlich dem alten Freund Peter ­Wapnewski: »nein, mit solchem alter und so hohem habe ich nicht gerechnet. Es ist ­leider möglich, gibt aber keinen sinn. im grunde habe ich keine lust mehr, kann es aber niemand sagen.«

Dass die Biographie in Arbeit ist, hören wir gern.

Walter Boehlich: »Ich habe meine Skepsis, meine Kenntnisse und mein Gewissen«. Briefe 1944 bis 2000. ­Herausgegeben von Christoph Kapp und Wolfgang Schopf, Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2021, 544 Seiten, 50 Euro

Zeitung gegen Profitlogik

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Mehr aus: Feuilleton