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Aus: Ausgabe vom 04.12.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Misswirtschaft

Wenn der Mast nach oben fällt

Südafrikas staatlicher Stromversorger wird durch Sabotage geschwächt. Nutznießer sollen korrupte Dienstleister sein
Von Christian Selz, Kapstadt
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Kein Spiel: Südafrikas staatlicher Stromversorger Eskom ist Ziel von Sabotageakten (Johannesburg)

Immer wieder geht in Südafrika das Licht aus. Wenn der staatliche Stromkonzern Eskom den Bedarf nicht mehr decken kann, wird nach einem festen Stundenplan in den Kommunen reihum der Strom abgeschaltet. Je nachdem, wie gravierend der Mangel ist, mehrmals täglich. Grund dafür sind in erster Linie das jahrelange Kaputtsparen des Stromversorgers, verzögerte Wartungsarbeit und die Plünderung der Eskom-Kassen durch korrupte Netzwerke. Ende November wurde nun noch eine weitere Ursache öffentlich: Sabotage. Inzwischen verdichten sich auch die Hinweise darauf, wem dies nutzen soll.

Er habe stets versucht, »nicht für böswilliges Handeln zu halten, was auch mit Inkompetenz erklärt werden kann«, erklärte Eskom-Chef André de Ruyter am 18. November auf einer Pressekonferenz. Inzwischen habe er aber »Schwierigkeiten, zu glauben, dass das Zufall ist«, erklärte er mit Verweis auf die jüngsten Zwischenfälle. Die Bilder, die de Ruyter dann einen Tag später vorlegte, lassen auch kaum einen anderen Schluss zu. Zu sehen war darauf ein umgestürzter Strommast, der genau so bergauf gekippt war, dass er in die parallel laufende Reserveleitung fiel. Die Trasse versorgt das Kohleförderband am Kraftwerk Lethabo, 70 Kilometer südlich der Wirtschaftshochburg Johannesburg. Der Vorfall ereignete sich demnach am 17. November gegen 18 Uhr, also genau vor der abendlichen Hauptlastzeit.

In seiner ersten Stellungnahme hatte de Ruyter am 18. November noch von einem »erstaunlichen Vorfall« gesprochen, einen Tag später äußerte er sich vor dem Hintergrund erster Ermittlungsergebnisse deutlicher: Alle acht Stützstangen des Strommasts seien durchtrennt worden.

»Es gibt keine Anzeichen von Rost, keine Zeichen für Materialermüdung«, führte der Eskom-Chef aus. Gleichwohl gebe es aber »Beweise, dass ein Schneideinstrument benutzt wurde, entweder eine Säge oder ein Trennschleifer«. Es handele sich um »einen klaren Fall von Sabotage«, erklärte de Ruyter schließlich ohne Umschweife. Verdachtsfälle habe es bereits seit einiger Zeit gegeben, dies sei nun jedoch »das deutlichste Anzeichen bisher, dass es Menschen gibt, die die Wirtschaft schwächen wollen, indem sie sehr schwerwiegende und substantielle Stromausfälle verursachen«.

Nun hätte der Eskom-Chef freilich Grund dazu, die Schuld für die häufigen Stromabschaltungen bei anderen zu suchen, um von hausgemachten Problemen abzulenken. Experten glauben aber, dass der Sabotageverdacht berechtigt ist. Es sei unwahrscheinlich, dass die wiederkehrenden Zwischenfälle in Kraftwerken im Zusammenhang mit Wartungsarbeiten stünden, sagte Mark Swilling, Professor für nachhaltige Entwicklung an der Universität Stellenbosch, der Wochenzeitung Sunday Times am 21. November. Es gäbe zudem zahlreiche Sabotagevorwürfe aus verschiedenen Quellen, so Swilling. Auch de Ruyter hatte von weiteren Vorfällen aus der jüngsten Vergangenheit berichtet, bei denen ein Sabotageverdacht besteht. So war beispielsweise im Kohlekraftwerk Matimba in Südafrikas nördlichster Provinz Limpopo ein Verlängerungskabel in einen Trafo geworfen worden, so dass in der Folge die Kühlung für drei Kraftwerksblöcke ausfiel.

In ihrer jüngsten Ausgabe vom 28. November verweist die Sunday Times zudem auf einen forensischen Bericht, der bereits im Januar 2020 erstellt worden war, dem Eskom-Management vom zuständigen Ministerium für Staatsbetriebe aber erst im Juni dieses Jahres vorgelegt worden sei. Demnach würden Sabotageakte von Mitarbeitern begangen, die mit Dienstleistungsunternehmen kollaborieren, die dann daran verdienten, den Schaden zu überteuerten Konditionen wieder zu beheben. Für Eskom scheint sich so das jahrelange Auslagern wichtiger Kapazitäten an Privatunternehmen zu rächen.

Die korrupten Netzwerke rund um den staatlichen Strommonopolisten stammen noch aus der Ära des 2018 zurückgetretenen Expräsidenten Jacob Zuma, der Schlüsselstellen in Staatsbetrieben mit Loyalisten besetzt hatte, um mit ihm vernetzten Unternehmern zu überteuerten Aufträgen zu verhelfen. Einer Einschätzung des Wirtschaftsforschungsinstituts Bureau for Economic Research an der Universität Stellenbosch zufolge gibt es Hinweise darauf, dass es sich bei den Sabotageakten um »koordinierte Aktionen« von Akteuren aus diesen Kreisen handele, die so das Eskom-Management um den Anfang 2020 angetretenen de Ruyter wieder verdrängen wollten. Diesen Kräften entgegenzutreten wäre nun eigentlich die Aufgabe der Sonderermittlungseinheit der Staatsanwaltschaft. Deren Leiterin Hermione Cronje jedoch gab am vergangenen Donnerstag nach nur zweieinhalb Amtsjahren ihr Rücktrittsgesuch bekannt – offiziell aus privaten Gründen, Insidern zufolge aber, weil sie ihre unterfinanzierte Behörde in einem Kampf gegen Windmühlen sah.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev R. aus Tshwane, Südafrika ( 5. Dezember 2021 um 18:54 Uhr)
    In der Tat, die Geschichten um Eskom hätte sich der klassische Krimiautor Dashiell Hammett nicht besser ausdenken können. Doch Eskom ist nicht das einzige Ziel von Saboteuren, die hier offensichtlich mit Insiderwissen und äußerst professionell vorgehen. Das staatliche Eisenbahnnetz wird ebenfalls Stück um Stück demontiert, von kriminellen Elementen, wie es heißt, die aber nie dingfest gemacht werden. Wenn nahezu ganze Bahnhöfe abgetragen, Schienen und Bohlen aus ihrer Verankerung abmontiert werden, alles bei Nacht und Nebel, und keiner hat was gesehen … In Kapstadt wurden über mehrere Monate hinweg zig Eisenbahnwagons der Vorortbahnen abgefackelt. In Gauteng ist der systematische Klau von Kupferkabeln eine der Hauptursachen, dass ständig die Metrorail-Züge ausfallen, die zehntausende Pendler tagtäglich zur Arbeit transportieren. Und erst vorgestern haben Lastwagenfahrer am Van-Reenen-Pass in KwaZulu-Natal wieder mal die Hauptader des Güterverkehrs, die N 3, über viele Stunden blockiert. Von den ausgedehnten Zerstörungen, Brandstiftungen und Plünderungen im Juli diesen Jahres ganz zu schweigen. Die Zunahme dieser »Zufälle« ist zunehmend auffällig. Und die Justiz kommt offenbar nicht hinterher, weil sie nicht kann – oder nicht soll. Wahrscheinlich beides. Die ausgesprochen prozessorientierte Vorgehensweise des Staats- und ANC-Chefs Matamela Ramaphosa greift hier nicht mehr, weil zu zeitraubend und obendrein verbunden mit Etatkürzungen bei der Staatsanwaltschaft. Der Rücktritt der Chefermittlerin Hermoine Cronjé spricht Bände. Politische Kommentatoren weisen in diesem Zusammenhang immer wieder darauf hin, dass einflussreiche Kräfte in den Staatssicherheitsbehörden ihre Finger im Spiel haben, ein Ausfluss der anhaltenden und schärfer werdenden Fraktionskämpfe innerhalb der regierenden Partei, des ANC.

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