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Aus: Ausgabe vom 04.12.2021, Seite 5 / Inland
Vulnerable Gruppen

Vom Wohlstand abgekoppelt

Laut Studie des Paritätischen Gesamtverbandes ist die Zahl von Armut betroffener Menschen mit Behinderung drastisch gestiegen
Von Ralf Wurzbacher
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Immer mehr Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung sind von materieller Not betroffen

Die Zahl der in materieller Not lebenden Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung hat in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten drastisch zugenommen. 2018 war jeder fünfte Mensch mit Behinderung von Armut betroffen, während es im Jahr 2000 noch jeder achte war. So steht es im dritten »Teilhabebericht 2021«, den der Paritätische Gesamtverband am Freitag vormittag veröffentlicht hat. Man beobachte mit »großer Sorge«, wie die Schere bei der Einkommensarmut zwischen Behinderten und Nichtbehinderten seit längerem »sichtbar auseinander« geht, erklärte der Verbandsvorsitzende Rolf Rosenbrock in einer Medienmitteilung. Der Report ist mit Unterstützung der Stiftung »Aktion Mensch« aus Anlass des gestern begangenen Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung erschienen.

»Behinderungen werden immer mehr zum Armutsrisiko«, konstatierte Rosenbrock, und weiter: »Wir dürfen es nicht zulassen, dass beeinträchtigte Menschen immer weiter abgehängt werden.« Inklusion heiße, »Barrieren zu beseitigen und soziale Ungleichheit entschieden zu bekämpfen«. Laut Bericht gehören Menschen mit Handikap seit Mitte der 2000er »deutlich häufiger« einem Haushalt mit einem Einkommen unterhalb der Armutsschwelle an. Besonders deutlich sind die Unterschiede bei Personen im mittleren Lebensalter zwischen 25 bis 64 Jahren. Kaum nachweisbar sei die Diskrepanz dagegen in der Altersgruppe der über 65jährigen. Das allerdings taugt nicht zur Entwarnung, denn Armut im Alter ist längst ein gesellschaftliches Massenphänomen. »Wenig überraschend« bezieht der Großteil der Leidtragenden gemäß der Erhebung eine Rente beziehungsweise Pension, die offenbar kaum zum Leben reicht. In Nöten stecken aber auch viele, die eine Erwerbsminderungsrente erhalten.

Die Untersuchung basiert auf Daten des »Sozio-oekonomischen Panels« (SOEP), einer seit 1984 jährlich stattfindenden, repräsentativen Befragung von Privathaushalten. Die Analysen offenbarten, »dass in den vergangenen 15 Jahren immer mehr Menschen mit Behinderung vom steigenden Wohlstand der Gesellschaft abgekoppelt worden sind«, beklagte Rosenbrock. Beim Vergleich von Menschen mit und ohne Behinderung bei Betrachtung längerer Zeiträume zeigt sich für erstere, dass sie zu einem höheren Anteil »zumindest punktuell in prekären finanziellen Verhältnissen« leben – »Tendenz steigend«. In den vergangenen Jahren habe es zwar zahlreiche Versuche gegeben, die Situation zu verbessern, bemerkte der Verbandschef. Sie seien aber nicht ausreichend gewesen. Zudem sei das Hilfesystem zuwenig auf die Interessen und Lebenslagen der Einzelnen ausgerichtet.

Vorschläge zur Wahrung der Interessen von Menschen mit Behinderung liefert der Leiter der »Aktion Mensch«, Friedhelm Pfeiffer, in einem der Studie vorangestellten Grußwort. Um das Motto »Nichts über uns ohne uns« umzusetzen, sei es wichtig, »neue Teilhabekonzepte zu entwickeln, die den Leitgedanken der Partizipation auch selbst einlösen«. Das betreffe »Angebote für Austausch, Beratung, Diskussion und Information genauso wie die Beteiligung an der Konzeption und Umsetzung von Forschungsaktivitäten«. An die kommende Bundesregierung appellierte Rosenbrock, »Ideen und Lösungen« zu entwickeln, um die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, »dass Menschen mit Behinderung ihre gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft in ihrem Sinne und nach ihren Vorstellungen realisieren können«.

Konkret fordert der Paritätische Gesamtverband von der Politik, »das Wunsch- und Wahlrecht konsequent umzusetzen, Eingliederungshilfen unabhängig von Einkommen und Vermögen zu gewährleisten und Arbeitslosen- und Rentenversicherungsleistungen armutsfest auszugestalten«. Die in der Koalitionsvereinbarung der Ampelparteien angekündigten Verbesserungen für Erwerbsgeminderte seien »ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin«, erklärte Rosenbrock.

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